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GERICHTSMEDIZIN: Er hat schon mehrere Morde aufgedeckt

Kantonsarzt Rudolf Hauri darf auch obduzieren. Diese Ausnahme hat mit seiner Vergangenheit zu tun.
Luc Müller
In diesem Raum im Abdankungsgebäude des Friedhofs St. Michael obduziert der Zuger Kantonsarzt bei Bedarf Tote. (Bild Werner Schelbert)

In diesem Raum im Abdankungsgebäude des Friedhofs St. Michael obduziert der Zuger Kantonsarzt bei Bedarf Tote. (Bild Werner Schelbert)

Ein düsterer Raum im Keller. Neonlicht und weiss gekachelte Wände: Immer, wenn diese Szene auf dem Bildschirm zu sehen ist, sind in den Krimis die Gerichtsmediziner an der Arbeit. Mit Skalpell und Säge machen sie sich an der Leiche zu schaffen. Ihr Auftrag: die tatsächliche Todesursache zu ermitteln. Das macht auch Kantonsarzt Rudolf Hauri (54). In der Stadt Zug. In einem hinteren Raum des Abdankungsgebäudes des Friedhofs St. Michael. Hier steht einer der verchromten Autopsietische, wie sie im Krimi zu sehen sind, auf dem jeweils eine mit weissem Tuch zugedeckte Leiche liegt.

Rund 70 Inspektionen pro Jahr

«Bei jedem Todesfall muss durch einen Arzt eine Todesbescheinigung ausgefüllt werden. Dabei ist die Todesursache zu bestimmen», erklärt Rudolf Hauri. Dabei wird die Leiche vor Ort oberflächlich angeschaut. Ergibt sich ein stimmiges Bild und steht ein natürlicher Tod fest, ist alles in Ordnung. Wenn nicht, kommt es zur Legalinspektion, wobei die Leiche äusserlich genauer unter die Lupe genommen wird. Denn sobald eine unnatürliche Todesursache (Unfall, Suizid, Delikt) vorliegt oder ein Arzt Zweifel hat, was die tatsächliche Ursache für das Ableben ist, muss von Gesetzes wegen die Polizei und Staatsanwaltschaft eingeschaltet werden. Bei der Legalinspektion wird auf typische Todesanzeichen wie Leichenstarre, Leichenflecken oder Leichenveränderungen geschaut. «Zudem werden auch Patientenakten studiert und der behandelte Arzt kontaktiert», so Hauri, der seit zwölf Jahren als Zuger Kantonsarzt tätig ist.

Jährlich untersuchen Hauri, sein Stellvertreter, drei vom Kanton zur Unterstützung ernannte Allgemeinärzte und ein Psychiater zwischen 60 bis 70 Leichen bei einer Legalinspektion. Ergibt sich dabei der Hinweis auf eine Straftat, ordnet die Staatsanwaltschaft im nächsten Schritt eine Obduktion an – ansonsten wird die Leiche für die Angehörigen freigegeben.

Normalerweise werden Leichenöffnungen im rechtsmedizinischen Institut in Zürich vorgenommen. Rudolf Hauri aber ist selbst berechtigt, Leichen zu obduzieren. Er hat die entsprechende Ausbildung: 18 Jahre lang war er in Zürich in der Rechtsmedizin tätig. Pro Jahr nimmt er hier in Zug rund sechs Obduktionen vor. «Es handelt sich dabei um weniger komplexe Fälle. Sind aufwendige Abklärungen und beispielsweise Röntgenaufnahmen nötig, kommen die Verstorbenen direkt nach Zürich», so Hauri.

Zahnfüllungen geben Hinweise

Manchmal habe er mit stark verunstalteten Körpern oder verwesten Leichen zu tun. «Ich bin während der Arbeit aber nur auf den Auftrag fokussiert, die Todesursache zu bestimmen. Emotionen lasse ich nicht an mich heran.» Ein pietätvoller Umgang sei aber wichtig. «Ich bin mir immer ganz bewusst, dass es sich um menschliche Überreste handelt.» Auch nach Suiziden untersucht Hauri von Amtes wegen den Toten. «Es ist ein unnatürlicher Tod. Zudem ist nie ganz auszuschliessen, ob nicht doch eine Fremdeinwirkung vorliegt.» Obduziert wird auch, um die Identität eines unbekannten Toten zu bestimmen. Dabei werden unter anderem Gewebeproben für die DNA-Bestimmung entnommen. Zudem wird auch nach künstlichen Gelenken oder verheilten Knochenbrüchen geschaut, die auf die individuelle Krankheitsgeschichte des Toten schliessen lassen. «Auch Zahnfüllungen geben Hinweise auf eine Region. Es gibt solche, die typischerweise im Osten verwendet wurden», sagt Hauri. Bei einer auffälligen Zahnarbeit werde ein Fall auch mal in einer Fachzeitschrift publiziert, um Hinweise zu erhalten. Bei der Obduktion nimmt der Zuger Kantonsarzt neben Skalpellen auch eine kleine Oszillationssäge in die Hand – um beispielsweise die Schädeldecke zu öffnen. Aber auch ganz normale Messer von Victorinox setzt er bei der Obduktion ein.

Oft Hinweise übersehen

Wie oft werden von den Ärzten Hinweise auf eine Straftat übersehen? «Während des Medizinstudiums ist die Legalinspektion hier ein wichtiges Thema. Deshalb sind die in der Schweiz ausgebildeten Ärzte sensibilisiert», betont Hauri. Trotzdem brauche es viel Erfahrung, um auch kleinste Spuren eines möglichen Deliktes zu erkennen. «Selbst eine Schussverletzung ist äusserlich nicht sofort zu erkennen, wenn nicht viel Blut austritt. Zudem untersucht man auch Leichen, die schon stark verunstaltet sind. Das erschwert die Arbeit.»

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