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FÜRSORGE: «Die Kesb stellt einen Fortschritt dar»

Der Zuger Unternehmer Guido Fluri verteidigt die Institution Kesb – und erklärt, wie diese dank einer Ombudsstelle besser funktionieren könnte.
Interview Ernst Meier
Guido Fluri am Sitz der GF Holding in Cham. Er erlebte als Heimkind selber, was es heisst, wenn die Behörden bestimmen, wo und bei wem man aufzuwachsen hat. (Bild: Stefan Kaiser / Neue ZZ)

Guido Fluri am Sitz der GF Holding in Cham. Er erlebte als Heimkind selber, was es heisst, wenn die Behörden bestimmen, wo und bei wem man aufzuwachsen hat. (Bild: Stefan Kaiser / Neue ZZ)

Die immer wieder kritisierte Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde Kesb kann auf prominente Unterstützung zählen. Der Wohltäter Guido Fluri erklärte Anfang Dezember, dass es zwingend nötig sei, das Vertrauen in die Behörde zurückzubringen. Dafür hat er vorgeschlagen, eine Ombudsstelle für die Kesb zu finanzieren (wir berichteten). Seine Idee soll schon bald Realität werden und nachhaltig wirken.

Guido Fluri, wollen Sie mit der Schaffung einer Ombudsstelle die umstrittene Kesb retten?

Guido Fluri*: Mir geht es einzig und allein um den Kinder- und Erwachsenenschutz, um die Betroffenen also. Für diese ist die Kesb zuständig, weshalb man hier auch ansetzen muss. Man kann die Abschaffung einer Behörde fordern oder aber auf Verbesserungen hinarbeiten. Ich bin vom zweiten Weg überzeugt und versuche deshalb meinen Beitrag hier zu leisten.

Weshalb braucht es eine Ombudsstelle für die Kesb?

Fluri: Jede Woche erhält meine Stiftung Post von Dutzenden von hilfesuchenden Menschen, die aufgrund eines Kesb-Verfahrens in eine scheinbar ausweglose Situation geraten und verzweifelt sind. Hier geht es nicht nur um Kinder-, sondern auch um Erwachsenenschutz. Oftmals ist die Situation so verfahren, dass die Kesb und die Betroffenen nicht mehr zusammenarbeiten können. Es findet keine Kommunikation mehr statt. Dadurch erhöhen sich Risiken einer Eskalation, da viele keinen Ausweg mehr sehen. Deshalb braucht es in solchen Fällen eine neutrale, nichtstaatliche Stelle, die im Gespräch die Situation entschärfen kann. Dies wäre die zentrale Arbeit dieser Fachstelle.

Was erhoffen Sie sich durch eine Ombudsstelle?

Fluri: Die Ombudsstelle soll bei Konfrontation oder Resignation so vermitteln können, dass eine vernünftige Lösung erarbeitet werden kann. Vor allem wenn Kinder und ihre Rechte involviert sind, ist ein solches Angebot meines Erachtens nicht nur hilfreich, sondern auch zwingend angebracht.

Wie gehen Sie in der Sache weiter vor?

Fluri: Wir werden nun gemeinsam mit unseren Partnerorganisationen in einer ersten Arbeitssitzung im Januar die Konturen für eine neutrale, nichtstaatliche Ombudsstelle schärfen. Dabei wird auch die Konferenz für Kindes- und Erwachsenenschutz (Kokes) ihre Inputs geben. Die Ombudsstelle soll breit abgestützt sein.

Sie wollen die Stelle in einer ersten Phase durch Ihre Stiftung finanzieren. Wie hoch wird die finanzielle Unterstützung sein?

Fluri: Die Kosten sind wir erst noch am Berechnen, denn sie sind von der Ausgestaltung und vom Angebot der geplanten Stelle abhängig. Wenn man eine professionelle Ombudsstelle mit Fachkräften in drei Landesteilen aufbauen will, sprechen wir in einer ersten Phase von mehreren hunderttausend Franken.

Besteht nicht die Gefahr, dass ohne Ihre oder eine andere private Finanzspritze das Projekt wieder abgebrochen wird?

Fluri: Selbstverständlich braucht es langfristig eine Lösung, und da es keine ähnliche staatliche Institution gibt, braucht es private Träger. Als Unternehmer denke ich nachhaltig, auch hier, wenn es um eine Ombudsstelle beim Kinder- und Erwachsenenschutz geht. Ein Abbruch kommt für mich nicht in Frage!

Sie kritisieren, dass die Entscheide der Kesb in einer Sprache abgefasst sind, die viele Eltern beziehungsweise Familienmitglieder nicht verstehen. Müsste man da nicht die Kesb reformieren statt eine Ombudsstelle zu schaffen?

Fluri: Wir haben zusammen mit der Kokes in diesem Monat eine Tagung zur Frage der Kommunikation zwischen zerstrittenen Parteien durchgeführt. Dass es hier Verbesserungspotenzial gibt, hat man auch bei der Kokes eingesehen. Aus diesem Grund will man hier nun einen Effort leisten, weniger schriftlich und mehr mündlich kommunizieren. Ein Schritt in die richtige Richtung, denn die juristisch abgefassten Briefe mit ihren Verfügungen empfinden viele Betroffene als Stigmatisierung. Es braucht selbstverständlich in einem Verfahren den juristischen Teil. Trotzdem sind solche Eingriffe mit grosser Tragweite verbunden und verändern das Leben der Betroffenen schlagartig. Es braucht nebst der formellen Zwangsmassnahme unabdingbar auch eine gute Betreuung danach.

Befürchten Sie nicht, dass eine Ombudsstelle keinen Nutzen bringt? Die Behörden werden sich am Schluss immer durchsetzen. Verzweifelte Betroffene werden wohl wie in früheren Fällen ins Ausland flüchten.

Flur: Es gibt diverse Ombudsstellen in verschiedenen Gebieten, und dabei zeigt sich immer wieder: Ombudsstellen sind hilfreich und erfolgreich. In den meisten Fällen können sie vermitteln und dadurch zu einer vernünftigen Lebenssituation beitragen. Und nochmals: Die Behörden haben einen Gesetzesauftrag, sie müssen für den Kindes- und Erwachsenenschutz einstehen.

Sie haben Ihre Kindheit in Heimen und bei Pflegeeltern verbracht. Damals gab es die Kesb noch nicht. Was denken Sie über die heutige Lösung?

Fluri: Wenn ich an meine Jugend zurückdenke, wo man in einem kleinen Dorf von einer Laienbehörde als uneheliches Kind abgeurteilt wurde, dann weiss ich: Die Kesb stellt keinen Rückschritt dar, sondern grundsätzlich einen Fortschritt. Trotzdem sollten heute die Gemeinden durch ihre Nähe zu den betroffenen Familien stärker in den Entscheidungsprozess der Kesb eingebunden werden. Dies verbessert insgesamt die Beurteilung. Aber durch die psychologischen Fachkräfte hat sich die Situation gegenüber früher massiv verbessert. Heute ist man sich sehr wohl bewusst, was gewisse Einflüsse in der Entwicklung des heranwachsenden Kindes für Auswirkungen haben. Dieses Bewusstsein war früher eher untergeordnet.

Fälle aus jüngster Zeit brachten die Kesb weitherum in die Kritik. Die Autorin Zoë Jenny gilt als vehemente Gegnerin der Behörde. Verstehen Sie die Kritik der Kesb-Gegner?

Fluri: Ohne auf Personen einzugehen – wenn ich die Fälle sehe, die bei uns in der Stiftung landen, dann versteht man sehr wohl, warum die Kritik entstanden ist. Die Kesb hat über 130 000 Fälle pro Jahr; in den allermeisten Fällen arbeitet die Behörde gut. Es gibt aber auch Entscheide, die schlicht nicht verstanden werden. Da verstehe ich die aufgestaute Wut der betroffenen Familien. Hier ist wichtig, diese Fehlentscheide zu filtern und nochmals einer Beurteilung zu unterziehen. Auch hier kann eine Ombudsstelle unterstützen und vermitteln. Kinder gehören grundsätzlich zur Familie! Es muss nach einem Entzug der Obhut auch wieder eine Perspektive aufgezeigt werden, dass unter bestimmten Voraussetzungen das Kind wieder bei seinen Eltern oder einem Elternteil sein kann. Dies im Gespräch aufzuzeigen und daran zu arbeiten, benötigt sehr gut geschultes Fachpersonal im psychosozialen Bereich. Dazu braucht es aber auch die nötigen Ressourcen. Viele Beistände haben teils über 100 Fälle, die sie betreuen. Eine gute Betreuung für einen Vertrauensaufbau ist so praktisch nicht möglich.

Interview Ernst Meier

Hinweis

* Guido Fluri (49) setzt sich neben seinen unternehmerischen Tätigkeiten (Immobilien, Mode- und Schuhkette Pasito-Fricker u. a.) mit eigenen Stiftungen für karitative Aufgaben ein. Fluri ist Vater der Wiedergutmachungs-Initiative, die einen Solidaritätsbeitrag für Verdingkinder und Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen fordert. Die GF-Stiftungen haben ihren Sitz in Cham.

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