GESUNDHEIT: «Nicht gleich mit Schrotflinte schiessen»

Die Zahl der Hausärzte geht in Zug zurück. Apotheken wollen deshalb eine stärkere Rolle in der Erstversorgung übernehmen. Doch können sie das auch?

Interview Wolfgang Holz
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Martin Affentranger (38) führt die Apotheke Anklin in Cham. (Bild: PD)

Martin Affentranger (38) führt die Apotheke Anklin in Cham. (Bild: PD)

Herr Affentranger, Sie sind neuer Präsident des Zuger Apothekervereins. Muss man künftig zu Ihnen kommen, weil man keinen Arzt mehr findet?

Martin Affentranger: Wir Zuger Apotheker unterstützen die Wahlfreiheit des Patienten. Von «Müssen» soll keine Rede sein. Es ist für uns Alltag, dass unsere Kunden uns aufsuchen, um sich in Gesundheitsfragen beraten zu lassen. Gerade bei einfachen oder eindeutigen Gesundheitsproblemen wie einem Schnupfen lohnt es sich, die Apotheke aufzusuchen, wo man ohne lange Wartezeit beraten wird. Wir sind dafür ausgebildet, zu entscheiden, wann wir weiterhelfen können und wann es nötig ist, den Kunden für weitere Abklärungen an einen Hausarzt oder an einen Spezialisten zu verweisen.

Bekanntlich wird ja nach einer aktuellen Befragung die Zahl der Zuger Hausärzte in den nächsten zehn Jahren zurückgehen. Welche neuen Aufgaben kommen da auf die Apotheken zu?

Affentranger: Schon jetzt merken wir, dass es für Neuzuzüger schwierig ist, einen Hausarzt zu finden. Gerade die Agenden der guten Hausärzte sind schon sehr gefüllt, sodass diese meist keine neuen Patienten aufnehmen. Bei diesen Kunden ist unsere Erstberatung willkommen. Wir erhoffen uns, dass sich die Zusammenarbeit mit den Ärzten in eine Richtung weiterentwickeln wird, dass Patienten, die wir an die Ärzte verweisen, bevorzugt aufgenommen werden. Dies, weil die Ärzte dann wissen, dass wir in der Erstberatung eine notwendige Arztkonsultation festgestellt haben.

Über welche medizinischen Kompetenzen verfügen denn Zuger Apotheker in der Regel?

Affentranger: Der Apotheker ist der Fachspezialist für Medikamente. Wer die Medikamente studiert, kommt auch nicht darum, die Krankheiten zu studieren. Wir Apotheker durchschauen hier vor allem die Vorgänge auf molekularer Ebene. Damit können wir uns wiederum die Symptome erklären, die die Erkrankung prägen. Erhalten wir ein Rezept vom Arzt, können wir von der Kombination der Medikamente auf die Diagnose schliessen. Auch über den Abbau der Medikamente im Körper wissen wir Bescheid. Gerade hier lauern Gefahren, wenn Medikamente kombiniert werden, die sich in die Quere kommen.

Was heisst das konkret?

Affentranger: Der Apotheker ist als Medizinalperson zu lebenslanger Fortbildung verpflichtet. Dadurch erlangen Apotheker laufend neue Kompetenzen, bauen Leistungen aus, und dies bei hoher Qualität. Hier im Kanton Zug haben beispielsweise viele Apotheker eine Zusatzausbildung, um Grundversorgeraufgaben wahrzunehmen: Net-Care dient der medizinischen Erstabklärung und einer raschen und fundierten Abklärung des Falls. Wir Apotheker übernehmen darin die Triage gemäss wissenschaftlich fundierten Flussdiagrammen und ziehen bei Bedarf mit dem Einverständnis des Patienten einen Telemediziner bei.

Aber profitieren Patienten davon tatsächlich – oder muten sich Apotheken nicht zu viel zu?

Affentranger: Uns ist klar, eine solche Verantwortung bedeutet, dass die Aus-, Weiter- und Fortbildung diese Lerninhalte beinhalten muss. Nur durch die exakte Schulung erreichen wir eine zuverlässige Qualität. Dies ist übrigens bei den Hausärzten dasselbe. Die erste Bilanz vom schon angesprochenen Net-Care hat gezeigt, dass gut 70 Prozent der Fälle abschliessend in der Apotheke behandelt werden konnten, in 20 Prozent der Fälle wurde ein Telemediziner hinzugezogen, 10 Prozent der Patienten wurden an eine andere Fachperson überwiesen. Wir Apotheker können hier also durchaus das Gesundheitssystem entlasten.

Welche Rolle spielen denn die wenigen Apotheken im Kanton Zug noch – schliesslich unterhält ja jeder Hausarzt eine Privatapotheke?

Affentranger: Das Grundproblem für die Bevölkerung ist, dass es immer weniger Hausärzte gibt. Leider ist auch keine Trendwende in Sicht. Anders sieht es bei den Apotheken aus. Wir haben bisher keine Probleme mit dem Nachwuchs. Ich denke, dies hängt vor allem damit zusammen, dass Teilzeitarbeit unter Apothekern eher die Regel als die Ausnahme ist. Die Abgabe durch den Arzt im Notfall ist durchaus sinnvoll. Ich denke hier vor allem an den nächtlichen Besuch zu Hause. Anders sieht es aus, wenn es um Schwerkranke geht, die durch mehrere Fachärzte versorgt werden. Wenn nun jeder Facharzt seine Medikamente abgibt, wer kontrolliert dann, ob die Medikamente zusammenpassen? Eine eigene Patientenapotheke vergrössert zudem die administrative Last des Hausarztes. Die Delegation dieser Aufgaben an den Apotheker würde für ihn mehr Zeit für die ärztlichen Leistungen bedeuten und dem Patienten eine höhere Sicherheit bieten.

So weit, so gut. Warum gibt es eigentlich keine Notfallapotheken in Zug?

Affentranger: Die Apotheke Zug im Bahnhof hat wochentags von 7 bis 21 Uhr geöffnet, Samstag und Sonntag von 8 bis 20 Uhr. Tagsüber ist also immer ein Apotheker erreichbar. Dadurch, dass im Kanton Zug Patienten im Notfall die Medikamente beim Arzt beziehen, wäre dieser Service leider weit davon entfernt, kostenneutral zu sein.

Apropos Arznei. Inwieweit werden heutzutage in den Zuger Apotheken alternative Therapien und homöopathische Medikamente nachgefragt?

Affentranger: Der Anteil an alternativen Heilmitteln ist in den letzten Jahren konstant geblieben. Er zeigt das Bedürfnis der Bevölkerung nach Vorsorge und sanfter Medizin. Nicht immer muss gleich mit der Schrotflinte geschossen werden, oft bewirkt schon ein entspannendes Bad Wunder.