GLASHOF: «Es war ein Markenzeichen für Zug»

Der Park Tower, das künftig höchste Haus in Zug, sorgt für Diskussionen. In den 60er-Jahren wehte ein anderer Wind – auf die ersten Hoch­häuser schaute man mit Stolz.

Susanne Holz
Merken
Drucken
Teilen
Am 1. Juni 1966 wurde der Glashof als eines der ersten Zuger Hochhäuser fertiggestellt. (Bilder Werner Schelbert/PD)

Am 1. Juni 1966 wurde der Glashof als eines der ersten Zuger Hochhäuser fertiggestellt. (Bilder Werner Schelbert/PD)

Seit gut 30 Jahren wohnt Rosmarie Eberli im 10. Stock des Glashofs an der Baarerstrasse 43 in Zug. Eingezogen ist sie zusammen mit ihrem Mann, am 1. Mai 1983 – seit drei Jahren ist Rosmarie Eberli Witwe und muss die schöne Aussicht, die sich ihr täglich bietet, allein geniessen. «Eigentlich wollten wir schon 1974, nach unserer Heirat, hier einziehen», erzählt die 79-Jährige. «Aber da war uns die Miete noch zu teuer.» Neun Jahre später las Rosmarie Eberli im Amtsblatt, dass im 10. Stock des Glashofs eine Wohnung frei wird. Dann ging alles ganz schnell: Man traf sich vor dem «Bären» mit dem Hausverwalter und besichtigte an einem Tag im April 1983 die Wohnung. «Es war ein schöner, föhniger Tag mit einer Aussicht wie gestochen», erinnert sich die Zugerin. Sie habe am Wohnzimmerfenster der Wohnung, die zu vermieten war, gestanden und nur noch «Oh» gesagt. «Der See, die Berge, es war wie ein Wunder. Mein Mann hat dann dem Verwalter gleich zugesagt, weil er sah, wie gut mir die Wohnung gefiel.»

Der tägliche Blick aus dem Fenster

Im ersten Jahr, blickt Rosmarie Eberli zurück, hätten sie sehr viel Besuch gehabt – den sie vorzugsweise an föhnigen Tagen einluden. «Ihr müsst ja gar nicht mehr in die Ferien», hätten die Leute gesagt. Der eigene Bruder sei einfach am Fenster gestanden und habe geschaut: «Der musste gar keinen Kaffee mehr haben.» Der Kommentar einer Freundin aus Holland war: «Toll, du siehst die Berge und den See sogar beim Kochen.»

Rosmarie Eberli sagt: «Wir hatten nie ein Auto. Bus, Eisenbahn, der Bäcker, die Bank – alles ist vor dem Haus, die Ärzte sogar im Haus.» Und auch heute schaue sie noch täglich aus dem Fenster und freue sich an der Aussicht. Blickt man aus dem breiten Wohnzimmerfenster der Eberlis, sieht man auf Rigi und Pilatus, auf die Berner Alpen und den Zugersee. Man sieht die reformierte Kirche Zug und das Neustadtschulhaus, das Metalli und die Kantonalbank. Man sieht den Zugerberg und die Altstadt mit den Kirchtürmen von St. Michael und St. Oswald. «Vor 30 Jahren war der Blick noch relativ frei», erzählt die langjährige Mieterin. «Jahr für Jahr konnten wir dann verfolgen, was alles gebaut wurde.» Und auch das Wetter sehe man vor den anderen, jenen weiter unter, kommen. «Ich sehe den Sturm zuerst. Er kommt oft plötzlich und wirbelt ums Haus – das eben ein Solitär ist.»

Ein Gesprächsthema

Einem Sturm der Kritik musste sich der Glashof aber wohl nie stellen. Xaver Arnold ist sich sicher: «Der Glashof war zu dieser Zeit schon ein Markenzeichen für Zug.» Der heute 82-Jährige war von 1973 bis 2011 Hauswart im Zuger Hochhaus der ersten Stunde – im Nebenjob. Arnold weiss: «Zu Beginn war der Glashof ganz sicher ein Gesprächsthema, aber ein positives.» Viele besser gestellte Leute hätten im Glashof gewohnt, es habe aber auch für Zug relativ günstige Wohnungen gegeben. Auf die Hauswartstelle sei er im Amtsblatt gestossen. Xaver Arnold muss lächeln: «Eine ‹überdurchschnittliche Entlöhnung› wurde dafür geboten.»

Der frühere Hauswart findet: «Das Haus war was ganz Besonderes, die Glasfassaden, die zwei Lifte – das Haus war schön, auch die Wohnungen waren es.» Probleme habe es nie gegeben: «Das Haus ist gut gebaut worden.» 14 Stockwerke misst der Glashof, zwei gehen in den Keller. Karl Rust, der heutige Inhaber der Baufirma Landis, erinnert sich an den September 1964, als der Rohbau gerade fertig wurde: «Ich kam direkt von der Aarauer Bauschule und war als Bauführer-Praktikant der Baustellenchef. Wir hatten in wenigen Tagen noch etwa zehn Stockwerke zu bauen, und ich musste einen Rückstand von 14 Tagen aufholen. Ich motivierte die Leute und versprach, Güggeli essen zu gehen, wenn wir früher fertig werden. Wir waren ein sehr gutes Team, es war eine schöne Zeit.»

Weiter erzählt Karl Rust vom Kletterkran, den man damals eigens gekauft habe: «Es war der einzige im Kanton Zug.» Und von Architekt Stucky und den vorfabrizierten Wänden: «Fritz Stucky war der Spezialist für Vorfabrikation, die damals ganz neu war.» Schön seien die Wände gewesen, edel: «Aussen weisser Zement, in der Mitte die Isolation, innen tragender Beton – und das alles in einem Fertigelementstück.» Peter Meier, der 1961 nach Zug kam und im Oktober desselben Jahres als junger Architekt beim Architekturbüro von Fritz Stucky und Rudolf Meuli einstieg, weiss hierzu: «Ein Zeichen der damaligen Aufbruchstimmung war das Streben nach der Industrialisierung des Bauens. Vor allem Wände wurden vorfabriziert, mit dem Kran hochgezogen und auf die gegossenen Betonböden gestellt. Beim Glashof sind es die massiven Aussenwände, die als sogenannte Sandwich-Wände in einem Betonwerk im 60 Kilometer entfernten Würenlingen hergestellt und nach Zug transportiert wurden.»

Positive Meinungen

Für Peter Meier war die Projektleitung beim Bau des Glashofs die erste Aufgabe in Zug: «Mein erstes Projekt in Zug gleich der Glashof – da war ich schon ein wenig stolz.» Hochhäuser seien damals die Zukunft gewesen: «Die Meinung zu diesen war allgemein positiv. Gegen den Glashof gab es weder seitens der Stadt noch der Bevölkerung Einwände.» Was Fritz Stucky betrifft, sagt Peter Meier: «Es war faszinierend, bei ihm zu arbeiten. Er ist förmlich explodiert vor Ideen.» Aus einem persönlichen Gespräch, das der Architekt mit seinem früheren – und mittlerweile 84-jährigen – Arbeitgeber unlängst führte, weiss Meier: «Städtebaulich sieht Fritz Stucky sein Hochhaus an der richtigen Stelle. Seine Devise war, dass ein Hochhaus Freiraum schaffen solle.» Leider sei aus dem ursprünglichen Konzept, zwischen Glashof, Erlenhof und Metalli einen Platz entstehen zu lassen, nichts geworden. Den Plan, den Kantonalbankbau neben dem Glashof abzureissen und höher wieder aufzubauen, könne Fritz Stucky deshalb überhaupt nicht gutheissen.

Quellen: Bauamt und der Zuger Heimatschutz