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GERICHT: Werden hier die Täter geschützt?

Ein 21-Jähriger wurde brutal zusammengeschlagen – er nahm sich kurz darauf das Leben. Der Prozess gegen die mutmasslichen jugendlichen Täter beginnt demnächst: Der Vater des Opfers muss draussen bleiben.
Wolfgang Holz
Der Vater des angeklagten hatte keinen Zutritt zum Zuger Gerichtsgebäude. (Bild: Werner Schelbert / Neue ZZ)

Der Vater des angeklagten hatte keinen Zutritt zum Zuger Gerichtsgebäude. (Bild: Werner Schelbert / Neue ZZ)

36 und 32 Monate Freiheitsentzug: Zu derart drastischen Strafen sollen die beiden 17-jährigen Haupttäter verurteilt werden – geht es nach der Zuger Staatsanwaltschaft. Grund für dieses harte Strafmass für Minderjährige: Die Anklage beurteilt das Verhalten der beiden Jugendlichen sowie eines weiteren 16-Jährigen als äusserst brutal und reuelos. Die drei hatten Anfang September letzten Jahres einen 21-Jährigen in der Stadt Zug in der Nähe der Schützenmatt niedergeschlagen, weil dieser ihnen kein Bier abgeben wollte. Sie traten den jungen Mann, der am Boden lag, teils mit gezielten Schlägen auf den Kopf, kickten auf ihn ein. Das Opfer musste ins Spital. Drei Tage später nahm er sich das Leben – eine Tat, die der Vater des Opfers ohne Wenn und Aber in Verbindung mit der brutalen Gewaltattacke auf seinen Sohn bringt.

Nun ist bekannt geworden, dass der Vater als Privatkläger der Hauptverhandlung am Zuger Strafgericht Anfang Oktober nicht beiwohnen darf: Weil Jugendstrafprozesse unter Ausschluss der Öffentlichkeit über die Bühne gehen.

Grundsatz der Nicht­öffentlichkeit

«In der offensichtlichen Sorge um den Schutz der beschuldigten Jugendlichen kann die Privatklägerschaft nur dann an der Untersuchung teilnehmen, wenn dies den Interessen der Jugendlichen nicht abträglich ist», erklärt Marc Siegwart, Richter am Strafgericht des Kantons Zug. Die Anwesenheit der Privatkläger an der Hauptverhandlung sei sogar ganz ausgeschlossen, ausser es lägen besondere Umstände vor.

Beim Grundsatz der Nicht­öffentlichkeit der Hauptverhandlung handelt es sich, so Siegwart, um eines der bekanntesten Merkmale der Jugendgerichtsbarkeit. Das im gewöhnlichen Strafverfahren geltende Öffentlichkeitsprinzip werde dabei durch die Notwendigkeit durchbrochen, das Privatleben von betroffenen Jugendlichen zu schützen. «Das auf Jugendliche anwendbare Verfahrensrecht strebt also die Vertraulichkeit und den Schutz der Privatsphäre der Jugendlichen und ihrer Familien an und will hauptsächlich die Zukunft der Beschuldigten beschützen.»

Doch was ist eigentlich mit den Opfern dieser Gewaltattacke? Die beiden mutmasslichen Haupttäter haben die Familie des Opfers traumatisiert. Der 21-Jährige lebt nicht mehr, nachdem er Suizid begangen hat. Der Vater veröffentlicht auf Facebook seit Monaten verzweifelte Aufrufe, um seinem Leiden Ausdruck zu verleihen und Mitgefühl zu wecken.

«Es ist schön, zu sehen, dass die Mehrheit unserer Bevölkerung hinter uns steht und unsere Meinung teilt», lautet seine jüngste Internetbotschaft. Er fragt sich ernsthaft: «Wann setzen die Gerichte und die Gesetzgeber den Volkswillen um? Eine Initiative, die verlangt, dass Verhandlungen vor Gericht grundsätzlich öffentlich sind, hätte bestimmt eine grosse Chance, vom Volk angenommen zu werden. Es ist erschreckend, am eigenen Leib zu erfahren, wie unsere Gesetze mutmassliche Täter schützen.»

Die Frage, ob mit dem Grundsatz der Nichtöffentlichkeit von Strafverfahren gegen Jugendliche die Gefahr besteht, dass Täter generell geschützt werden, muss laut Felix Ulrich, Richter und Präsident des Zuger Obergerichts, letztlich vom Gesetzgeber beurteilt werden. «Es ist aber effektiv auch die Absicht des Gesetzgebers, zu verhindern, dass die Zukunft des Jugendlichen durch Blossstellungen in der Öffentlichkeit erschwert wird.»

Dass der Prozess Anfang Oktober unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattzufinden habe, sei in der Schweizerischen Jugendstrafprozessordnung so verankert, untermauert Obergerichtspräsident Felix Ulrich. Der Untersuchungsbehörde und den Gerichten sei es aber gestattet, räumt er ein, die Öffentlichkeit in geeigneter Weise über den Stand des Verfahrens zu informieren. Sprich: Akkreditierte Journalisten dürfen über die Hauptverhandlung berichten.

Paragrafen statt Empathie?

Ob dieses Zugeständnis der «Halböffentlichkeit» dem Vater, der nur als Zeuge im Prozess auftreten darf, darüber hinweghilft, dass er im Gerichtssaal unerwünscht ist? Denn der Vater ist ja nicht wirklich Teil der Öffentlichkeit. In erster Linie ist er Angehöriger des Opfers, ein Betroffener also.

Klammert sich das Strafgericht Zug in diesem besonderen Fall zu sehr an die Paragrafen, anstatt Empathie gegenüber traumatisierten Angehörigen walten zu lassen?

Während die Zuger Strafverfolgungsbehörden zur Verbannung des Vaters aus dem Gerichtssaal schweigen, welche das Zuger Strafgericht verfügt hat, spricht ein anderer Klartext.

«Ich war schon sehr überrascht über diese Anordnung des Strafgerichts, den Vater zur Verhandlung nicht zuzulassen», sagt Alex Briner, ehemaliger Jugendanwalt des Kantons Zug. Man habe ihm diese Information unter der Hand zugespielt. «Für den Vater des Opfers ist es doch sehr wichtig, das Ganze verarbeiten zu können.» Aus diesem Grund sollte dieser am Prozess auch anwesend sein können. Man hätte diesem ja auferlegen können, den Prozess ruhig verfolgen zu müssen. Nicht zuletzt sei es ja heutzutage auch möglich, Jugendstrafverhandlungen im Ausnahmefall öffentlich zu machen – wenn dies wirklich im öffentlichen Interesse stünde. Briner: «Die Publizität des Falls und die Schwere des Delikts sind meines Erachtens Kriterien für ein solches Interesse.»

Wolfgang Holz

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