HAGENDORN: Geschäftsleiter Arnold: «Es findet eine Umlagerung statt»

Vom Heilpädagogischen Zentrum gehen ab dem neuen Schuljahr nicht mehr alle Schüler ab 15 Jahren in Menzingen zur Schule. Deshalb meldete die Stiftung bei drei Reihenhäusern Eigenbedarf an.

Andrea Muff
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Carolin Zindel und Tobias Arnold auf dem Schulareal. Im Hintergrund rechts sind die Reihenhäuser. (Bild: Patrick Hürlimann (Hagendorn, 1. Februar 2017))

Carolin Zindel und Tobias Arnold auf dem Schulareal. Im Hintergrund rechts sind die Reihenhäuser. (Bild: Patrick Hürlimann (Hagendorn, 1. Februar 2017))

Andrea Muff

andrea.muff@zugerzeitung.ch

Ein Zug fährt durch den Bahnhof – die Gleise quietschen. Ein Autofahrer drückt kräftig auf die Hupe, und gleichzeitig lässt ein anderer den Motor aufheulen. Und im Baum pfeift ein Vogel, unter ihm schreit derweil ein Kind aus voller Kehle. Der Geräuschpegel der beschriebenen Szene ist zwar sehr hoch, doch wartende Leute an der Bushaltestelle würden darauf keine Reaktion zeigen: eine Alltagssituation. Nicht so bei einem Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung (ASS): Er kann die vielen Geräusche unter Umständen nicht ausblenden oder sich nicht auf die wesentlichen fokussieren. Eine solche Situation kann zu starker Spannung und Unruhe führen.

Eine Institution für Kinder und Jugendliche mit ASS und einer geistigen Behinderung ist das Heilpädagogische Zentrum Hagendorn. Dort können sie wohnen, zur Schule gehen und werden von qualifizierten Fachleuten betreut und begleitet. Im Alter von 15 bis 18 Jahren besuchen die Jugendlichen die Sonderschule in Menzingen. Der Weg dorthin kann für Jugendliche mit ASS und zusätzlich kognitiven Einschränkungen eine grosse Herausforderung sein. «Auf die Autofahrt reagieren gewisse Jugendliche stark», erklärt Tobias Arnold, Geschäftsleiter. Die Zentrumsleitung will nun Abhilfe schaffen. Auf dem Zentrumsareal stehen drei Reihenhäuser, in denen momentan Familien wohnen. Bei den Mietern hat die Stiftung Eigenbedarf angemeldet. Denn ab dem 1. August sollen eine Wohngruppe, eine Lerngruppe für Jugendliche mit ASS und die schulergänzende Betreuung in die Räume ziehen.

Eine weitere Variante wurde geprüft

Tobias Arnold erklärt: «Wir haben die Durchmischung auf unserem Areal sehr geschätzt. Deshalb bedauern wir, dass wir keine andere Lösung gefunden haben.» Eine andere Variante sei durchaus vertieft geprüft worden, erzählt er weiter. Die Idee, dass die Jugendlichen mit ASS aber in Menzingen in der Nähe der Schule wohnen, wurde aus Kostengründen verworfen. Zudem hätte dies das Platzproblem der schulergänzenden Betreuung nicht gelöst. «Diese ist momentan dort, wo eigentlich der Musik- und Bewegungsunterricht stattfinden sollte», sagt Arnold weiter. Der besagte Unterricht finde momentan im Mehrzweckraum statt.

Positive Reaktionen auf Pilotversuch

Das Heilpädagogische Zentrum Hagendorn hat also nicht mehr Schülerinnen und Schüler bekommen: «Es findet einfach eine Umlagerung statt – von Menzingen nach Hagendorn.» Im laufenden Schuljahr hat das Team diese Lösung bereits getestet, allerdings nur für zwei Tage in der Woche. «Die Jugendlichen mit ASS haben äusserst positiv auf den Versuch reagiert», erklärt der Geschäftsleiter. Dies bestätigt auch Carolin Zindel von der Fachstelle UK/TEACCH, die sich speziell um die pädagogische Förderung und Betreuung von Kindern und Jugendlichen mit ASS kümmert. «Es ist sehr wichtig, dass für diese Jugendlichen überall die gleichen Strukturen herrschen. Wir helfen ihnen damit, den Alltag zu organisieren», fügt Zindel hinzu.

Einheitliche Abläufe sind wichtig

Denn mit Veränderungen hätten viele Kinder und Jugendliche mit ASS und/oder mit einer geistigen Behinderung grosse Mühe. Individuelle, visualisierte Abläufe sowie eine klare räumliche Struktur, beispielsweise mit Abgrenzungen, helfen den Kindern und Jugendlichen mit ASS, sich zu orientieren. Dabei seien einheitliche Abläufe wichtig. Entsprechend seien auch die Zusammenarbeit und die Absprache der Betreuungspersonen untereinander wichtig. «Auch das wird erleichtert, wenn wir Schule und Wohnung am selben Ort haben», erklärt Carolin Zindel. Aktuell leben insgesamt 14 Kinder und Jugendliche mit besagter Diagnose im Heilpädagogischen Zentrum. Das neue Angebot sei für sechs Jugendliche gedacht.

Dass die Plätze für Kinder und Jugendliche mit geistiger Behinderung und ASS in Hagendorn aber immer gefragter sind, treffe zu, bestätigt Tobias Arnold. «Das liegt in erster Linie an unserem qualifizierten Team und zweitens daran, dass wir Internatsplätze für bis zu 365 Tage anbieten.» Im Alter von vier Jahren können Kinder mit einer geistigen Behinderung oder schweren Mehrfachbehinderungen ins Heilpädagogische Zentrum ziehen und verlassen dieses in der Regel mit 18 Jahren. Insgesamt werden 110 Kinder und Jugendliche vom Zentrum betreut oder begleitet. «Wir sind bekannt dafür, dass wir unsere Angebote laufend an veränderte Bedürfnisse anpassen», sagt Arnold. So sei auch die Massnahme zu verstehen, dass es ab August eine Lerngruppe speziell für Jugendliche mit ASS in Hagendorn geben wird.