GEWALT: Sie sorgen selbst für Sicherheit

Selbstverteidigungskurse erleben vor allem einen weiblichen Zuwachs. In den Trainings lernen die Frauen aber nicht nur Kampftechniken.

Andrea Muff
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In der Kampfschule Skema in Zug trainieren die meisten über mehrere Jahre. (Bild Werner Schelbert)

In der Kampfschule Skema in Zug trainieren die meisten über mehrere Jahre. (Bild Werner Schelbert)

Andrea Muff

Die sexuellen Übergriffe an Frauen am Silvesterabend in Köln und Zürich haben auch im Kanton Zug ihre Spuren hinterlassen. So legen sich in letzter Zeit immer mehr Frauen Pfefferspray zur Selbstverteidigung zu, wie von Waffen Zimmermann und Jagdoptik in Luzern Anfang Februar bestätigt wird (wir berichteten). Doch nicht nur waffentechnisch rüsten sich die Frauen auf, auch die Selbstverteidigungskurse im Kanton Zug boomen, wie Anfragen bei Kampfsportschulen zeigen.

Ruedi Bickel, Schulleiter der SkemaKampfsportschule in Zug, sagt: «Die Nachfrage ist definitiv gestiegen.» Es komme auch öfters vor, dass an den Trainings mehr Frauen als Männer teilnehmen. Vor allem fragen ihn mehr Firmen für Einführungskurse an: «An diesen gehe ich vor allem auf das Sicherheitsbewusstsein ein und zeige einfache Techniken zur Verteidigung.» Denn normalerweise trainieren seine Schüler über mehrere Jahre: «Die Technik der Kampfkunst ist sehr aufwendig.»

Fühlen sich weniger sicher

Erfahrungen werden untereinander ausgetauscht, seien es gute oder schlechte, das ist auch Bickel aufgefallen: «Einzelne Frauen machen sich Gedanken, wenn sie allein nach Hause gehen oder einen verlassenen Bahnhof in der Nacht durchqueren müssen. Sie wollen gewappnet sein.» Ob nach einer verbalen Auseinandersetzung eine Eskalation droht, sei schwierig zu beurteilen. Doch allgemein gilt: «Das Sicherheitsempfinden ist zurückgegangen. Ich denke auch, dass es eine grosse Dunkelziffer gibt an Gewalt und sexuellen Übergriffen», schätzt Bickel. Öfters treten die Eltern an ihn heran. Diese wollen sichergehen, dass sich ihre Tochter in brenzligen Situationen verteidigen kann.

Davon spricht auch Karin Vonwil vom Verein Pallas. Die gesamtschweizerische Organisation ist vor allem in der Präventionsarbeit tätig. Karin Vonwil unterrichtet in Zug und Luzern Selbstverteidigungskurse und arbeitet auch mit Gewaltbetroffenen zusammen. Sie bestätigt: «Bei Schülern kommt die Motivation häufig von den Eltern. Vor allem wenn das Kind in einen Sprachaufenthalt ins Ausland geht, mindert ein Selbstverteidigungskurs die elterlichen Sorgen.» So werden vor allem Selbstverteidigungskurse für Frauen angeboten, die nicht nur die Kampftechnik vermitteln, sondern auch das Selbstbewusstsein stärken. «Es ist wichtig, rechtzeitig Grenzen zu setzen, damit eine gewalttätige Situation gar nicht erst entsteht», erklärt die Pallas-Trainerin. Zudem bietet die Organisation Kurse für gewaltbetroffene Frauen an.

Vonwil sieht den Zusammenhang mit den Berichten über die Silvesterabende in Köln und Zürich: «Danach haben bei uns die Telefone geklingelt. Diese Ereignisse sind immer noch in den Köpfen der Frauen.» Roul Haldimann, Leiter des Krav Maga Center in Cham, hat ebenfalls einen Anstieg bemerkt: «Als das Thema sexuelle Übergriffe Anfang Jahr sehr oft in den Medien war, haben wir eine Verdoppelung der Anfragen und Probetrainings von vorwiegend Frauen gehabt. In der Zwischenzeit haben sich die Anfragen wieder auf das normale Niveau eingependelt.» Die Frauen fühlen sich in Zug aber sicher, bestätigt auch Karin Vonwil. Jedoch: «Ich höre oft, dass Frauen in Zürich in den Ausgang gehen und dort Übergriffe befürchten. Davor wollen sie sich schützen», erklärt sie. Allerdings sei es nach wie vor so, dass die meisten sexuellen und gewalttätigen Übergriffe aus dem näheren Umfeld kommen. «Der Täter ist meist kein Fremder», führt sie aus.

Zahl der Sexualdelikte ging zurück

Auch die Kriminalstatistik der Zuger Polizei weist nach einem Rückgang im Jahr 2013 für das Jahr 2014 wieder eine Steigerung der Zahl der Sexualdelikte aus. Die Zahl der sexuellen Belästigung ist gar um die Hälfte gestiegen – von 21 auf 32 registrierte Fälle. Die Zahl der sexuellen Nötigung hat ebenfalls zugenommen von 9 auf 15 Fälle im Jahr 2014.