Hingeschaut: Gebt dem Wappen mehr Würde

Im Dreieck zwischen der Löbern- und der Ägeristrasse in Zug steht ein Haus mit einer spannenden Geschichte. Ein Wappen oberhalb einer Türe erzählt etwas über dessen erste Hausherren.

Marco Morosoli
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Das Wappen an der Ägeristrasse 17 zeigt einen Baumstrunk, einen Dreiberg und zwei Sterne. Das Emblem ist bereits auf einer Wappenscheibe von 1679 zu finden. (Bild: Patrick Hürlimann, Zug, 20. September 2019)

Das Wappen an der Ägeristrasse 17 zeigt einen Baumstrunk, einen Dreiberg und zwei Sterne. Das Emblem ist bereits auf einer Wappenscheibe von 1679 zu finden. (Bild: Patrick Hürlimann, Zug, 20. September 2019)

An der Ägeristrasse 17, der Kolinplatz befindet sich nur einen Steinwurf entfernt, steht ein ursprünglich mit heller Grundierung versehenes Haus. Die am Haus vorbeiführende Strasse ist eine Hauptverkehrsachse und hat dem Gebäude in den vergangenen Jahren arg zugesetzt. Das Gebäude sieht so aus, als habe jemand einen grauen Schleier über die Baute gelegt. Der Staub aus allerlei Verbrennungsmotoren hat auch das Wappen über einem Portal leider zu einem schwarzen Fleck verkommen lassen. Schemenhaft zu sehen sind ein Baumstrunk, ein Dreiberg und zwei Sterne. Zu welcher Familie gehört dieses Wappen? Ist das Symbol gar der Schlüssel, um den Bauherrn ausfindig zu machen?

Ein Umstand gereicht dem Suchenden zum Vorteil: die Überschaubarkeit des Kantons Zug. Die Durchsicht der im Zuger Wappenbuch aufgeführten Tafeln der Familienwappen lüftet das Geheimnis. Das Wappen gehört den Stadtzuger Bürgern Stocklin. Das Emblem ist bereits auf einer Wappenscheibe aus dem Jahre 1679 zu finden. Zugeordnet ist dieses Zeugnis einem Unterweibel Emanuel Stocklin. Das gleiche Wappen mit dem Baumstrunk auf grünem Dreiberg mit einem goldenen Stern links und rechts des Baumstamms ist auf einem Siegel von Franz Thomas Stocklin erhalten geblieben. Dieser Mann war um 1710 Obervogt in Walchwil. Andernorts – im Inventar der neueren Schweizer Architektur (INSA/1850–1920) – findet sich unter der Adresse Ägeristrasse 17 der Hinweis, dass dieses Wohnhaus für die Familie Stocklin 1870 erstellt worden ist. Diese Jahreszahl ist denn auch unter dem vorerwähnten Familienwappen eingemeisselt. 19 Jahre später hat der Baumeister Leopold Gamin dem Haus eine Remise hinzugefügt. Als Bauherr ausgewiesen, ist der Metzgermeister Carl Stocklin. Diese Details stammen aus dem Inventar der neueren Schweizer Architektur von 1850 bis 1920. Verfasst hat diese Bibel der Zuger Bauten die Kunsthistorikerin Christine Kamm-Kyburz (1949–2019). Das Haus erfährt bis in die 1920er-Jahre weitere Ausbauten.

Eine markante Erweiterung erhält die Liegenschaft im Jahre 1932. Im Zuger Bautenführer aus dem Jahre 1992 ist von einem «unkonventionellen Anbau» die Rede. Ein Handel mit der Stadt Zug habe dabei die Baulinien bestimmt. Das Gebäude an der Ägeristrasse 17 darf sich in Richtung Grundstückgrenze im hinteren Teil der Liegenschaft ausdehnen. Dieses Geschäft ist im Bautenführer blumig umschrieben: «Fein modelliert wie das Heck einer Fähre öffnet sich der Anbau mit einer Abfahrt zum Keller des damaligen Molkereigeschäftes.» Die Fläche auf der Terrasse habe, so der Beschrieb weiter, die «Qualität eines Schiffsdecks.» Die Brücke bildet ein weiterer Anbau mit unbekanntem Erstellungsdatum.

Und wahrlich, wer die Liegenschaft auf einem Luftbild von Zugmap.ch anschaut, findet den Vergleich durchaus passend. Vor dem Zweiten Weltkrieg scheint die Baute ein Molkereigeschäft beherbergt zu haben. Nach den Aklins haben die Lustenbergers im Haus Nummer 17 das Zepter übernommen. Auf eine Molkerei folgt nun eine Käserei. Diese Zusammenhänge ergeben sich aus der Konsultation des Bautenführers und dem Assekuranzregister der Gebäudeversicherung. Gemäss einer Todesanzeige aus dem Jahr 2012 hat ein Spross der Familie Lustenberger die Ägeristrasse 17 als Traueradresse angegeben.

Eine neue Nutzung steht bevor

Milchprodukte aber sind an der Kreuzung Löbernstrasse/Ägeristrasse jedoch schon länger nicht mehr verkauft worden. Google Maps weist auf ein Kunstatelier hin. Geführt hat dieses der bekannte Zentralschweizer Maler Daniel Bamert, welcher im Vorjahr verstorben ist. Wem das Gebäude derzeit gehört, ist aus den öffentlich zugänglichen Quellen leider nicht zu ergründen. Recherchen zeigen jedoch, dass ein ehemaliger Zuger Stadtrat bei dieser geschichtsträchtigen Baute jetzt das Sagen hat.

Bald kehrt Leben in die Liegenschaft an der wichtigen Verkehrsachse zurück. Ein Mini-Restaurant soll dort noch in diesem Jahr seine Türen öffnen. Metzgerei, Käserei, Molkerei, Kunstatelier – das Haus hat also schon vielen Wirtschaftszweigen ein Dach gegeben. Vielleicht wird es auf der Ägeristrasse bald einmal etwas ruhiger. 2021 gibt der Kanton die Tangente Zug-Baar für den Verkehr frei. Diese soll das Zuger Stadtzentrum vom Durchgangsverkehr entlasten. Dann lohnt es sich vielleicht für den Hauseigentümer, das Stocklin-Wappen herauszuputzen. Es hat statt dem blauen Strich auf weissem Grund, dem Zuger Einerlei, viel mehr Abwechslung zu bieten.

Hinweis
Mit Hingeschaut gehen wir wöchentlich Fundstücken mit kulturellem Hintergrund und Zuger Bezug nach.