HANDY: Braucht es noch mehr handyfreie Zonen für Jugendliche?

Die Besucher des Silo-Festivals in Hünenberg mussten ihr Mobiltelefon abgeben. An den Schulen sind die Regeln weniger drastisch – trotz Problemen mit neuen Medien.

Wolfgang Holz
Drucken
Teilen
Der Gebrauch von Mobiltelefonen - wann und wo - ist an Schulen meist klar geregelt. (Bild: Archiv  / Neue LZ)

Der Gebrauch von Mobiltelefonen - wann und wo - ist an Schulen meist klar geregelt. (Bild: Archiv / Neue LZ)

«Die Idee, ein handyloses Open Air zu organisieren, kann ich nur unterstützen», meinte ein Festival-Besucher, «man verliert hier total das Zeitgefühl, aber das ist absolut nebensächlich.» Auch ein anderer Musikfan frohlockte: «Am Anfang greift man noch ein paar Mal in die Hosentasche – aber irgendwann ist man frei.» Machen Handys beziehungsweise Smartphones Jugendliche heutzutage immer abhängiger und suchtgefährdeter? Ganz zu schweigen davon, dass sich so mancher Teenager allein schon deshalb in Lebensgefahr begibt, wenn er – die Augen aufs Display fixiert, die Ohren verstöpselt – einfach so über den Zebrastreifen geht.

Sucht, Gruppendruck, Stress

Marcel Küng arbeitet als Jugendberater in der Jugendseelsorge Zürich. Ein Schwerpunkt seiner Tätigkeit stellt die Beratung von Jugendlichen und ihren Bezugspersonen im Umgang mit neuen Medien dar. Küng befürwortet grundsätzlich Denkanstösse, die nicht nur jugendlichen Smartphone-Usern die Chance geben, neue Nutzungserfahrungen zu machen. «Das Smartphone am Eingang eines Musikfestivals abzugeben, kann sicherlich befreiend sein. Als Gast muss ich mich nicht sorgen, dass mir das Gerät abhandenkommt, ich kann besser den Augenblick geniessen, weil ich das Erlebte nicht zeitgleich dokumentiere, und ich habe zusätzlich ein Gesprächsthema, über das ich mit anderen Festivalbesuchenden sprechen kann.» Andererseits ist er davon überzeugt, dass Jugendliche keine Smartphone-freie Zonen benötigen. «Was es braucht, ist eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Nutzungsverhalten, um herauszufinden, wann und wie viel Medien einem dienen.» Küng trifft in seiner Arbeit als Jugendberater auf die offenbar 4 bis 5 Prozent der Schweizer Jugendlichen, deren Mediennutzung laut Studien der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften als problematisch wahrgenommen wird. «Das heisst zunächst, dass der Grossteil der Jugendlichen viel Erfahrung und einen reflektierten Umgang mit den Medien pflegt, die sie nutzen. Zu den negativen Effekten der Smartphone-Nutzung zählen Suchtverhalten, Gruppendruck und Stress.»

Ab in die «Handy-Box»

Auch an den Stadtschulen Zug sieht man noch keine Notwendigkeit für die Einführung von handyfreien Zonen. Dafür wird generell für einen respektvollen Umgang mit digitalen Medien plädiert – der sogar in einem «Knigge» dokumentiert ist. «An den Stadtschulen Zug pflegen wir einen offenen Umgang mit digitalen Medien», erklärt Rektor Urs Landolt. Ein Handyverbot gebe es also nicht. Im Unterricht entscheide die Lehrperson, wann der Einsatz digitaler Medien sinnvoll und lernfördernd sei. «Dies gilt ebenso für Schullager und Aktivitäten ausserhalb des Schulhauses. Auf der Oberstufe steht in jedem Schulzimmer eine Handybox. Die mitgebrachten elektronischen Geräte sind beim Betreten des Schulzimmers respektive Unterrichtsraums ausgeschaltet und in dieser Box zu deponieren.» Das Gleiche gelte bei der Teilnahme am Mittagstisch.

Aber gibt es nicht auch an den Stadtschulen Zug durch übermässigen Handykonsum Probleme unter Schülern? «Diese Frage ist schwierig zu beantworten, weil das Wort ‹übermässig› keine fixe Grösse ist», sagt Landolt. An den Schulen und im Unterricht würden sich die Schülerinnen und Schüler an die Weisungen der Lehrpersonen und der Schulleitung halten, so wie das im «Handy-Knigge» angeregt werde. Von einem Problem könne während der Schulzeiten nicht gesprochen werden. «Fallen den Lehrpersonen Schüler auf, deren Bildschirmkonsum bedenklich scheint, suchen sie immer zuerst das Gespräch mit ihnen, ihren Eltern und können die Zusammenarbeit mit der Schulsozialarbeit anregen.

Vor und nach der Schulzeit sei, so der Rektor der Stadtschulen Zug, «Cybermobbing» indes ein Phänomen, mit dem Kinder und Jugendliche gewollt oder ungewollt konfrontiert werden können. «Die resultierenden Probleme tangieren natürlich die Beziehungen unter den Schülern und somit auch die Schule», versichert Urs Landolt. Deshalb sei die Aufarbeitung von «Cybermobbing-Fällen» vor allem für die Schulsozialarbeiter ein Bestandteil ihres Arbeitsalltags.

Zauberwort: Achtsamkeit

Doch wie können Jugendliche selbst herausfinden, inwieweit ihnen der Handykonsum guttut? Und wann sollten sie das Smartphone einfach mal weglegen? Jugendberater Marcel Küng sagt: «Ich empfehle, das eigene Nutzungsverhalten zu beobachten und sich zu fragen: Wie geht es mir, nachdem ich stundenlang am Smartphone gespielt habe? Wie fühle ich mich, wenn ich viele SMS innerhalb von kurzer Zeit schreiben muss? Was tut mir gut, was stresst mich? Wie nehmen mich meine Freunde, Eltern oder Lehrer wahr? Das Zauberwort heisst Achtsamkeit und Selbstreflektion.»

Wolfgang Holz

«Kontaktsüchtig»

JUGENDPSYCHOLOGEwh. Jugendliche sind nicht handysüchtig – «das findet nur die ältere Generation» –, nein, Jugendliche sind vielmehr «kontaktsüchtig». So interpretiert Allan Guggenbühl, Jugendpsychologe in Zürich und Bern, das intensive Konsumverhalten von Jugendlichen in Sachen digitale Medien. Für Guggenbühl ist nämlich das Auftreten von Jugendlichen im öffentlichen Raum ambivalent: «Sie fühlen sich allein, ja sind kontaktscheu, und sie wollen deshalb mit ihren Kollegen kommunizieren.» Das Handy sei deshalb keine Sucht, sondern eher eine Art Selbstschutz. «Handys sind quasi Versammlungsräume für Jugendliche, die in der Öffentlichkeit immer weniger Möglichkeiten haben, sich zu treffen.»