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Harter Kampf gegen Alkohol und Drogen in der Klinik Zugersee

Die Suchttherapieplätze in der Klinik Zugersee sind stark ausgelastet, auf der Station F6 ist stets Hochbetrieb. Ein Blick hinter die Kulissen.
Laura Sibold
Vernesa Smajlovic, Alexander Andreew und Michael Nörenberg (von links) auf der Spezialstation für Abhängigkeitserkrankungen. (Bild: Stefan Kaiser, Oberwil, 12. August 2019)

Vernesa Smajlovic, Alexander Andreew und Michael Nörenberg (von links) auf der Spezialstation für Abhängigkeitserkrankungen. (Bild: Stefan Kaiser, Oberwil, 12. August 2019)

Friedlich und ruhig ist es auf der Station F6, der Spezialstation für Abhängigkeitserkrankungen in der Klinik Zugersee in Oberwil. Sie besteht seit drei Jahren. Hier gibt es 16 schlichte Einzelzimmer, Gruppen- und Aufenthaltsräume sowie lichtdurchflutete Gänge. Viele Patienten befinden sich in der Einzel- oder Gruppentherapie, zwei Männer sitzen an einem Tisch und trinken Kaffee, eine ältere Frau grüsst beim Entgegenkommen freundlich. Die scheinbare Idylle steht in krassem Gegensatz zu den Geschichten, welche die Patienten auf der Station F6 erlebt haben.

«Mit 13 Jahren habe ich zum ersten Mal Kokain geschnupft. Die Drogen wurden mir von Fussballkollegen angeboten. Danach war ich in der Technoszene unterwegs, war neugierig und wollte vieles ausprobieren», erzählt ein 36-jähriger Gartenbauer. Er sitzt aufrecht auf einem Stuhl, hat etwas Gel in den braunen Haaren und ein Piercing im Gesicht. «Irgendwann konnte ich nicht mehr aufhören. Ich brauchte das Kokain, und zwar jeden Tag.» Bereits fünfmal hat er einen Entzug gemacht, immer wieder den Kampf gegen die Sucht aufgenommen. Mit Kokain habe er aufgehört, aber vom Alkohol komme er nicht los.

Drogen als Rückhalt in einer schweren Zeit

«Suchtkrankheiten sind hartnäckige und langandauernde Erkrankungen», weiss Oberarzt Alexander Andreew. Bestehe eine Abhängigkeit über längere Zeit, bilde das Gehirn ein Suchtgedächtnis. «Das kann man sich wie einen Computervirus vorstellen, der das System sabotiert. Das Gehirn merkt sich die Substanz und signalisiert ein Bedürfnis danach», erklärt Andreew. Aus diesem Grund gelten Rückfälle als normaler Teil des Prozesses. Um eine Sucht nachhaltig zu bekämpfen sei ein stabiles soziales Umfeld zentral. Deshalb werde neben dem hochfrequenten Therapieprogramm auch der Reintegration in Familie und Beruf viel Gewicht beigemessen. «Allein auf der Therapiecouch kann man die Sucht nicht überwinden. Der Patient muss konkret etwas an seinem Leben ändern», so der Oberarzt.

Auch Schicksalsschläge können zu Rückfällen führen. So erging es einem 32-jährigen Treuhänder aus Cham. In der 6. Primar habe er erstmals zur Flasche gegriffen, um sich über die Scheidung seiner Eltern hinwegzutrösten. Mit 14 sei das Kiffen hinzugekommen und als seine Mutter unter einer schweren Krebserkrankung litt, habe ihn nichts mehr von harten Drogen abgehalten. «Die Drogen waren halt immer für mich da.» Dies bestätigt ein 52-jähriger Baumaschinenführer mit grau melierten Haaren.

«Als Kind wurde ich oft geschlagen. Die Mostflasche des Vaters half mir, die Schmerzen zu ertragen. Später kam ich davon kaum mehr los.»

Der 52-Jährige schaffte es allerdings, nach dem ersten Entzug acht Jahre trocken zu bleiben. Das Ende seiner Beziehung habe erneut zum Absturz geführt, das sei jetzt der vierte Entzug. «Leider gibt es kein Wundermittel gegen Abhängigkeitserkrankungen», bedauert der Oberarzt.

Auf der offenen Station F6 finden sich neben Alkoholsüchtigen auch Drogen- und Medikamentenabhängige sowie vereinzelt Patienten mit verhaltensbezogenen Abhängigkeiten wie zu Beispiel Spielsucht. Die meisten Patienten hätten aber ein Alkoholproblem, sagt die stellvertretende Stationsleiterin Vernesa Smajlovic. «Wir beobachten zudem, dass immer mehr Patienten polytoxikoman, also von mehreren Substanzen abhängig sind. Etwa Alkohol in Kombination mit Kokain oder Cannabis.»

Mehr Männer als Frauen sind Alkoholiker

Der eigentliche Entzug dauert von wenigen Tagen bis zwei Wochen. Dabei werden die körperlichen und psychischen Entzugserscheinungen medikamentös und psychologisch behandelt. «Bei vielen Patienten tauchen neben der Sucht auch psychische Krankheiten oder körperliche Folgeprobleme wie veränderte Blut- und Fettwerte auf», sagt der leitende Psychologe Michael Nörenberg. Vereinzelt gebe es schwere Folgen wie eine Leberzirrhose. Nach dem Entzug findet auf der Station F6 in der Entwöhnungsphase während vier bis sechs Wochen eine Auseinandersetzung mit den Faktoren statt, die zur Abhängigkeit geführt haben. Sowohl der 32-jährige Treuhänder als auch der 52-jährige Baumaschinenführer befinden sich in der Entwöhnungsphase. «Die Patienten müssen lernen, ohne die Substanz zu leben und andere Ventile zu finden», betont Nörenberg. Die Station sei mit ihren 16 Plätzen voll belegt, die Nachfrage sei hoch. Unter den Patienten seien zudem deutlich mehr Männer als Frauen. «Männer sind laut Statistik weit mehr von Alkohol- und Cannabisabhängigkeit betroffen als Frauen, wohingegen Frauen häufiger als Männer eine Medikamentensucht entwickeln», erklärt Andreew.

Für den 36-jährigen Gartenbauer hat die sechste Therapie begonnen. Er ist mittlerweile in die Fachinstitution Sennhütte übergetreten, um eine Langzeittherapie mit Arbeitsintegration zu beginnen. Vor einem Jahr habe er einen lebensgefährlichen Zusammenbruch gehabt, das habe wachgerüttelt. Er wolle die Chance nun packen, sagt er.

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