GAFFER: «Neugier ist menschlich, aber ...»

Einigen Autofahrern blüht demnächst eine Busse: Weil sie einen Unfall filmten oder fotografierten während des Fahrens.

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An der Zuger Bahnhofstrasse bot sich ein ungewohntes Bild. (Bild: Zuger Polizei)

An der Zuger Bahnhofstrasse bot sich ein ungewohntes Bild. (Bild: Zuger Polizei)

Wolfgang holz

Tatort Bahnhofstrasse in Zug. Letzten Freitagnachmittag. Es kommt zu einem spektakulären Verkehrsunfall. Ein Auto überschlägt sich und bleibt auf dem Dach liegen. Da auf der zweistreifigen Bahnhofstrasse ständig Autofahrer die Unfallstelle passieren, hat so mancher Lenker spontan die Idee: Das muss ich filmen oder fotografieren.

Ein schlechter Einfall, wie sich herausstellt. Denn die Zuger Polizei hat sich die Nummernschilder der allzu neugierigen Autofahrer notiert den insgesamt 14 Personen wird wohl in den nächsten Tagen und Wochen eine Busse ins Haus flattern. «Neugier ist zwar menschlich und grundsätzlich nicht verboten», erklärt Marcel Schlatter, Mediensprecher der Zuger Strafverfolgungsbehörden. Wenn aber jemand aus dem Auto heraus einen Unfall mit dem Handy fotografiere oder filme, sei das zum einen eine Verkehrsgefährdung. «Weil die Autofahrer ja dann nicht mehr hundertprozentig auf den Verkehr konzentriert sind.» Es sei in ähnlichen Situationen schon zu Auffahrunfällen gekommen, so der Polizeisprecher. Zum anderen würden durch solche Gaffer infolge des Langsamfahrens zusätzliche Staus entstehen. «Der Verkehr wird also behindert.» Nicht zuletzt seien dadurch die Rettungskräfte bei ihrem Einsatz gefährdet. Mit Bussen in Höhe von rund 100 Franken haben deshalb die betroffenen Autofahrer zu rechnen. Wobei Schlatter einräumt, dass dieses «Fötelimachen» an Unfallstellen überhand genommen habe. «Auf den Autobahnen beobachten wir bei Unfällen sogar, dass es auf der Gegenfahrbahn wegen solcher Gaffer zu Staus kommt.»

Wie Martin Keller, Psychiater aus Cham, erklärt, ist Gaffen eine Form des Voyeurismus. «Dabei wird durch die Wahrnehmung von etwas Aussergewöhnlichem das Ritual des Alltags durchbrochen», so Keller. Die Schaulust diene dazu, sich selbst sicher zu fühlen, und zu vermeiden, selbst in eine gefährliche Situation zu geraten. Dass Menschen dann solche Momente auch noch festhalten wollen, hänge mit den Möglichkeiten moderner Medien zusammen. Solches Gaffen würde aber auch zu Adrenalinschüben führen. Keller: «Dabei vergessen viele, dass sie auch fragen könnten: ‹Wie kann ich helfen?›»

Da ging einiges zu Bruch. Doch die 83-jährigen Lenkerin wurde nur leicht verletzt. (Bild: Zuger Polizei)

Da ging einiges zu Bruch. Doch die 83-jährigen Lenkerin wurde nur leicht verletzt. (Bild: Zuger Polizei)

Den weissen Fiat hat es durch die Wucht des Zusamenstosses aufs Dach gedreht. (Bild: Leserbild E. Yager)

Den weissen Fiat hat es durch die Wucht des Zusamenstosses aufs Dach gedreht. (Bild: Leserbild E. Yager)