Problemfälle an den Zuger Kindergärten: Der Medienkonsum der Kleinen ist zu hoch

Zuger Lehrpersonen und Schulleitungen sind alarmiert: Immer mehr Kindergartenkinder können ihre Impulse nicht mehr kontrollieren, haben eine niedrige Frustrationstoleranz und sind unkonzentriert. Das hat mehrere Gründe.

Cornelia Bisch
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Die Hand aufzustrecken und zu warten, bis sie an die Reihe kommen, fällt manchen Kindern schwer.

Die Hand aufzustrecken und zu warten, bis sie an die Reihe kommen, fällt manchen Kindern schwer.

Bild: Matthias Jurt
(Zug, 27. Februar 2020)

Kinder, die toben und schreien, wenn sie nicht sofort bekommen, was sie möchten, die nicht still sitzen und zuhören können, die eine Eins-zu-Eins-Betreuung von der Lehrperson fordern und keinerlei Gemeinschaftsregeln anerkennen: Sie kommen heute in fast jeder Kindergartenklasse vor.

«Natürlich ist das nicht die Regel. Viele Kinder sind total parat, wenn sie in den Kindergarten eintreten», relativiert Adrian Estermann, Präsident des Verbands Schulleiterinnen und Schulleiter Zug (VSL). Dennoch sei in den letzten Jahren eine Zunahme von Fällen schwieriger, verhaltensauffälliger Kinder in den Zuger Kindergärten klar feststellbar. «Eine Erklärung dafür ist der mitunter starke Medienkonsum von Vorschulkindern», betont Estermann. Er schildert Begebenheiten, wie man sie heute täglich auf der Strasse beobachten kann: «Junge Mütter, die sich nicht mit ihren Kindern befassen, sondern auf ihre Handys starren. Oder Kleinkinder, die selbst ein Tablet in der Hand halten.» (Empfehlungen siehe Kasten)

Goldene Regeln

Das Bundesamt für Sozialversicherungen empfiehlt folgende Regeln beim Gebrauch moderner Medien durch Kinder. Als Faustregel gilt: kein Fernsehen unter 3 Jahren, keine eigne Spielkonsole vor 6 Jahren, Internet ab 9 und soziale Netzwerke ab 12 Jahren. Eltern sollten die Kinder begleiten und ihnen medienkompetente Vorbilder sein. Geräte gehören nicht ins Kinderzimmer. Altersfreigaben sollten beachtet und Bildschirmzeiten festgelegt werden. Auch medienfreie Freizeitaktivitäten gehören aufs Tagesprogramm. Vorsicht mit Onlinebekanntschaften und privaten Daten im Netz. Offene, altersgerechte Gespräche über Gewalt und Sexualität sind besser als Filtersoftware. (cb)

Weitere Infos finden Sie hier:
www.jugendundmedien.ch

Hinweise auf Lerngelegenheiten für Kinder bis vier Jahre finden Sie hier: www.kinder-4.ch

Ständige Reizüberflutung

Die Beschäftigung mit solchen Geräten sei eine Einwegkonsumation. «Die Kinder werden ständig berieselt und mit Reizen versorgt», so der Fachmann. «Im Kindergarten ist das anders. Da muss man auch mal warten können, auf andere Rücksicht nehmen und der Lehrerin zuhören.»

Es sei aber zu einfach, die Probleme mancher Kinder nur den modernen Medien zuzuschreiben, ist Barbara Kurth Weimer, Kindergärtnerin und Präsidentin des Lehrerinnen- und Lehrervereins Kanton Zug, überzeugt. «Wir leben nun mal in einer digitalisierten Welt. Eltern und Lehrer müssen den Umgang mit den modernen Medien mit den Kindern üben.» Sie hat deshalb drei Computer in ihrem Kindergarten installiert und gibt an jedes Kind eine Anzahl Benutzer- und Beobachtergutscheine für eine bestimmte Zeitperiode ab.

Sind sie aufgebraucht, muss das Kind warten, bis es wieder neue gibt. «Ein cleverer Junge hat einmal zu Hause solche Gutscheine nachgebastelt und sie mir am nächsten Tag mit Unschuldsmiene präsentiert», erinnert sich die erfahrene Pädagogin. Solches nimmt sie mit Humor, erklärt zwar, dass es so nicht geht, honoriert aber Idee und Initiative des Kindes. Auch Barbara Kurth warnt jedoch vor zu häufigem Gebrauch digitaler Geräte als Babysitter und Ruhigsteller. «Wenn die Kinder in den Kindergarten kommen, müssen sie im Stande sein, zu warten und auch einmal ein sanftes Nein zu ertragen.» Bei Problemen sucht sie rasch den Kontakt zu den Eltern. Meist mit Erfolg. «Alle Eltern wollen letztlich nur das Beste für ihre Kinder», ist sie überzeugt.

Eltern sind oft überfordert

Peter Müller, Leiter des Schulpsychologischen Dienstes in Zug, stellt fest, dass die Problemfälle immer komplexer, die Kinder immer jünger werden. Manchmal liege es am kulturellen Hintergrund der Familien oder an deren Lebensumständen. Oft aber seien die Eltern einfach überfordert. «Regeln aufzustellen und einzuhalten ist strenge Arbeit für die Eltern. Das ist nicht so leicht.» Manche Kinder hätten ihre Eltern regelrecht in der Hand. «Hier bedarf es keiner Therapie, aber die Eltern brauchen manchmal Unterstützung und Beratung, um die Situation zu Hause verbessern zu können.» Klare Abmachungen und deren Einhaltung seien sehr wichtig.

Die Ursachen für die Verhaltensauffälligkeiten mancher Kinder sehen die drei Fachleute jedoch auch noch in anderen gesellschaftlichen Veränderungen. «Es gibt neue Erziehungsphilosophien, die von Pädagogen und Psychologen mit Sorge beobachtet werden.» Adrian Estermann spricht auf das Konzept der bedürfnisorientierten Erziehung an. Dieses basiert auf der Annahme, dass Kinder soziale Wesen seien, die von Geburt an das Richtige tun würden. Die Eltern erfüllen also sämtliche, durch die Kinder geäusserten Bedürfnisse. Will der Knirps in den Hort gehen, darf er – will er nicht, muss er nicht. Das Kind bestimmt sämtliche Regeln. «So können die Kleinen keinerlei Frustrationstoleranz aufbauen und sind daran gewöhnt, immer zu bekommen, was sie wollen.»

Ein sanftes Nein akzeptieren lernen

Estermann ist davon überzeugt, dass vielen Problemkindern das sanfte Nein aus dem Elternhaus fehlt. «Es ist sehr wichtig, dem Kind den äusseren Halt zu bieten, damit es seinen inneren Halt, sein Selbstwertgefühl aufbauen und Empathie für andere entwickeln kann.» Eine andere, ebenfalls besorgniserregende Tendenz stellt Barabara Kurth fest. «Viele Kinder haben kaum mehr Zeit zum Spielen, weil sie in diverse Früherziehungsprogramme eingebunden sind.»

Es gebe Sechsjährige mit bis zu fünf Terminen pro Woche. «Das freie Spielen ist aber keine verlorene Zeit. Ganz im Gegenteil. Beim Spielen lernen die Kinder fürs Leben.» Breche der aufgebaute Turm immer wieder ein, müsse das Kind lernen, mit Frustration umzugehen und sein Baukonzept überdenken. «Oft greifen die Eltern viel zu früh ein und zeigen dem Kind, wie es geht.» So fehle ihm das Erfolgserlebnis, das Problem aus eigener Kraft gelöst zu haben. «Wer viel spielt, kann besser um die Ecke denken.» Adrian Estermann ergänzt: «Kinder sollten auch beim Putzen, Kochen, Gärtnern mithelfen dürfen. Das ist ein sehr gutes Lernfeld für sie.»