HINGESCHAUT: Hans Potthof und das «Neue Sehen»

Man kennt den bedeutenden Zuger Künstler (†2003) hauptsächlich als Maler. Dass er aber zugleich begnadeter Fotograf und als solcher seiner Zeit weit voraus war, ist eine unbekannte Seite Potthofs. Sie rechtfertigt gar eine Neubetrachtung des Künstlers und seines Werkes.

Andreas Faessler
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Fotografien des «Neuen Sehens» von Hans Potthof. Oben links: «En face et profil, um 1936; oben rechts: Ascona, um 1937 (Doppelbelichtung); unten links: Glockenturm (Landesausstellung Zürich), 1939; unten rechts: Weltausstellung Paris, 1937.

Fotografien des «Neuen Sehens» von Hans Potthof. Oben links: «En face et profil, um 1936; oben rechts: Ascona, um 1937 (Doppelbelichtung); unten links: Glockenturm (Landesausstellung Zürich), 1939; unten rechts: Weltausstellung Paris, 1937.

Bilder: Georg Hilbi/Nachlass Hans Potthof

Zweifelsohne gehört er zu den bekanntesten Zuger Künstlern des 20. Jahrhunderts. Weitestgehend autodidaktisch, erlangte Hans «Johnny» Potthof (1911–2003) spätestens in den 1940er-Jahren national Anerkennung für sein malerisches Werk.

Als gelernter Hochbautechniker und Grafiker entdeckte Potthof während eines Weiterbildungsaufenthaltes in Paris die Malerei für sich, was schliesslich sein Hauptbroterwerb werden sollte. Mit seinen Landschaftsgemälden und gezeichneten Szenen aus dem Alltag erreichte der Zuger innert Kürze Ansehen auf dem Schweizer wie auch auf dem internationalen Kunstmarkt. Bis heute hat Potthof nichts von seinem Renommé eingebüsst, im Gegenteil: Seine zeitlosen Aquarelle, Ölbilder, Zeichnungen und Grafiken sind nach wie vor gefragt und finden regen Absatz im Kunsthandel.

Von der reproduktiven zur konstruktiven Fotografie

Bisher so gut wie unbekannt ist, dass Hans Potthof auch talentierter Fotograf war und auf diesem Sektor ein wegweisendes Werk geschaffen hat. Dieses entzog sich jedoch seit jeher zur Gänze der Öffentlichkeit, bis der Zuger Kunst- und Kulturhistoriker Georg Hilbi vom Verein ZugArt im Rahmen einer Recherche zu Potthofs Frühwerk, auf dessen aussergewöhnliches fotografisches Erbe stiess. Für den Historiker eine kleine Sensation. Georg Hilbi: «In seinen Fotowerken aus den 1930er- und 1940er-Jahren zeigt sich der junge Potthof als versierter Fotograf, der sich die Prinzipien der progressiven, experimentellen Fotografie des ‹Neuen Sehens zu eigen machte, die seiner Zeit mitunter auch von den Exponenten des Bauhauses in Weimar und Dessau propagiert wurden.» Unter dieses sogenannte «Neue Sehen» fällt auch die künstlerische Entwicklung der Fotografie, wie sie sich vom reproduktiven Zweck weg bewegt und zu einem kreativen, konstruktiven Medium wandelt. «Diese neue Anwendung der Fotografie», so Hilbi weiter, «folgte der Intention, eine neue Sicht auf die Welt zu vermitteln.» Dies geschah etwa durch ungewohnte Perspektiven, welche die dargestellten Objekte aus ihrer natürlichen Umgebung isolierten und neutral positionierten oder gar verfremdeten. «Das führte nicht selten zu fantastischen und surrealistischen Bildkonzepten. Die Ästhetik im Bild war wichtiger als der Inhalt an sich», erklärt der Kunsthistoriker. Auch experimentierte man mit der Wahl unkonventioneller Ausschnitte, extremer Ansichten, experimenteller Motive, Doppelbelichtungen oder mit Licht-/Schattenkontrasten.

Insbesondere die Strömung des «Neuen Bauens», welche durch das Bauhaus essenziell mitgestaltet und propagiert worden war, lieferte beliebte Sujets für eine fotokünstlerische Inszenierung. Konstruktionen aus Stahl, Glas und Beton gaben reichlich Stoff her für die kreativen Köpfe und ihre neuen, konstruktiven Bildideen. «Auch Hans Potthof teilte diese Faszination», kommt Georg Hilbi auf den Zuger zurück. «Als diplomierter Hochbautechniker umso mehr, was in seinen fotografischen Arbeiten auch dezidiert zum Ausdruck gelangt.

Neuartig und fortschrittlich

Vier repräsentative Beispiele von Hans Potthofs vergessenem fotografischen Werk sehen wir hier abgebildet. Sie zeigen aufschlussreich, wie der Künstler gekonnt mit den angeführten Stilmitteln experimentiert. Licht/Schatten, perspektivische Neuinszenierung von Architektur und Doppelbelichtung. Für die Zeit kurz vor und am Beginn des Zweiten Weltkrieges war diese konzeptuell und progressive Art der Fotografie neu und fortschrittlich. Hans Potthofs fotografische Hinterlassenschaft ist allein deshalb zu Unrecht in Vergessenheit geraten. Kunsthistorisch ist sie sogar dahingehend einzuordnen, dass eine Neubetrachtung des vorderhand als Maler geschätzten Zuger Künstlers angezeigt wäre, so das Fazit Georg Hilbis.

Hinweis
Mit «Hingeschaut» gehen wir wöchentlich Fundstücken mit kulturellem Hintergrund und Zuger Bezug nach.