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Geschichte, die der Kanton Zug braucht

Das aktuelle «Tugium» widmet sich unter anderem der Erinnerungskultur an die beiden Weltkriege im Kanton Zug.
Marco Morosoli

Es gibt historische Ereignisse, wie zum Beispiel die Bombardierung von Dresden durch die Amerikaner und der Briten am 13. Februar 1945, über die es unzählige Bücher gibt. Neuerscheinungen zu diesem Thema unterscheiden sich allzu oft nur in Nuancen oder geben eine stark überhöhte Opferzahl an, die dem heutigen Forschungsstand widerspricht. Mit einer solchen Schwemme ist ein Autor, der Arbeiten zur Zuger Geschichte publiziert, kaum konfrontiert. Die jährlich erscheinende Zeitschrift Tugium hat in dieser Hinsicht die Türe zu einem umfassenden Werk über die Zuger Geschichte aufgestossen. Seit der Ausgabe von 2014 sind der Erste Weltkrieg und seine Auswirkungen auf den Kanton Zug von verschiedenen versierten Autoren aus unterschiedlichen Blickwinkeln historisch solide aufgearbeitet worden.

Gestern hat die Redaktionskommission die 35. Ausgabe des «Tugium» der Öffentlichkeit vorgestellt. Eine Historikerin und ein Historiker haben ein Kurzreferat gehalten: Beatrice Sutter hat zum öffentlichen Wirken der Frauen in der Zeit des Ersten Weltkriegs geforscht. Und Jonas Briner hat sich vertieft mit dem Ersten Weltkrieg in der Zuger Erinnerungskultur befasst. Der Zuger hat sich schon einmal intensiv mit dem Thema Erinnerungen an frühere Geschehnisse auseinandergesetzt. Das Ergebnis ist im Buch «Milchsuppe oder Blutbad?» aus dem Jahre 2013 nachzulesen. Zentral darin sind die Reformationskriege im frühen 16. Jahrhundert.

Namafte verdeckte Schreiber

In seiner neusten Arbeit für die Zeitschrift «Helden mit Ablaufdatum» setzt sich Jonas Briner mit der Erinnerungskultur an den Ersten Weltkrieg im Kanton Zug auseinander. Zentral ist hierbei eine 1924 von den «Zuger Nachrichten» verbreitete «Erinnerungsschrift» an den Aktivdienst der Zuger Truppen zwischen 1914 und 1918. In dieser Schrift sind alle Zuger, welche Aktivdienst geleistet haben, aufgeführt. Jonas Briner schreibt zum Inhalt: «Sie gibt vor, die Erinnerungen allen Zuger Militärangehörigen zu repräsentieren.» Tatsächlich sei es, so Briner, «das Produkt einer militärischen, politischen und sozioökonomischen Elite des Kantons». Treibende Kräfte hinter dem Büchlein waren hochrangige Militärpersonen. Briner eruiert als verdeckte Schreiber Herrmann Stadlin und Philipp Etter. Stadlin hat das Zuger Auszugsbatallion 48 während des Ersten Weltkrieges geführt. Mehr noch: Er sass in dieser Zeit im FDP-Nationalrat (1911-1920) und war Chefredaktor des konservativen «Zuger Volksblattes». Philipp Etter war damals Chefredaktor der konservativen «Zuger Nachrichten» und späterer Langzeit-Bundesrat (1934-1959).

Das Zusammenwirken der politischen Gegner bezeichnet Briner als «die partielle Annäherung er katholisch-konservativen und freisinnigen Kräfte im Kontext des Ersten Weltkrieges». Speziell ist zudem, dass der Gedenkband, so Briner weiter, von Behörden, Bürger- und Korporationsgemeinden sowie grosse Firmen finanziell getragen wurde. Abonnenten und Aktivdienstleister haben für die Schrift nichts bezahlen müssen. Für andere Militärangehörige kostete das Erinnerungsheft zwei Franken. Für alle anderen vier Franken. Der Zuger Historiker stellt auch fest: «Grossmehrheitlich scheinen sie (die Texte, die Red.) aus der Feder hochrangiger Militärangehöriger zu stammen.» Diese Deutung schliesst Briner aus der Tatsache, dass Philipp Etter im Erinnerungsbuch für seine Briefe gedankt worden sei. Dem späteren Bundesrat für zur Verfügung gestellte Briefe eines einfachen Soldaten hingegen nicht. Zu dieser Feststellung führt Jonas Briner in seinem Aufsatz aus, dass «hier ein pseudo-kommunikatives Gedächtnis konstruiert» wird, «um das kollektive Zuger Gedächtnis zu beeinflussen».

Reden, wie aus der Zeit gefallen

Aus dem Erinnerungsbuch entsteht der Soldatentag. Um die Teilnehmerschar dafür zu begeistern, haben die «Zuger Nachrichten» wie auch das «Zuger Volksblatt» ein Tandem gebildet. Bei der Premiere im Jahre 1924 waren es rund 800 Teilnehmer, zehn Jahre später schon 1400. Verdoppelt hat sich dies, wie Briner bemerkt, da es keinen Uniformzwang mehr gegeben haben. Zudem sind die Teilnehmer in den Genuss eines Gratis-Mittagessens gekommen. Im Jahre 1954 sind die Wehrleute, welche im Zweiten Weltkrieg Aktivdienst leisteten, in den Erinnerungstag integriert worden. Bei dieser Veranstaltung haben die Organisatoren des Soldatentages gar 1800 Soldaten gezählt.

Aber auch die zahlreichen Reden, welche Jonas Briner in seinem Essay erwähnt, tönen für aktuelle Ohren wie aus der Zeit gefallen. Beim zweiten Soldatentag 1934 hat der Feldprediger Kopp das Folgende gesagt: «Es ist dieser Treue der Männer in Wehr und Waffen zu verdanken, die in langer und treuer Bereitschaft den Grenzwall beschützt haben und so jedem Feinde die Lust an einer Grenzverletzung genommen haben.» Die Einschätzung des Feldpredigers verklärt die Wirklichkeit. Jonas Briner nennt dazu Fakten: «Die Armee verfügte im Sommer 1914 über keine Luftwaffe und gerade einmal 72 Maschinengewehre.» Dass es im Vorabend des Zweiten Weltkriegs im August 1939 nicht viel besser ausgesehen hat als 25 Jahre davor, dafür kann der Feldprediger nichts.

«Helden mit Ablaufdatum»

Das Erinnern an die Soldaten, die im Dienst gestorben sind, hat 1945 im Soldatengrab auf dem Zuger Friedhof St. Michael seinen Niederschlag gefunden. Die Stätte auf geweihtem Grund hat dem Erinnern an die beiden Weltkriege des letzten Jahrhunderts wohl nochmals ein wenig Auftrieb gegeben. Bei der 600-Jahr-Feier des Kantons Zug sprach Feldprediger Kuhn: «Wir gedenken heute unserer toten Kameraden. Wir ehren sie mit Blumen, und das sei uns ein lebendiges Bekenntnis. Ein Bekenntnis, das Werk fortzusetzen, für das Menschen in Jahrhunderten gekämpft und gelitten haben. Ein Bekenntnis zur stillen Treue im Dienst für unsere Heimat.» Für Jonas Briner sind die Toten zu Helden geworden, die gefeiert werden müssen. Deren biografische Daten hingegen interessieren nicht. Passend deshalb der Titel zu Briners Aufsatz: «Helden mit Ablaufdatum». In Bezug auf den Ersten Weltkrieg scheint diese Phase des Verschwindens der damals aktuellen Helden länger gedauert zu haben. Der Erosionsprozess im Nachgang des Zweiten Weltkriegs ist viel schneller vonstatten gegangen.

Der letzte Soldatentag fand 1984 statt. Der Erste Weltkrieg ist, wie Briner bemerkt, mittlerweile weit weg. Dies auch deshalb, weil Ende der 1980er-Jahre die seit dem Zweiten Weltkrieg bestehende Weltordnung mit dem Untergang der Sowjetunion und ihrer Satelliten-Staaten ihr Ende fand. Für Jonas Briner sind solche Prozesse sehr interessant zu verfolgen:«Entweder geht ein Wandel sehr still vor sich oder aber mit grossen Konflikten.»

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