Leserbrief
Gute alte Zeit?

Lesergedanken zur Gegenwart

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Ich höre mir eine Sammlung deutscher Schlager aus der Zeit des Wirtschaftswunders an. Ich bin fasziniert von der Naivität und Oberflächlichkeit der Texte und erfreue mich an der Lebensfreude dieser Schlager. Nun, 70 Jahre, später wissen wir in vielen Gebieten mehr über die Folgen dieser unbekümmerten Art zu leben. Neben Minderheiten, Natur und Frauen litten Andersdenkende. Die wurden einfach ignoriert. Vieles davon galt auch für die Schweiz.

Eines ist völlig klar, so wie in den 1950er-Jahren konnte und durfte es nicht weitergehen. Eine Kurskorrektur war notwendig und ist auch erfolgt. Wirtschaftlich und gesellschaftlich hingegen erfolgte sie in völlig falscher Richtung. Statt einer sozialen Marktwirtschaft im Sinne von Ludwig Erhard haben wir heute einen völlig verantwortungslosen ausbeuterischen und unmenschlichen Konzernkapitalismus, der Rendite vergöttert statt Leistung respektiert. Wir tendieren zu einer Ökodiktatur, in einem bevormundenden überwachenden Polizeistaat. Gesellschaftlich lebt das Denunziantentum wieder auf, wir knüppeln Andersdenkende nieder. Wir vergöttern die Gesundheit und vergessen zu leben. Zum Glück ist es noch nicht so weit wie in den 1970er-Jahren, als Nationalrat Ernst Cincera ungestraft Hass verbreitete und das gesellschaftliche Klima vergiftete, aber leider eilen wir in horrendem Tempo wieder auf diese Intoleranz zu.

Ich frage mich, ob wir nicht in der Lage sind, einen goldenen Mittelweg zwischen der Unbekümmertheit, der Lebensfreude und Oberflächlichkeit der 50er-Jahre und einem anständigen Umgang mit Minderheiten, mit dem anderen Geschlecht, den Akteuren am Wirtschaftsleben und der Natur zu finden.

Michel Ebinger, Rotkreuz