Grossauftrag für einen Zuger Glasmaler

Die ehemalige Ziterzienserabtei Wettingen birgt einen bedeutenden Glasgemäldezyklus aus dem 17. Jahrhundert. Ein gebürtiger Baarer zeichnet für diesen besterhaltenen Kunstschatz verantwortlich.

Andreas Faessler
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Der Zyklus zeigt Szenen aus demLeben Mariens. (Bild: Andreas Faessler)

Der Zyklus zeigt Szenen aus demLeben Mariens. (Bild: Andreas Faessler)

Historischen Glasmalereien, vor allem sakralen, sind häufig ähnliche Schicksale beschieden: Entweder sind sie Zerstörung anheim gefallen – sei es durch Kriegshandlungen oder Feuersbrünste. Oder sie sind im Laufe der Zeit von ihrem angestammten Ort in Kirchen und Klöstern entfernt und in alle Winde zerstreut worden – vor allem während der Reformation sind zahllose dieser Kunstwerke abhanden gekommen. Nicht selten sind zusammengehörige Glasgemäldezyklen auch in Teilen in private Hände geraten. Immer wieder tauchen Fragmente auf dem Kunstmarkt auf oder landen im Fundus von Museen.

Angesichts dieser im Prinzip bedauernswerten Umstände fällt dem ehemaligen Zisterzienserkloster Wettingen eine besondere Bedeutung zu. Der gotische Kreuzgang nämlich birgt den landes-, wenn nicht weltweit grössten originalen Kabinettscheibenzyklus, der seit Anbeginn an seinem angestammten Ort unbeschadet verblieben ist. Insgesamt 137 besterhaltene Scheiben sind in die Fenster der vier Kreuzgangarme eingesetzt. Die ältesten Exemplare stammen aus dem späten 13. Jahrhundert. Generell handelt es sich bei den Kunstwerken um Schenkungen von Adligen, Städten oder anderen Klöstern, mit denen Wettingen enge Beziehungen pflegte.

Ein Baarer als Klosterretter

Wir schenken unsere Aufmerksamkeit an dieser Stelle vor allem den Scheiben im Südarm des Kreuzganges, denn hier kommen zwei für das einst einflussreiche Kloster bedeutende Zuger Persönlichkeiten ins Spiel. Zum einen ist Peter Schmid (1559-1633) aus Baar zu nennen. Er entschied sich für eine geistliche Laufbahn, trat um 1574 ins Kloster Wettingen ein und liess sich sechs Jahre später zum Priester weihen. Nach seinem anschliessenden Studium in Paris und einem Aufenthalt in der Zisterzienser-Mutterabtei Cîteaux wurde Peter Schmid Prior im Kloster Wettingen und um 1594 schliesslich Nachfolger von Abt Christoph Silberysen, unter dem und dessen Vorgängern das Kloster in eine prekäre wirtschaftliche Schieflage geraten war. Der Baarer brachte die Ordensgemeinschaft wieder in eine stabile Lage und liess das Kloster baulich weitgehend erneuern. Peter Schmid galt und gilt somit als einflussreichster Wettinger Abt nach der Reformation. Nicht nur architektonisch brachte er sein Kloster auf Vordermann, auch um die künstlerische Ausstattung war er bemüht und liess die vorhandenen Scheiben im Kreuzgang ergänzen. Der Abt nahm nicht etwa gestiftete Kabinettscheiben entgegen, um sie in die Fenster einzusetzen. Vielmehr bedachten ihn befreundete Klöster, inkorporierte Pfarreien oder auch private Gönner mit reichen Geldspenden, so dass der Abt den oder die ausführenden Künstler selber aussuchen konnte.

Kunsthandwerk zugunsten der Politik aufgegeben

Schmids Wahl fiel auf einen Künstler aus seiner Heimat, zu dessen Familie die Schmids wohl seit langem freundschaftliche Beziehungen gepflegt hatten: Der Zuger Glasmaler Christoph Brandenberg (ca. 1598-1663) sollte ihm für die 13 spitzbogigen Masswerkfenster des südlichen Klosterkreuzganges einen 26-teiligen Glasgemäldezylkus mit Szenen aus dem Leben Mariens liefern.

Christoph Brandenberg war während seiner knapp vier Gesellenjahre – sein Hauptausbildner ist nicht überliefert – vergleichsweise rastlos und umtriebig. Stets auf Wanderschaft mit kürzeren oder längeren Stationen in deutschen und schweizer Städten, waren die Einflüsse durch seine vielen Meister zahlreich. Da Brandenberg einer Zuger Adelsfamilie angehörte, war er prädestiniert für diverse politische Ämter, von denen er mehrere wahrnahm. Als Brandenberg im Jahre 1635 zum Grossweibel gewählt wurde, sagte er sich aus Zeitgründen vom Glasmalerhandwerk los, um sich fortan um sein Amt zu kümmern, welches er bis zu seinem Ableben besetze.

Während seiner aktiven Zeit als Künstler hat Brandenberg nachweislich mehrere private, öffentliche und klösterliche Aufträge erhalten und umgesetzt. Man weiss unter anderem von Arbeiten für die Klöster Hermetschwil und Einsiedeln sowie für die Johanniterkommende in Hitzkirch. Diese Werke sind heute allesamt nicht mehr erhalten oder verschollen. Der 26-teilige Marienzyklus, den Brandenberg im Jahre 1623 an das Kloster Wettingen lieferte, gilt hingegen als gesichert und ist gleichzeitig das bedeutendste Werk des Zugers.

Kritische Betrachtungen

Kunstverständige äusserten (und äussern) sich allerdings auffallend kritisch über die Arbeit des Zugers, insbesondere dann, wenn sie mit den Werken anderer namhafter Glasmaler seiner Zeit verglichen werden. Brandenbergs grösster posthumer Kritiker dürfte etwa Hans Lehmann (1861-1946) gewesen sein, Kunsthistoriker und damals Direktor des Schweizerischen Landesmuseums. Er notiert wörtlich: «Wäre der junge Christoph nicht so wanderlustig gewesen, sondern hätte er bei wenigen, aber guten Meistern ernsthaft gearbeitet, statt sich mit Studenten herumzutreiben, dann würde diese Gesellenzeit, über welche uns sein erhalten gebliebenes ‹Stammbuch› in anmutiger Weise Aufschluss gibt, ihn auch weiter in seiner Kunst gefördert haben, und wir müssten nicht bedauern, dass eine so grosse und schöne Aufgabe (Anm.: der Marienzyklus für Wettingen) an einen Meister vergeben wurde, der sie in unbefriedigender Weise löste.» Lehmann attestiert Brandenberg eine fehlende Vertiefung in die Kunst, bezeichnet die Ausführung als zu trocken und handwerklich mangelhaft. Noch bissiger äusserte sich der deutsche Kunsthistoriker Wilhelm Lübke (1826-1893), der Brandenbergs Marienzyklus als «uninteressant, nüchtern, flau, charakterlos» beschrieb.

Betrachtet man die Kabinettscheiben aufmerksam und vergleichend, so lässt es sich nachvollziehen, dass einige Sachverständige sich kritisch äussern. Vor allem in den dargestellten Figuren glaubt man, eine gewisse Unausgereiftheit in Haltung und Gesichtszügen zu erkennen. Etwas steif und krampfhaft schauen sie zuweilen in die Welt hinaus, manche Antlitze haben gar etwa Comichaftes.

Nichtsdestotrotz lässt sich Christoph Brandenberg ein ansehnliches Beherrschen seines Handwerks nicht absprechen, zu gekonnt und stimmig sind insbesondere die Ornamente in all ihrer Detailhaftigkeit ausgeführt. Auch die Wahl und Anordnung der intensiv leuchtenden Farbtöne zeugen durchaus von einem künstlerischen Verständnis des Urhebers.

Ungewisser Verbleib von vier Originalscheiben

Der Brandenbergische Marienzyklus von Wettingen setzt sich fast ausschliesslich aus Paaren zusammen, sprich vom selben Stifter stammen jeweils zwei Glasgemälde – eine Figuren- und eine Wappenscheibe. Während letztere hauptsächlich den Stifter repräsentieren, zeigen die Figurenscheiben die eigentlichen Szenen aus dem Leben der Gottesmutter. Die vom Abt von Rheinau («Abbte des Gottshauses Rheinauw») gestiftete Figurenscheibe mit der Heiligen Familie (siehe Bilder, 4. Reihe, 2. v.l.) trägt auf einem links neben der Jesuskrippe dargestellten Steinblock die volle Signatur des Künstlers: «Christoph Brandenberg Zug fec. 1623».

Im 19. Jahrhundert wurden vier der 26 Brandenberg-Scheiben entfernt – entweder geschah dies um 1841 kurz der Aufhebung des Klosters oder aber spätestens im Jahre 1872, als der Kanton Aargau die Wettinger Glasgemälde restaurieren liess. Warum die vier Scheiben entfernt worden sind, ist unklar. Ebenso liegt es im Dunkeln, wo sie hingelangt und seither verblieben sind. Das Letzte, was man von ihnen weiss, ist, dass sie in einer Zürcher Werkstatt auf fragwürdige Weise restauriert worden sind und dass sie das Schweizerische Landesmuseum im Jahre 1928 zwecks Dokumentation fotografisch abgelichtet hat. Die noch existierenden Abzüge zeigen, dass bei den von den Klöstern Hauterive und Neuburg gestifteten Scheiben die Beischriften vertauscht worden sind und von der Scheibe des Zisterzienserklosters Tennenbach nur noch das Wappen erhalten ist.

2001 wurde der Brandenberg-Zyklus fachmännisch und mit viel Aufwand restauriert. Im Zuge dessen wurden die vom Landesmuseum angefertigten Fotoabzüge auf die Grösse der Scheiben gebracht. Die Reproduktionen liefern eine Idee davon, wie die fehlenden Scheiben ausgesehen haben. Sie sind an ihrem mutmasslich ursprünglichen Platz eingesetzt.

Der Kreuzgang der einstigen Zisterzenserabtei Wettingen mit seinen bedeutenden Glasmalereien ist öffentlich zugänglich.

Sehen Sie sich hier alle Brandenberg-Scheiben an:

(Bild: Andreas Faessler)
22 Bilder
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Hinweis: Mit «Hingeschaut» gehen wir wöchentlich Fundstücken mit kulturellem Hintergrund und Zuger Bezug nach.