FUNDSTÜCK: Zwischen Actionheld und Formel-1-Pilot

«Hey, du brauchst eine neue Lederjacke?» Ist das so? Ich mag nämlich meine Lederjacke sehr.

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Mittels diverser Lederjacken ist unser Autor in verschiedenste Rollen geschlüpft. (Bild: Werner Schelbert / Neue ZZ)

Mittels diverser Lederjacken ist unser Autor in verschiedenste Rollen geschlüpft. (Bild: Werner Schelbert / Neue ZZ)

«Hey, du brauchst eine neue Lederjacke?» Ist das so? Ich mag nämlich meine Lederjacke sehr. Die braune Zweithaut hat mich zuverlässig warm gehalten, modisch war sie wohl nie, aber gerade deswegen wirkt sie auf eine verwegene Art zeitlos. Gut, ich kann die Meinung des Mannes am Messestand auch ein wenig nachvollziehen, denke ich für mich und betrachte meinen Zeigfinger, der lustig zwischen den kaputten Nähten der Seitentaschen hervorschaut.

Meine modische Unsicherheit ist für den gewieften Verkäufer wie Blut für einen Hai. Ich denke noch über die genaue Beziehung zwischen Hai und Angler nach, da werde ich bereits von kundigen Händen in ein «sportlich und doch elegantes» Teil gezwängt. Wow, im Spiegel schaut mir ein Ich entgegen, das geradewegs aus einem Hollywoodfilm entlaufen scheint. In mir keimt bereits langsam das Verlangen, Häuser grundsätzlich durch ein Fenster im zweiten Stock zu verlassen und Autos, anstatt abzuschliessen, einfach zu sprengen, da steht auch schon der fleissige Händler mit dem nächsten Vorschlag bereit. Das Actionfilm-Accessoire landet neben dem Spiegel auf dem Sofa.

Der Nächste ist blau. Ein wenig wie die Kostüme, die Formel-1-Piloten tragen. Als Beweis der Qualität hält mein Outfitberater sein Feuerzeug ans Leder. Es könne absolut nichts passieren, meint er überzeugt. Das ist auch besser so, wenn ich dereinst auf der Rennstrecke in eine Karambolage verwickelt werde, bin ich sicher froh drum. Der Traum platzt, als mich die nächste Jacke in einen 50er-Jahre-Mafiosi verwandelt. Der Jacken-Stapel auf dem Sofa hat bereits erschreckende Ausmasse angenommen.

Stopp, ruf ich, Stopp bitte. Er stoppt. In seiner Hand baumelt ein weisses Exemplar, um das Siegfried mit Roy gestritten hätte. Ich bräuchte Bedenkzeit, sag ich, ich könne mich im Moment nicht entscheiden. Mein Einwand wird akzeptiert, und ich begebe mich unter das vertraute Gewicht meiner speckigen Vier-Kilo-Secondhandjacke aus Dänemark.

Ein paar Stände weiter vorne erklingen die ersten Takte der Laufstegmusik der Modenschau. Überall schöne Menschen. In noch schönerer Kleidung. Ich zwänge mich durch die Menge und bleibe ab und zu mit den losen Fäden an jemandem hängen. Vielleicht brauch ich ja wirklich eine neue Lederjacke.

Lionel Hausheer