«Gespräche tragen zur Genesung bei»: Der neue Zuger Spitalseelsorger spricht über seine Arbeit

Roland Wermuth ist seit Anfang Februar Leiter der ökumenischen Spitalseelsorge im Zuger Kantonsspital. Er gibt Menschen durch Zuhören und Diskutieren Halt – und regt sie manchmal auch zu philosophischen Sinnfragen an.

Laura Sibold
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Menschen ein Stück auf ihrem Weg begleiten zu können, treibt Roland Wermuth an.

Menschen ein Stück auf ihrem Weg begleiten zu können, treibt Roland Wermuth an.

Bild: Maria Schmid (Baar, 4. März 2020)

Roland Wermuth sollte das Händeschütteln mit seinen Gesprächspartnern wegen des Corona-Virus derzeit vermeiden. Nähe stellt der Spitalseelsorger deshalb momentan vor allem durch Augenkontakt und mit Worten her. «Der erste Eindruck ist entscheidend. Ich möchte Ruhe und Vertrauen ausstrahlen, denn die Menschen sollen sich wohl und verstanden fühlen», sagt der 46-jährige gebürtige Baselbieter, der seit Februar als Mitarbeiter der katholischen Kirche Zug die ökumenische Leitung der Spitalseelsorge am Kantonsspital verantwortet.

Wermuth spricht ruhig und bedacht, die Hände auf dem Tisch wie zum Gebet gefaltet. Wenn er von seiner Arbeit erzählt, scheint leicht sein Basler Dialekt durch. «Als Spitalseelsorger sind wir für Menschen da. Denn Gespräche geben in der oft schweren Situation im Spital Halt, Kraft sowie Zuversicht – und sie tragen ihren Teil zur Genesung bei», erklärt er.

Bestimmte Gottesbilder können einengen

Das fünfköpfige Spitalseelsorge-Team im Zuger Kantonsspital führt neben vertraulichen Gesprächen auch Segnungsfeiern für Neugeborene und Abschiedsrituale sowie Gedenkgottesdienste durch. Am meisten Zeit investiert Roland Wermuth allerdings für die Einzelgespräche, von denen er pro Tag 5 bis 10 durchführt. Die meisten davon mit Patienten, doch auch für Spitalmitarbeitende und Angehörige ist der Spitalseelsorger bei Bedarf da. Er bietet jedem Patienten, der länger als ein, zwei Tage im Spital ist, einen Besuch an – unabhängig von der Religion.

Worüber gesprochen wird, bestimmt der Patient selber. «Ich weiss nie, was mich erwartet, wenn ich ein Spitalzimmer betrete», sagt Wermuth. «In welcher Stimmung ist der Patient, was beschäftigt ihn, kommt es überhaupt zu einem Gespräch?» Als Spitalseelsorger sei er gefordert, präsent zu sein und die Menschen wahrzunehmen.

Viele Patienten erzählen ihm ihre Lebensgeschichte, sprechen über Beruf und Familie oder über die Trauer durch einen erlittenen Verlust. Bei schweren Krankheiten stellen sich viele Patienten Sinnfragen.

«Eine Krankheit ist oft eine Zäsur im Leben, die Zeit schafft, um über die eigene Existenz nachzudenken», erklärt Roland Wermuth gestikulierend.

Der Chamer sieht sich primär in der Rolle des Zuhörers, welcher den Gesprächspartner mit gezielten Inputs zum Hinterfragen seiner Ansichten anregt. So gebe es Gottesbilder oder Glaubensformen, die den Menschen einengen und ihm Angst machen könnten. «Manchmal haben schwer Kranke das Gefühl, Gott lasse die Krankheit bewusst zu oder strafe sie damit sogar. Das kann zusätzlich belasten, obwohl der Glaube eher Kraft spenden sollte.» In solchen Situationen versuche er, dem Menschen in einem Austausch auf Augenhöhe eine andere Möglichkeit aufzuzeigen.

Als Koordinator der ökumenischen Palliative-Care-Seelsorge ist der 46-Jährige in einem kleinen Pensum zudem für die Seelsorge von Menschen, die an unheilbaren oder lebensbedrohlichen Krankheiten leiden, da. Als Mensch empathisch zur Linderung der Not beizutragen, sei nicht immer einfach.

«In Situationen, die nahe gehen, hilft es, sie im Nachgang nochmals zu reflektieren.»

Wermuth weiss, wovon er spricht, hat er vor seiner Anstellung am Zuger Kantonsspital doch viele Jahre als Seelsorger in Zürich und Luzern gearbeitet. Dabei begleitete er neben alten und körperlich angeschlagenen Menschen auch psychisch Kranke auf ihrem Weg. Ruhe und Ausgleich findet der Seelsorger in der Natur, an Gothic-Konzerten sowie in der Philosophie. Und durch Science-Fiction: In Science-Fiction-Filmen gehe es oft um tiefgründige Sinnfragen – das habe ihn schon immer fasziniert.

Die Arbeit erfordert viel Flexibilität

Zwischen den vielen Pflegeterminen und Arztvisiten Zeit für die Patienten zu finden, ist nicht immer einfach. Manchmal werden Gespräche unterbrochen oder verschoben – Spitalseelsorger brauchen für ihre Arbeit viel Flexibilität und Bedächtigkeit. «Doch viele Menschen sind einfach froh, in der oft schweren Zeit im Spital jemanden zum Reden zu haben. Dass sie mir ihr Vertrauen schenken und ihre Lebensgeschichte anvertrauen, berührt mich immer wieder.» Menschen ein Stück auf ihrem Weg begleiten zu können, sei ein Geschenk, betont der Familienvater. Roland Wermuth wohnt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Niederwil bei Cham.