Gerbereien: Ein anrüchiges Gewerbe, das auch in Zug verbreitet war

Stinkend und gefährlich: Die Gerber hatten es früher nicht leicht. Heute zeugen vor allem die verblieben Ortsnamen vom Gewerbe.

Carmen Rogenmoser
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Das Gerben war eine schweisstreibende und stinkende Angelegenheit – auch im Kanton Zug. (Illustration: Janina Noser)

Das Gerben war eine schweisstreibende und stinkende Angelegenheit – auch im Kanton Zug. (Illustration: Janina Noser)

Das Gerben, das Verarbeiten von Tierhäuten zu Leder, ist eine der ältesten kulturellen Errungenschaften der Menschheit – und wohl auch eine der unappetitlichsten. Äusserst bildlich beschrieb Autor Patrick Süsskind in seinem Roman «Das Parfüm» die Vorgänge rund ums Gerben im 18. Jahrhundert. Der Protagonist mit der unglaublich sensiblen Nase arbeitete als Junge in einer Gerberei. Faulende Tierhaut und scharfe Chemikalien inmitten der Grossstadt Paris, damals noch ohne Abwassersystem: Man will sich den Gestank nicht vorstellen müssen. Es war sogar gang und gäbe, den Zersetzungsprozess zusätzlich mit Taubenmist, Hühner- und Hundekot zu unterstützen. Tatsächlich waren die Gerber insbesondere aufgrund des stets herrschenden Miefs nicht sehr angesehene Leute. Ähnlich wie in Paris muss es zu jener Zeit in Zug gestunken haben. Denn auch hier waren Gerbereien angesiedelt. Einige fanden sich etwa auf einer kleinen Landzunge unterhalb der Liebfrauenkapelle in der Stadt. So ist dokumentiert, dass etwa fünf Gereberein beim See-Einbruch von 1594 versanken. Das Gewerbe war auf stehendes oder fliessendes Wasser angewiesen – einerseits weil es für die Produktion Wasser braucht, andererseits wurde die stinkende Brühe oft im öffentlichen Gewässer entsorgt.

Eigene Quartiere für das miefende Handwerk

Auch der Ortsname Gärbi, zum Beispiel in Walchwil und im Ägerital, zeugt von der Gerber-Vergangenheit. Die Wiessgärbi etwa lag westlich von Oberägeri, nahe am Lutisbach. Östlich des Dorfes, am Weg nach Alosen, steht noch das Haus zur Gerbe. Hier wurde die Gerberei seit dem 17. Jahrhundert bis in die 80er-Jahre des 19. Jahrhunderts betrieben. In der Stadt Zug wurde der «Cheibenturm» (er diente lange Zeit als Gefängnis und Foltergebäude), am Fischmarkt 1, 5 und 7 im Jahr 1861 an den Gerbermeister Fritz Spillmann verkauft. Bis 1896 betrieb er im Gebäudekomplex eine Ledergerberei mit einer Lohstampfe auf der Allmend. Damit nahm die Gerberei eine Standortkontinuität auf – schon für 1592 kann dort eine Gerberei nachgewiesen werden. Auch Namen wie Lohmatt oder Gerbiplatz zeugen von der Gerber-Vergangenheit.

Die Herstellung von Leder galt als schmutziges, gar anrüchiges Gewerbe. Es war gesellschaftlich nicht sehr anerkannt und gefährlich. Als Gerber konnte man sich durch verunreinigte Häute leicht mit Milzbrand and anderen Krankheiten infizieren. Ein Arbeiter allerdings, der den Milzbrand überlebt hatte, war umso wertvoller, da er sich nicht wieder anstecken konnte. Die Bearbeitung der toten Tierhaut ist eine Wissenschaft für sich. Bei der Erzeugung von Leder wird die Haut durch chemische und physikalische Einwirkungen in eine Substanz verwandelt, die nicht mehr durch andere Einflüsse in ihren früheren Zustand zurückgeführt werden kann. Dazu werden die Häute mit pflanzlichen Gerbstoffen (Loh- und Rotgerberei), mit Salzen (Mineral- oder Weissgerberei) oder mit Fettstoffen (Sämischgerberei) behandelt.

Heute wird Leder mehr und mehr verdrängt

Vor dem eigentlichen Gerben müssen die Häute vorbereitet werden. Dies geschah vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert in einem Rhythmus von Weichen, Schwellen, Herauslösen und Schaben. So wurde der bereits von Hörnern und Hufen befreite Balg in langandauernder Arbeit im Wasser aufgeweicht und das konservierende Salz des Metzgers ausgewaschen. Die Haut wurde auseinandergezogen und mit den Füssen getreten, um den Weichvorgang zu beschleunigen. Mit dem Schabeisen wurde die Haut auf dem Gerberbaum «mit Muskelschmalz und Schweiss» entfleischt (Darstellung 1). Sobald das vollbracht war, wurden die Häute aufeinandergeschichtet der «fauligen Gärung» überlassen. Anschliessend konnten auch die restlichen Haare entfernt werden. Die Häute wurden dann in verschiedenen Brühen, den sogenannten «Vorgerben» gebeizt. Dabei nahmen sie die braune Lederfarbe an.

Nun begann die eigentliche Gerbung. Beim Lohgerben wurden die vorbehandelten Häute in rundlichen Gruben von etwa zwei Meter Tiefe Schicht über Schicht in zerkleinerte, gerbstoffhaltige Rinde eingelegt (Darstellung 2). Bis zu 24 Monate verblieben sie in den Gruben. Die Lohe enthält Tannine, komplexe Verbindungen der Gallusgerbsäure, welche die Eigenschaft besitzen, mit tierischer Hautsubstanz unlösliche Verbindungen einzugehen. Tannine kommen in den Rinden und Blättern der meisten Baumarten (Eiche, Fichte, Tanne, Edelkastanie, Quebrachobaum) als Schutzmittel vor. Die nach langer Verweilzeit aus der Grube kommenden Leder wurden getrocknet, dies am besten im schattigen Dachboden eines Speichers (Darstellung 3). Für die richtige Geschmeidigkeit wurde das Leder nach dem Trocknen ausgeklopft. «Moderne» Gerbeverfahren, mit Mineralsalzen wie Aluminiumsalz und Chrom-III- Salzen, wurden erst im 19. Jahrhundert entwickelt und sind heute die wichtigste Gerbmethode.


Die Serie «Zuger Gewerbe-Geschichte(n)» setzt sich mit Themen aus der wirtschaftlichen Vergangenheit auseinander. Hier lesen Sie von den Gerbern (7/12). Quellen: Seltene berufe und Menschen im Zugerland, Hermann Steiner, 1984, und weitere.

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