GESELLSCHAFT: Mein Sex und derjenige der anderen

Ein neues Angebot der leb Zug will einen offeneren Umgang mit der eigenen Sexualität fördern. Zentraler Bestandteil dessen ist ein ungezwungener Erfahrungsaustausch in einer moderierten Gesprächsgruppe.

Andreas Faessler
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David Siegenthaler (rechts) und Layla Weiss-Yantani lancieren ein Angebot, um über Sexualität zu sprechen.

David Siegenthaler (rechts) und Layla Weiss-Yantani lancieren ein Angebot, um über Sexualität zu sprechen.

Andreas Faessler

andreas.faessler@zugerzeitung.ch

«Let’s Talk About Sex» – Reden wir über Sex. Damit schrieben Salt ’n’ Pepa schon vor über 25 Jahren Musikgeschichte. Doch so locker und leger die Frauenband mit dem Thema umgeht, tun es noch lange nicht alle. Zu verkrampft sind grosse Teile der Bevölkerung noch immer, wenn es darum geht, das eigene Sexleben aufs Tapet zu bringen. Das stellt man bei der Zuger Paar- und Einzelberatung leb immer wieder fest. «Es fehlt grundsätzlich an der nötigen Offenheit, ungezwungen über gelebte oder auch nicht gelebte Sexualität zu reden», sagt David Siegenthaler, zertifizierter Paar- und Sexualberater bei leb. Viele Ratsuchende wüssten nicht, dass andere Menschen ähnliche Gedanken und Sorgen umtreiben und sie damit prinzipiell nicht alleine seien.

Sex und Sexualität ist im Alltag der Menschen omnipräsent, und doch beschäftigt sich fast jeder nur in seiner engsten persönlichen Privatsphäre damit. «Zwar ist diese Gehemmtheit bei der ­älteren Generation stärker feststellbar», weiss David Siegenthaler. «Aber selbst die Jungen haben noch deutliche Vorbehalte, wenn es darum geht, darüber zu sprechen.»

Deshalb will man bei der leb Zug nun das Konzept mit der neckischen Bezeichnung «Der andere Sexsalon» erproben. Von der Sexualtherapeutin Lucianna Braendle in Winterthur ins Leben gerufen, wird das Konzept bereits in mehreren Kantonen erfolgreich durchgeführt. Die Idee ist an sich ganz simpel: In einer moderierten Gesprächsrunde treffen sich Männer und Frauen zum ehrlichen, ungezwungenen Austausch über Liebe, Sex und Leidenschaft. Sex wird dabei thematisiert, wie er wirklich ist und in den Betten von Herrn und Frau Schweizer – oder wo auch immer – stattfindet. Und nicht in Hochglanzmagazinen oder Pornofilmen, wo die perfekt aussehenden Darsteller Höchstleistungen erbringen und den Eindruck erwecken, als sei diese mechanische Art Sex der Standard.

Ehrlich, entlastend, ohne Konkurrenzdruck

«Es gibt bei weitem nicht nur die eine Art, Sexualität und Intimität zu leben», sagt Siegenthaler und leitet zu einem Punkt über, mit dem er im Rahmen seiner Beratungstätigkeit immer wieder konfrontiert wird: «In vielen Beziehungen findet überhaupt keine Sexualität mehr statt», stellt er fest. «Die Betroffenen glauben dann zwangsläufig, dass mit ihrer Beziehung etwas nicht mehr in Ordnung ist.»

Das sei aber oft eine falsche Annahme. Auch wenn der eine Partner Lust auf etwas habe, das der andere aber nicht will, sei das zwar ein potenzieller Problemherd, aber noch lange kein Grund, die Beziehung für gescheitert zu erklären.

Und genau für solche Anliegen und viele weitere dient «Der andere Sexsalon». In dieser Runde können sich Menschen offen erzählen, wie sie ihr Sexleben handhaben, und erfahren, wie dies andere tun, wo ihre Grenzen sind, was sie fühlen, sich wünschen, was sie verunsichert – ehrlich, offen, entlastend und fern jeglichen Konkurrenzdruckes. «Wichtig ist, dass innerhalb dieser Gesprächsrunde ein Gefühl der Vertrautheit entsteht. Damit man sich wohlfühlt und von der Sorge ablässt, was andere über einen denken», erklärt David Siegenthaler. Um dem vorzubeugen, hält man ein gewisses Level der Anonymität ganz klar aufrecht, indem man sich lediglich mit dem Vornamen vorstellt – ob es nun der richtige oder ein erfundener ist. Auch erklären sich die Teilnehmenden einverstanden, dass nichts aus der Runde nach aussen dringt. Ehrensache.

«Dieses neue Angebot ist nicht etwa eine Selbsthilfegruppe oder ähnlich. Es ist schliesslich nicht problemorientiert und somit nicht therapeutischer Natur», führt Siegenthaler aus. «Es ist ein erfahrungsorientierter Anlass für interessierte Menschen, die gerne über ihre Sexualität reden möchten und neugierig sind, wie andere ihre leben und erfahren.» So könne wo nötig die Selbstsicherheit gestärkt werden und auch die Genussfähigkeit, die persönliche Art von Sexualität (wieder) zu schätzen und zu leben. «Denn das Unwissen über die Sexualität anderer kann zu unrealistischen Vorstellungen und Befürchtungen führen», ergänzt David Siegenthaler. «Beispielsweise kann die falsche Annahme entstehen, man genüge nicht. Oder es gibt Enttäuschungen, die nicht sein müssten.» Ängstlichkeit und Frustration als Folge würden die Sexualität unentspannt und verkrampft werden lassen.

Es fehlt noch an Offenheit

Nun aber sind die Anmeldungen für den ersten «Anderen Sexsalon» in Zug, der am 6. Juni stattfindet, noch sehr spärlich. Sind die Zuger also gehemmt und verkrampft in Sachen Sexualität? «Wir stellen in der Beratung fest, dass die Menschen hier in der Tat noch nicht so offen sind», weiss Siegenthaler. «Wir sind uns natürlich bewusst, dass sich im kleinen Kanton Zug viele Leute kennen. Das mag ein Grund sein, warum es ein solches Angebot bisher hier noch nicht gegeben hat», mutmasst Siegenthaler. Dennoch möchten sie das Konzept «Der andere Sexsalon» in Zug etablieren und versuchen, die Situation zu ändern und die Leute zu etwas mehr Offenheit anzuspornen.

David Siegenthaler wird mit seiner Berufskollegin Layla Weiss-Yantani diese moderierte Gesprächsrunde leiten. Die erste Durchführung wird die «Gründerin» Lucianna Braendle mit ihrer Erfahrung unterstützen.

Hinweis

«Der andere Sexsalon» am Dienstag, 6. Juni, um 19 Uhr. Weitere Daten: 29. August und 7. November. Infos und Anmeldung unter info@leb-zug.ch, Tel. 041 711 51 76. www.leb-zug.ch