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Als die Polen in Steinhausen Wald rodeten

HINGESCHAUT Sie flüchteten vor Hitler, fanden Zuflucht in der Schweiz und leisteten wertvolle Arbeit: Rund 12 500 polnische Soldaten waren auf 500 Lager verteilt. Eines davon stand im Bann oberhalb Steinhausen. Ein Gedenkstein erinnert an diese besondere Episode.
Andreas Faessler
Der Gedenkstein aus Nagelfluh steht oberhalb vom Bann an der Stelle, wo die rund 100 polnischen Internierten im Jahre 1943 zwei Hektaren Wald rodeten, damit Kartoffeln angebaut werden konnten.

Der Gedenkstein aus Nagelfluh steht oberhalb vom Bann an der Stelle, wo die rund 100 polnischen Internierten im Jahre 1943 zwei Hektaren Wald rodeten, damit Kartoffeln angebaut werden konnten.

Wer den direkten Weg vom Dorf Steinhausen zum Weiher im Steihuserwald nimmt, kommt oberhalb vom Weiler Bann an der Gabelung zweier Waldstrassen an einem kleinen Denkmal aus Nagelfluh vorbei. Die Gravur auf einer Messingplatte erinnert an eine für die Schweiz besondere Episode während des Zweiten Weltkrieges: In Frankreich kämpften rund 12 500 polnische Soldaten an der Seite der Franzosen gegen Hitlers Wehrmacht. Als sie von dieser im jurassischen Grenzgebiet zur Schweiz eingekesselt worden waren und ihnen die unmittelbare Gefangenschaft durch die Deutschen drohte, liess die Schweiz zahlreiche Franzosen sowie die polnischen Soldaten über die Landesgrenze und brachte sie in Sicherheit. Diese humanitäre Aktion fand exakt heute vor 78 Jahren – in der Nacht vom 19. auf den 20. Juni – statt. Die polnischen Soldaten wurden im ganzen Land in über 500 eigens eingerichteten Internierungslagern untergebracht und fanden Beschäftigung in Landwirtschaft, Industrie, Strassenbau und anderen Bereichen. Als eifrige Widerstandskämpfer gegen die verhassten Deutschen wurden die Polen von der Schweizer Zivilbevölkerung wohlwollend aufgenommen.

Die Gastarbeiter kamen insbesondere für den sogenannten «Plan Wahlen» zum Einsatz. Es war dies eine von Bundesrat Friedrich Traugott Wahlen geplante und gross angelegte Aktion, um einer drohenden Lebensmittelknappheit entgegenzuwirken, falls die neutrale Schweiz im Zuge des Krieges mit einem Lebensmittelembargo belegt werden sollte. Der Plan sah vor, die bestehende Anbaufläche im Land soweit zu vergrössern, dass im Falle des Falles eine Selbstversorgung gewährleistet werden könnte. Zu diesem Zweck rodeten die Polen in der ganzen Schweiz über 1350 Hektaren Wald und legten gut 1000 Hektaren Ried- und Brachland trocken. Der Kanton Zug war verpflichtet, mindestens 38 Hektaren Wald zu roden. Auch die Waldgenossenschaft Steinhausen hatte ihren Beitrag zu leisten und erhielt die Auflage, zwei Hektaren Waldgebiet in fruchtbares Ackerland umzuwandeln. Hierzu wurde im Februar 1943 eine Hundertschaft internierter polnischer Soldaten nach Steinhausen geschickt. Im Bann waren sie in drei Baracken untergebracht. Angeführt hatte die Kompanie Hauptmann Kudelski, die streng militärisch organisierte Lagerleitung jedoch unterstand der Schweizer Armee.

Die 100 Soldaten aus Polen leisteten ganze Arbeit: In den kommenden Monaten rodeten sie das 2.03 Hektar grosse Gebiet im leicht ansteigenden Gelände oberhalb des «Polenlagers» im Bann – heute die grosszügige freie Fläche rechts von der am Waldrand verlaufenden Bannstrasse, über welche sich ein herrlicher Blick auf das Zuger Berggebiet auftut. Bereits ein Jahr nach Rodungsbeginn, im Frühjahr 1944, wurden auf der gesamten neu gewonnenen Anbaufläche Kartoffeln angepflanzt. Zugleich gingen die Polen auch den Steinhauser Landwirten bei diversen Arbeiten zur Hand.

An die eifrigen Soldaten aus Polen und ihren Einsatz im Bann oberhalb Steinhausen erinnert eingangs erwähnter Gedenkstein, der unmittelbar neben dem Standort des einstigen Polenlagers steht. Die Erinnerungsstätte entstand im Jahre 2001 auf eine Initiative des Steinhausers Anton Zürcher (1931-2016) – mit der Hilfe von Jerzy Rucki, einem ehemaligen Internierten. Unterstützt von der Waldgenossenschaft Steinhausen, dem gemeindlichen Bauamt und einigen weiteren Sponsoren wurde bei der Weggabelung eigens ein kleiner quadratischer Platz angelegt, wo der Gedenkstein und eine Infotafel platziert werden konnten. An der Einweihung Ende Oktober 2001 war eine ansehnliche Gästeschar zugegen, wie die «Zuger Presse» damals im Nachgang berichtete. Neben zahlreichen Steinhausern nahmen Vertreter der polnischen Gemeinschaft in der Schweiz teil. Fünf damals noch lebende Ex-Internierte im Bann erschienen eigens zur Feier. Die Vertreterin des polnischen Konsulats enthüllte den Gedenkstein, ein Geistlicher der katholischen polnischen Mission in Zürich segnete das Monument.

Initiant Anton Zürcher war zeitlebens sehr an der Weltgeschichte interessiert gewesen. Er selbst habe – so berichtete er seinerzeit der «Zuger Presse» – als Bub den polnischen Soldaten, «die so eine komische Sprache redeten und sonntags in Marschformation zur Kirche gingen», bei der Arbeit geholfen. Die Äusserungen von Anton Zürcher und weiteren Zeitzeugen, aber auch diejenigen der gealterten Polen, die zur Einweihung der Gedenkstätte nach Steinhausen gekommen waren, lassen auf gegenseitige Sympathie schliessen. Die Polen scheinen sich in Steinhausen sehr wohl gefühlt zu haben und waren im Dorf auch gern gesehene Gesellen.

Bereits 1944 ist ein grosser Teil der internierten Polen nach Frankreich und England gegangen, um an der Seite der Alliierten gegen die Deutschen zu kämpfen. Die meisten der Verbliebenen gingen nach Kriegsende zurück nach Frankreich – die Heimkehr in ihr Heimatland war ihnen zu riskant. Rund 500 ehemalige Internierte verblieben in der Schweiz und fanden hier ihre neue Heimat.

Hinweis
Mit «Hingeschaut» gehen wir wöchentlich Details mit kulturellem Hintergrund und Zuger Bezug nach.

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