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Biniam aus Eritrea ist bei zwei Zugerinnen zum Abendessen eingeladen: «Kennst du eigentlich alle Kantone der Schweiz?»

Aus Fremden Freunde machen, das ist die Idee von «Gemeinsam Znacht», ein Projekt, bei dem Einheimische Geflüchtete zum Essen einladen. Alexandra Weibel und Nadia Kaufmann haben es ausprobiert.
Christopher Gilb
Die Gastgeberinnen Nadia Kaufmann (links) und Alexandra Weibel sowie Biniam Gebreab aus Eritrea beim gemeinsamen Abendessen. (Bild: Stefan Kaiser (Zug, 10. Dezember 2018))

Die Gastgeberinnen Nadia Kaufmann (links) und Alexandra Weibel sowie Biniam Gebreab aus Eritrea beim gemeinsamen Abendessen.
(Bild: Stefan Kaiser (Zug, 10. Dezember 2018))

Montagabend in einer kleinen Wohnung in der Zuger Altstadt. Alexandra Weibel, eine 26-jährige Kindergartenlehrerin und ehemalige Kunstradfahrerin, trifft letzte Vorbereitungen. Geholfen wird ihr von ihrer 27-jährigen Kollegin Nadia Kaufmann, eine Primarlehrerin aus Affoltern am Albis. «Ich habe Nadia vor einigen Tagen gefragt, ob sie Lust habe mitzumachen», erzählt Weibel, «und sie hat spontan zugesagt.»

Die beiden bereiten Bruschetta und Risotto zu. «Dass es etwas mit Reis wird, hat Biniam gewünscht. Wir haben ihn gefragt, was er gerne isst», verrät Weibel. «Da wir aber nicht genau wissen, woher er kommt, haben wir uns für ein komplett vegetarisches Gericht entschieden.»

Beim Znacht andere Kulturen kennen lernen

Ihr Gast an diesem Abend, Biniam Gebreab, ist ein Geflüchteter, der derzeit gemeinsam mit anderen Geflüchteten im alten Spital in Zug lebt und bei der Lebensmittelhilfe Tischlein deck dich arbeitet. «Er kommt direkt nach seinem Deutschunterricht», so Weibel. Ihr Kontakt zum 23-Jährigen entstand über das Projekt «Gemeinsam Znacht», das es seit März 2018 dank dem Einsatz von Freiwilligen auch in Zug gibt.

Die Idee ist, dass Einheimische Geflüchtete zum Essen einladen und so aus Fremden Freunde werden. Rund 30-mal klappte dies bisher. Alexandra Weibel macht zum ersten Mal mit. «Ich lerne sehr gerne andere Kulturen kennen», erklärt sie ihre Intention, während sie den Reis umrührt. Auch dank der Geflüchteten sei dies jetzt sogar ohne grosse Reise möglich. «Ein grosses Potenzial», findet sie. Doch einfach so mit Geflüchteten in Kontakt zu treten, sei gar nicht einfach, da es gerade im Alltag an Berührungspunkten fehle. «Dabei wäre das für die Integration doch wichtig.»

Mehr über Flüchtlinge erfahren

Sie hat sich deshalb als Gastgeberin angemeldet. «Es läuft dann ein bisschen wie bei einer Datingseite. Es wird geschaut, wer beispielsweise vom Alter her von den angemeldeten Flüchtlingen zu einem passt, und dann wird der Kontakt hergestellt», sagt sie mit leicht ironischem Unterton. Jetzt sei sie gespannt, wer Biniam genau sei. Das ist auch Nadia Kaufmann. «Ich hatte einmal ein Flüchtlingsmädchen in der Klasse. Einmal sollten die Schüler zeigen, wo ihre Heimat ist. Ihr fiel das schwer. Das hat mich beschäftigt.» Es sei deshalb gut, mehr von diesen Menschen und darüber, woher sie kommen, zu erfahren.

Es klingelt. «Hallo, ich bin Biniam.» Noch etwas zurückhaltend schüttelt der junge Mann, der nun seit fast zwei Jahren in der Schweiz lebt, die Hände der beiden. «Du kannst aber gut Deutsch», sagen sie positiv überrascht. «Ja, aber ich muss üben.» Auch deshalb sei er hier. «Etwas zu trinken?» Kritisch schaut er das kleine Fläschlein an. «Das ist ohne Alkohol», beruhigt ihn Weibel. «Ja, gerne», sagt er daraufhin entspannt. Sie gehen zum Tisch. «Biniam – diesen Namen kennen wir hier nicht», sagt Alexandra Weibel. Und fragt ihn: «Woher kommt der?» Aus Eritrea, antwortet der junge Mann. Den Namen Alexandra wiederum kenne er gut, einige in der Schweiz würden so heissen. «Das heisst auch ‹die Hilfsbereite›, vielleicht deshalb», scherzt Weibel.

Beim nächsten Mal gibt’s eritreisches Essen

Das Essen ist nun serviert. Die zwei Schweizerinnen kichern, als Gebreab der Runde selbstbewusst einen guten Appetit wünscht. Dann stossen sie an. «Was heisst eigentlich Prost auf eritreisch?», fragt Nadia Kaufmann. «Wir sagen das englische ‹Cheers›», antwortet er. «Oh», sagt sie fast ein bisschen enttäuscht, «das kennen wir schon.» Er zählt dann zwei, drei wirkliche Fremdwörter auf. Und so führt eins zum anderen, sie reden über Gewürze in der Schweiz und in Eritrea, darüber, wo er sein Lammfleisch einkauft – in einem Laden in Unterägeri –, über seinen Weg nach Europa und über das, was er schon von der Schweiz weiss. «Kennst du eigentlich alle Kantone der Schweiz?», will Alexandra Weibel wissen.

«Ich denke nämlich, dass du wegen der Schule jetzt wohl manche Sachen schon besser weisst als wir.» Gebreab will es versuchen. Er schafft es, fast alle auf Anhieb aufzuzählen. «Und der Kanton mit den Bergen – mein Lieblingskanton?», fragt Kaufmann in seine Richtung. «Vielleicht Aargau», antwortet er. Die zwei Schweizerinnen lachen. «Graubünden meinen wir.» Er verrät daraufhin, dass er gerne einmal Ski fahren würde. Bisher habe sich das nicht ergeben. «Ich habe letzte Saison als Skilehrerin gearbeitet und kann es dir zeigen», schlägt Nadia Kaufmann vor.

«Möchte jemand einen Tee?», fragt Alexandra Weibel. Es ist Dessertzeit. Sie tischt selbstgemachte Schoggi-Marroni auf. Dann sprechen sie über Berufe. Was er machen wolle? Eine Lehre zum Schreiner sei sein Ziel. Bald will er die Deutsch-B1-Prüfung ablegen, die Mitvoraussetzung für den Lehrantritt ist. «Ein toller Beruf, etwas mit den Händen», bemerkt Alexandra Weibel. «Das stimmt», sagt er. Die drei jungen Leute verstehen sich jedenfalls gut. Beim nächsten Mal, sagen sie noch, wollen sie eritreisches Essen probieren.

Anmeldung und weitere Informationen zum Projekt auf: www.gemeinsamznacht.ch

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