GASTRONOMIE: Ein Abend voller Überraschungen

Zwei gelernte Köche aus Cham bereichern die Szene durch ein neues Angebot. Man kennt weder das servierte Menü noch seine Tischnachbarn.

Raphael Biermayr
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Céline Kälin vom Restaurant Krone bringt den nächsten Gang, die «Foodie’s Tour»-Initianten Roger Wyss (links, vorn) und Erol Karadag (dahinter) freuts. (Bild Werner Schelbert)

Céline Kälin vom Restaurant Krone bringt den nächsten Gang, die «Foodie’s Tour»-Initianten Roger Wyss (links, vorn) und Erol Karadag (dahinter) freuts. (Bild Werner Schelbert)

Raphael Biermayr

Was zu Hause gilt, gilt auch im Restaurant: Wenns still ist am Tisch, mundets. Durchdringt ab und zu ein «Fein!» den Raum, bedeutet das entweder Heuchelei oder ehrliche Freude. An diesem Abend ist Letzteres der Fall. Im Restaurant Krone in Sihlbrugg findet der Auftakt der «Foodie’s Tour» statt. Unter diesem Namen sollen sich an jedem letzten Donnerstag im Monat Leute zum Essen treffen in stets wechselnden Restaurants im Kanton Zug beziehungsweise in der unmittelbaren Nachbarschaft. Das jedenfalls ist das Anliegen von Erol Karadag. Er und sein Kumpel Roger Wyss von «eventkicks.ch» sind die Initianten und Organisatoren der genannten Tour (siehe Hinweis). Die gelernten Köche und Gastgeber in der «Hirsi Seelounge» in Cham wollen nicht nur den Gästen etwas Spezielles bieten, sondern auch dem Küchenchef: Er hat – innerhalb des Kostenrahmens von 75 Franken – freie Hand bei der Gestaltung eines Mehrgängers.

Aufschlussreicher Apéro

Die Premiere verläuft viel versprechend. Das liegt sicherlich am Restaurant: Die nach Eigenangabe in 13. Generation (!) geführte «Krone» ist weitherum bekannt als Toplokal, 16 Gault- Millau-Punkte zeugen davon. Aber es liegt auch an der Ungezwungenheit, die trotz des edlen Ambientes vorherrscht. Der Wirt Thomas Huber lädt die Gruppe von 15 Personen zum Apéro ins Heiligtum ein: die Küche. Die ist überraschend gross, das Klima ist überraschend ruhig. Ebenfalls unerwartet sind auch die vielen Mitarbeiter. Der exklusive Einblick ist aufschlussreich. Er verdeutlicht, warum das Essen in einem solchen Betrieb mehr kostet als andernorts: Beutel- und Tiefkühlprodukte haben hier keinen Zutritt. Und Hungerlöhne sollen keine gezahlt werden.

Menschen zusammenbringen

Das grosse Personalaufkommen wird bereits im ersten Gang gerechtfertigt: Liebevoll angerichtete Variationen aus Forelle mit Rande, Topinambur (ein mehlig schmeckendes Knollengemüse) und Stachis (ein insektenlarvenartig aussehendes Gemüse) liegen auf dem Teller. Besonders die bemerkenswert fragile frittierte Forellenhaut macht Eindruck: zweifellos eine Feinschmeckeroption zu den klassischen Chips. Auch die weiteren drei Gänge – Dessert inklusive – wissen zu gefallen. Wer gönnt sich zu Hause zum Beispiel schon Ravioli mit Straussenhalsfüllung?

Die Gespräche beginnen

Schon vor dem Kredenzen des Weins, der wie alle Getränke separat bezahlt werden muss, ist die Stimmung gut in dem Haus entsprechend gemütlichem Raum. Die Gäste kommen ins Gespräch, wie in der Schweiz üblich zunächst innerhalb der Gruppe, später auch miteinander. Das Personal beherrscht die Kunst der unaufdringlichen Aufmerksamkeit. Unter dem Strich steht ein kurzweiliges und schmackhaftes Vergnügen. Für die Initianten heisst das: Das erste Mal ist geglückt. Es wird sich aber erst noch weisen, ob sie am Stammtisch der Zuger Unterhaltungskulinarik ergattern werden.

HINWEIS

Weitere Informationen und Buchungsmöglichkeiten zur monatlich in wechselnden Restaurants stattfindenden «Foodie’s Tour» finden Sie im Internet unter: www.eventkicks.ch

In Sachen Innovation ein Entwicklungskanton

bier. Das Essen hat sich längst von der reinen Nahrungsaufnahme entfernt. Dem Wohlstand sei Dank, stellen sich heutzutage auch Ansprüche an das Erlebnis, die Ästhetik und die sogenannte Nachhaltigkeit. Als Folge der gestiegenen Reisetätigkeiten sowie der Bevölkerungsdurchmischung besteht ausserdem ein grösseres Interesse am Unbekannten. Davon zeugt beispielsweise der rege Publikumsaufmarsch am «Foodfestival Zuger Gluscht», das dieses Jahr am 7. und 8. Mai an der Zuger Seepromenade abgehalten wird.

Hilfe auch beim Einkaufen

Man muss seine vier Wände nicht verlassen, um professionell bekocht zu werden. Zwei Beispiele: Bei «Schlemmen daheim» aus Zug kann man sich Essen mitsamt Köchen nach Hause bestellen. Jene helfen – je nach gebuchtem Angebot – vom Einkauf bis zum eigentlichen Kochen. In Unterägeri organisiert Amani Gerber mit der Frauengemeinschaft regelmässig «My Kitchen Kochworkshops» für Exotisches. Am nächsten Anlass am 11. März wird unter Anleitung Brasilianisch gekocht.

Bezüglich öffentlicher Gastronomieerlebnisse ausserhalb von Lokalen befinde sich der Kanton Zug noch im Entwicklungsstadium, sagt Kevin Nussbaum. Er ist eine Hälfte des «Food Blog Zug». Mit seinem Bekannten Martin Jehli schreibt der Koch der Klinik Meissenberg im Internet über die hiesige Gastroszene. Sein Ziel ist, fremde Menschen über das Tafeln in Kontakt zu bringen. «Das Essen eignet sich hervorragend dafür», hat er die Erfahrung gemacht. Ein Beispiel für das Funktionieren solcher Modelle sei die «Tavolata» von Monica Vanoli im Biohof Zug. Tavolate, wo das Essen in der Regel auf den Tisch gestellt und von jedem selbst geschöpft wird, gibt es auch andernorts. Häufig finden sich dort allerdings Personen eines spezifischen Alters- und Freundschaftskreises. Nussbaum plant, etwas auf die Beine zu stellen, das verschiedene Gruppen anspricht.

Der Trend zum Selberkochen werde anhalten, ist Nussbaum überzeugt. «Die Leute schaffen sich ein Bewusstsein für die Produkte und deren Zubereitung.» Er erkennt Potenzial im Modell des gegenseitigen Bekochens und Bewertens. So, wie man es aus Fernsehsendungen kennt. «Allerdings muss jedem bewusst sein», zeigt der Koch schmunzelnd auf: «Nach Gesetz kann der Lebensmittelkontrolleur sogar zu Hause auftauchen, wenn man Gäste einlädt.»

Einen anderen Weg gehen die Jungunternehmer Thomas Kalt und Adrian Iten aus Zug. Sie haben eine Applikation «EatSmart» programmiert, mit der man bei etablierten Restaurants sowie privaten Köchen im Kanton Mahlzeiten zum Abholen ordern kann. Das Ziel sei einerseits, das Essen über das Lokal hinaus zu teilen, also bekannt zu machen. Andererseits wollen die Gründer «dem Essen in Zeiten von Schnellverpflegung wieder einen höheren Stellenwert verschaffen», wie Iten erklärt. «EatSmart» ist unter der Adresse www.eatsmart.community erreichbar.

Chams unrühmlicher Rekord

Was die klassische Restaurantgastronomie anbelangt, stellt der «Food Blog» dem Kanton ein mässiges Zeugnis aus. Kevin Nussbaum bemängelt das «einseitige Angebot von Restaurants», das grossmehrheitlich in Italiener und Lokale mit gehobener Küche unterteilt sei. So gebe es einer Erhebung vor ein paar Jahren zufolge in Cham das grösste italienische Angebot im Verhältnis zur Gemeindegrösse – schweizweit.