HAGENDORN: «Direkt fragen ist besser als tuscheln»

Eloy Kauer ist ein besonderer kleiner Bub: Er hat keine Haare auf dem Kopf. Damit ihr Sohn leichter damit umgehen kann, haben seine Eltern ein Bilderbuch gemacht.

Susanne Holz
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Eloy Kauer (7): «Wenn mich jemand doof anschaut, dann lächle ich ihn gross an.» (Bild Christian H. Hildebrand)

Eloy Kauer (7): «Wenn mich jemand doof anschaut, dann lächle ich ihn gross an.» (Bild Christian H. Hildebrand)

Am 8. September ist Eloy Kauer sieben Jahre alt geworden. Mitte August zählte er zu den Schulanfängern der Primarschule Hagendorn bei Cham. Eloy Kauer mag Judo, Fussball, Anakin Skywalker und General Grievous. Er baut leidenschaftlich gerne Star-Wars-Raumschiffe aus Lego oder spielt mit seinen Freunden. Er ist ein typischer kleiner Junge mit einem freundlichen Lachen. Nur etwas unterscheidet ihn von anderen Kindern: Eloy hat keine Haare auf dem Kopf. Auch die Augenbrauen fehlen, und Wimpern hat er nur noch an einem Auge. Als der kleine Sohn von Jacqueline und Daniel Kauer vier Jahre alt war, erkrankte er an Alopecia areata universalis – kreisrundem Haarausfall am ganzen Körper.

Seither schauen die Leute oft, wenn sie Eloy auf der Strasse sehen – und da ist es gut, dass der Siebenjährige so ein gewinnendes Lachen hat. «Wenn mich jemand doof anschaut, dann lächle ich ihn gross an», sagt Eloy. «Dann schaut er entweder weg oder lächelt zurück.» Vater Daniel sagt: «Ich würde auch schauen, das ist normal. Mit der Zeit kommen die Menschen dann auf einen zu und fragen nach. Das finde ich gut – fragen ist besser als tuscheln.» Viele dächten natürlich, Eloy habe eine Chemotherapie hinter sich und sei schwer krank. «Da ist es gut zu erfahren, dass unser Sohn kerngesund und der Haarausfall zwar sehr plakativ, aber keine Gefahr fürs Leben ist.»

«Die ganze Familie steht im Fokus»

Eloy sitzt zusammen mit seinen Eltern und Schwester Jamina (9) im Garten. Die Familie berichtet von der plötzlichen Erkrankung des Jüngsten, der Unsicherheit, den Ängsten. Davon, dass die fehlenden Haare Eloys ja eigentlich alle betreffen. «Es steht die ganze Familie im Fokus, wenn wir einen Ausflug machen», so Daniel Kauer. Damit muss auch Jamina umgehen können. Jacqueline Kauer erzählt, dass es in der ersten Schulwoche ein paar blöde Bemerkungen gegeben habe, doch bald habe sich alles eingependelt. Auch dank der Lehrer, die Eloys Krankheit offen angesprochen hätten. Und natürlich kann Eloy auf seine Freunde zählen: Die verteidigen ihn, wenn nötig.

Eloy sei eine Frohnatur, so seine Eltern – zwei Grafiker, die bereits drei Bilderbücher veröffentlicht haben. Das vierte Buch kam am Montag auf den Markt. «Samus ganzer Stolz» heisst es und handelt von einem Igel, der seine Stacheln verliert. Igel mag Eloy besonders, das Buch ist ihm gewidmet. Und soll zudem allen Menschen Mut machen, die ein bisschen anders sind. «Und eigentlich ist ja jeder von uns ein bisschen anders», findet Jacqueline Kauer. Der 39-Jährigen ist seit Eloys Haarausfall noch bewusster geworden, dass die meisten Menschen irgendein Problem haben – die Krankheit des Jungen ist der Türöffner für viele, von sich zu erzählen.

Um sich mit anderen austauschen und Tipps geben zu können, haben die ­Kauers kürzlich auch noch eine eigene Internetseite aufgeschaltet, zusammen mit Tanja Locher, einer erwachsenen Betroffenen von kreisrundem Haarausfall. Unter www.alopecia.ch findet man die ganze Geschichte Eloys, zudem viele Infos zur noch wenig erforschten Krankheit. Auch kosmetische Tipps sind abrufbar.

Genaue Ursache unbekannt

Jacqueline und Daniel Kauer betonen, sich zu Beginn sehr allein gefühlt zu haben, weil viele Ärzte noch zu wenig über die Krankheit wüssten. So wurde bei Eloy zunächst ein Eisen- und Vitaminmangel vermutet – die Kauers glaubten nicht daran und recherchierten im Internet, bis sie auf die Diagnose Alopecia areata universalis stiessen, die ihnen ein Facharzt dann bestätigte. «Niemand kennt bisher die genauen Ursachen dieser Erkrankung», ist auf der Homepage zu lesen. Man nehme an, dass sich das Immunsystem gegen die Zellen in den Haarwurzeln des eigenen Körpers richte. Was man dagegen tun kann? Nicht viel.

Eloy findet es gut, wenn nun bald alle wissen, was mit ihm los ist – nämlich nichts Schlimmes. Zu seiner Mutter meinte er, bevor der Besuch von der Zeitung kam: «Mama, du musst unbedingt sagen, dass es nicht ansteckend ist.»

Hinweis

Infos zum kreisrunden Haarausfall auf der Internetseite der Kauers, www.alopecia.ch. Das Buch «Samus ganzer Stolz» ist im Handel und online erhältlich.