Kolumne

Genetische Wundertüte

Redaktorin Vanessa Varisco denkt über ihr Erbgut nach, das aus Talenten und Merkwürdigkeiten all ihrer Verwandten besteht.

Vanessa Varisco
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Redaktorin Vanessa Varisco

Redaktorin Vanessa Varisco

Bild: Werner Schelbert

Der Baukasten aus körperlichen Einzelteilen und Talenten, die ich von meinen Vorfahren geerbt habe, ist Segen und Fluch zugleich. Die geraden Beine des Vaters, die Nase der Mutter, die Ausdauer des Grossvaters, die Rüstigkeit der Grossmutter. Klingt toll, oder? Wer hört, dass ich lange Beine, eine schöne Nase, eine Lunge wie ein Rennpferd und das dicke Fell von einem Bären habe, der muss mich doch für nichts weniger als Heiratsmaterial, Spitzenathlet und fleissiges Bienchen halten. Tja, weit gefehlt. Denn mein genetischer Bausatz bringt Seiten in mir zu Tage, die mehr als nur abschreckend sind.

Da wäre die Sache mit dem Tanztalent. Zwar soll ich Verwandte haben, deren Groovemoves preisgekrönt wurden, doch entweder ist genannter Verwandter gehörig aus der Übung oder die Richter waren benebelt. Denn die Nachahmungen eines tanzenden Weihnachtselfs, der mit den Hüften wackelt, die Arme eng seitlich am Körper anliegend, sind zwar aus humoristischer Sicht durchaus preisverdächtig und wurden mit einem Lachkrampf entlohnt – aber aus künstlerischer Sicht war die Einlage doch sehr fragwürdig. Abstrakt expressionistisch schon fast.

Manchmal habe ich gar das Gefühl, Bob, meine Zimmerpflanze, hat mir gewisse Züge vererbt. Beispielsweise das dicke Haar, das in alle Richtungen absteht oder das zunehmend schlechtere Sehvermögen. Wobei ersteres wohl einfach die nonchalante Coronafrisur ist. Und dann wird mir klar; Bob hat mir nichts vererbt. Durch unser ständiges Zusammensein werden wir uns schlicht immer ähnlicher. Genauso wie ich dem Esel bei meinem Fenster ähnlicher werde, ja wir fast schon eins sind. Die Porzellanfigur meiner Grossmutter steht tagtäglich, ohne einen Wank zu machen, und mit der immer selben Gelassenheit auf dem Fensterbrett und «chillt mega ab» – wie die Jungen sagen würden.

Sie spüren es: Talentfrei bezüglich Singen und Tanzen, schwache Achillessehnen, nachweislich vererbt – Coronafrise: Ein genetisches Wunder bin ich alle Mal nicht. Meine Herkunft bringt einige Schwächen mit sich, die ich oft zu spüren bekomme. Aber diese Schwächen nehme ich gerne in Kauf. Denn so talentfrei meine Verwandtschaft in gewissen Bereichen sein mag, umso liebenswürdiger ist sie übers Ganze gesehen. Zu jeder Zeit.