FUNDSTÜCK: Shiatsu aus der Dose

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Fast wie eine Massage: Richard Barisic erklärt zwei Messebesucherinnen den Shiatsu Body Belt. (Bild Werner Schelbert)

Fast wie eine Massage: Richard Barisic erklärt zwei Messebesucherinnen den Shiatsu Body Belt. (Bild Werner Schelbert)

Messen sind nicht nur lustig, Messen können im Gegenteil richtig anstrengend sein. Nach einer endlosen Strecke zwischen Ständen mit den allerneusten Unmöglichkeiten und dem möglichst neusten Allerlei schmerzen meine Füsse.

In meinen Taschen finden sich die Spuren der erlebten Mühsal. Ich setze mich und mache Inventar. Messerabattangebote für einen Jahresvorrat an Vitamin-Bouillon, verbilligten Eintritt in ein Wellnesshotel in der Steiermark, ein Kondom einer Versicherungsgesellschaft, eine Empfehlung, ich solle meine Wirbelsäule trainieren, und Gummibärchen, von denen ich nicht sicher bin, wo ich sie bekommen habe. Plus nochmals drei Kondome, die mir der Versicherungsmann augenzwinkernd aufdrängte. Jaja, Sicherheit und so, lustiges Wortspiel, ich hab schon verstanden, danke. Marketingtypen können so anstrengend lustig sein. Ich seufze und lege den Kopf in den Nacken.

«Mal ausprobieren?» Ich öffne die Augen und gucke zur Seite. Jetzt erst sehe ich, wo ich mich hingesetzt habe. Eine Stuhlreihe, in blaues Licht getaucht, und über jedem Stuhl wartet etwas, das direkt aus einem Siebzigerjahre-Science-Fiction-Streifen entsprungen scheint. «Das sind Massagegürtel», klärt mich der Verkäufer neben mir auf dem Stuhl auf. Er selbst hat die Augen wieder geschlossen und geniesst, wie sein eigenes Produkt ihm den Nacken lockert. So stelle ich mir die Stimmung in einem Amsterdamer Coffeeshop vor. Ausprobieren schadet ja nichts.

Unter den kundigen Anweisungen des Verkäufers lege ich mir das merkwürdig rumorende Teil um den Nacken. «Das imitiert die klassische Shiatsu-Massage», sagt er noch, den Rest bekomme ich nicht mehr mit. Der Lärm der Messebesucher wird nach und nach zu einem Meeresrauschen. Die mit Putzmittel und Käse geschwängerte Luft riecht plötzlich ein wenig nach Ferien. «Es arbeitet auch mit Infrarot.» Ich gucke rüber und sehe in seinem Gesicht dasselbe unkontrollierte Grinsen, das mich an einen vernünftigen Gedanken hindert. Wir sitzen noch lange da. Manchmal braucht man keine Vitamin-Bouillons oder Wellnesshotels. Manchmal ist es so einfach.

Lionel Hausheer