Getrübte Wirtschaftsprognosen

Die Unsicherheitsfaktoren der Weltwirtschaft wirken sich unweigerlich auch auf die Zentralschweiz aus.

Raphael Bühlmann
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Was steht an im kommenden Wirtschaftsjahr? Mit welchen Chancen und Herausforderungen werden sich gerade Zentralschweizer Betriebe konfrontiert sehen? Fragen, für welche im Moment guter Rat teuer ist. Brexit, Handelskrieg oder Negativzinsen: Die Unsicherheitsfaktoren der Weltwirtschaft wirken sich unweigerlich auch auf ­Zentralschweizer Unternehmen aus – Prognosen bleiben vage.

Dies kam kürzlich deutlich zum Ausdruck. Eine illustre Gesellschaft mit namhaften Vertretern aus Politik und Wirtschaft fand sich in dem bis auf den letzten Platz besetzten KKL Luzern ein. «Perspektiven 2020», der renommierte und breit abgestützte Anlass, stand in diesem Jahr unter dem Motto: «Wege zu einer gesunden Zentralschweizer Wirtschaft».

Die Diagnose des Herzchirurgen

«Gesundheit» war denn auch das Stichwort für den diesjährigen Gastreferenten. Thierry Carrel, Direktor der Uniklinik für Herz- und Gefässchirurgie am Inselspital Bern, bescheinigte der Zentralschweiz durchaus eine intakte und gut aufgestellte Wirtschaft (siehe Ausgabe vom 30. Oktober). Auch am Anlass lobte der Mediziner die Zentralschweizer Innovationskraft und stellte optimistisch fest, dass es den Betrieben im Vergleich zum Vorjahr etwas besser ginge: «Letztes Jahr haben Sie mit Abt Christian Meyer vom Kloster Engelberg noch einen Geistlichen eingeladen, heuer reicht offensichtlich ein Mediziner.» Jäh relativiert wurde die Diagnose von Martin Eichler. Anders als im Vorjahr hatte der Chefökonom von BAK Economics wesentlich trübere Prognosen im Gepäck (siehe Ausgabe vom 25. Oktober). «Vor Jahren konnten wir noch von einer vor Kraft strotzenden Wirtschaft sprechen.» Jetzt sehe die Situation ganz anders aus.

Eichler zeigte eindrücklich auf, wie die Stimmungsindikatoren, die der Konjunktur vorgelagert sind, nach unten zeigen. Das BAK rechnet sowohl für 2019 wie auch 2020 mit einem Wachstum von rund einem Prozent. «Das ist extrem schwach.» Zwar schliesst Eichler eine Rezession aus, doch «die Wirtschaftslage in der Schweiz ist derzeit eher angespannt». Ursache für die schwächere Entwicklung sei vor allem das internationale Umfeld mit einer schwächeren Nachfrage nach Schweizer Gütern und den grossen Unsicherheiten. Hinzu komme die in den letzten Monaten wieder stärkere Inlandwährung. «Zwar schätzen wir den Franken nicht mehr als stark überbewertet ein, sondern nur leicht; dennoch trägt die Kursentwicklung etwas zur Dämpfung der Wirtschaftsaussichten bei», so Eichler. Die schwächere globale und insbesondere europäische Nachfrage wirke sich jedoch negativ auf die Schweizer Exporte aus. Allein im August sanken die Ausfuhren gegenüber dem Vormonat um 4,3 Prozent. «Auch der Einkaufsmanager-Index (PMI) ist in der Industrie seit März 2019 unter 50 Prozent gefallen», sagte Eichler. Dies lasse auf eine schwierige weitere Entwicklung der Industrie schliessen, auch wenn zuletzt erste Anzeichen sichtbar wurden, dass der Tiefpunkt in den zukünftigen Erwartungen durchschritten sei.

Robuster Arbeitsmarkt

Auf der anderen Seite stellt der BAK-Chefökonom fest, dass der Arbeitsmarkt in der Schweiz weiterhin robust blieb. Die Zahl der Arbeitslosen sei auch über den Sommer 2019 weiter gefallen, was sich stützend auf den Schweizer Konsum auswirke und wesentlich dazu beitrage, dass die Schweiz trotz der herausfordernden Lage in der Industrie nur eine Wachstumsverlangsamung, aber keine Rezession erfahre. «Branchenseitig ist neben den Banken ganz besonders die Investitionsgüterindustrie unter Druck.»

Welche Impulse für die Zukunft der Zentralschweizer Wirtschaft massgebend sein werden, diskutierten auf dem Podium im Anschluss an die Referate nebst Ökonom Eichler auch André Bieri von Ernst & Young, Beat Hodel von der Luzerner Kantonalbank sowie Peter Fries von der PKG Pensionskasse. «Die Zentralschweizer Wirtschaft ist robuster, weil sie breit aufgestellt ist», stellte dabei Fries fest. Tourismus, Baugewerbe, Maschinen, Nahrungsmittel: es gebe zahlreiche Unternehmen, die in unterschiedlichen Sektoren am Markt agieren würden.

Auch der BAK-Ökonom Eichler erklärte, dass sich hiesige Betriebe erstaunlich gut halten würden. Dies gerade auch dank der für den Standort starken Leaderunternehmen wie Maxon oder Pilatus, die den aktuellen Herausforderungen trotzen könnten. «Dies zeigen zum Beispiel die Exporte. Zentralschweizer Ausfuhren von Investitionsgütern konnten im Jahresverlauf 2019 um 4,1 Prozent expandieren. Der Schweizer Durchschnitt liegt hier bei 3,9 Prozent», so Eichler. Als erheblich taxierte der Ökonom die Risiken. Der Handelskonflikt könnte sich wesentlich verschlimmern.

Die Bauwirtschaft, eine weitere wichtige Branche, dürfte 2019 gebremst werden. Darauf deuteten die Indikatoren wie Baugesuche hin. Nach den grossen Investitionen der letzten Jahre in den Mehrfamilienhausbau dürfte sich das Bild nun ändern.

Hinweis: Dieser Text ist erstmals am 2. November 2019 in der Luzerner Zeitung und ihren Regionalausgaben erschienen. Er wurde leicht überarbeitet.