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GEWÜRZMÜHLE: «Wenn die Berge sich auftun ...»

Für einmal gab es keine Lorze-Performance, sondern eine szenische Lesung. Gisela Bitterli Jochimsen und Werner Iten haben sich Gottfried Keller zur Brust genommen – mit Humor, Respekt und poetischem Wahnsinn.
In Spiellaune: Gisela Bitterli Jochimsen und Werner Iten huldigen einer Legende – auf ganz eigene Art. (Bild: Werner Schelbert (Zug, 27. Oktober 2017))

In Spiellaune: Gisela Bitterli Jochimsen und Werner Iten huldigen einer Legende – auf ganz eigene Art. (Bild: Werner Schelbert (Zug, 27. Oktober 2017))

Am Freitag um 20 Uhr war es so weit: Die Künstler Gisela Bitterli Jochimsen und Werner Iten luden in der Grossen Halle der Gewürzmühle zur szenischen Lesung mit dem Titel «Die grüne Ursula». Literaturaffine Besucher ahnten schon: Hier muss der Schweizer Dichter Gottfried Keller (1819–1890) mit im Spiel sein. Und in der Tat: Während sich ­Gisela Bitterli im Vorfeld in die Lektüre des Bildungsromans ­ vom «Grünen Heinrich» stürzte, widmete sich Werner Iten Kellers ­Erzählung «Ursula». Beide schöpften für die Lesung neue Sätze aus ihrer jeweiligen Lektüre, gemäss Bitterli war nur ein einziger Satz original: «So weiss ich nun nicht, was werden soll, wenn du dich nicht fest und für immer bessern willst.»

«Viel Mühe im Leben ging vorüber»

Auch Keller wusste wohl oft nicht, was werden soll, genauso wie manche Künstlerseele heute. Kellers «Ursula» erschien im Rahmen der Züricher Novellen 1877. Mit ihr hat Keller seiner Heimatstadt, die ihn zu ihrem Staatsschreiber gemacht und dadurch seine ständige materielle Not behoben hatte, ein Denkmal gesetzt, indem er sich klar für die staatstragende Zürcher Reformation Zwinglis aussprach.

Den «Grünen Heinrich» wiederum begann Gottfried Keller zu planen, nachdem er 1842, als Maler gescheitert, aus München nach Zürich zurückgekehrt war. Mit der Niederschrift begann er, als ihm ein Stipendium Aufenthalte in Heidelberg und Berlin ermöglichte.

Und nun also die beiden Lorze-Performer und Gottfried Keller: Bitterli und Iten wissen, was sie aneinander haben – bessern muss sich keiner der beiden. Und was aus Gottfried Keller wird, wenn die zwei sich seiner annehmen? Ganz einfach: Eine szenische Lesung mit leicht übergriffigen Tänzchen, einem brennenden Pelzmantel, entflammt mit alten Wunderkerzen von Bitterlis Schwiegermutter, das Ganze untermalt vom Spiel Werner Itens auf einer Zither, die auf einem Berliner Flohmarkt erworben wurde, und von Narrenglockengeläut und Sensengeklirre.

Die Sense stammt übrigens von Itens Vater, der seine Jugend als Knecht verbrachte – Werner Iten mäht heute mit ihr die Wiesen um die Gewürzmühle. Am Freitag geht es aber eher um das Säen neuer Worte oder, wie Iten es ausdrückt, um «Sätze am Rande der grammatikalischen Legalität». Und so fabulieren die zwei munter und manchmal simultan, gewandet in Schwarz, in lange Unterhosen und mit Hut: «Wenn die Berge sich auftun ...» «Viel Mühe im Leben ging vorüber.» «Nun stürz dich, Gretel, schürz dich.» Darauf ein Gläschen Likör. «Was hab ich aus dem armen Keller gemacht?», lacht Bitterli im Anschluss. «Impresionante», genial, so finden Besucher das Gezeigte: eine «ver-rückte» Poesie.

Susanne Holz

susanne.holz@luzernerzeitung.ch

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