Wenn Häuser auf Achse sind

Die Firma Iten AG ist seit 65 Jahren darauf spezialisiert, ganze Gebäude, Brücken oder Schiffe zu transportieren. Nun ist ein Buch über das Unternehmen erschienen.

Cornelia Bisch
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Die legendäre Verschiebung der Maschinenfabrik Oerlikon MFO im Jahr 2012: Firmeninhaber Rolf Iten (unten rechts) und Mitarbeiter Gottlieb Heinrich besprechen die Vorgehensweise. (Bild: PD)
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Die legendäre Verschiebung der Maschinenfabrik Oerlikon MFO beim Bahnhof Oerlikon im Jahr 2012. (Bild: PD)

Die legendäre Verschiebung der Maschinenfabrik Oerlikon MFO im Jahr 2012: Firmeninhaber Rolf Iten (unten rechts) und Mitarbeiter Gottlieb Heinrich besprechen die Vorgehensweise. (Bild: PD)

Wohngebäude, Fabriken, Brücken, Bahnhöfe, Kirchen, Tunnelbohrmaschinen und Schiffe: Die Firma Iten AG transportiert, hebt oder wendet sie alle. Das Unternehmen aus Oberägeri feierte im Frühling dieses Jahres seinen 65. Geburtstag. Grund genug, die besondere Geschichte dieser hoch spezialisierten Schweizer Nischendienstleistung im Buch «Als die Häuser laufen lernten, ein Zuger Unternehmen geht seinen Weg» festzuhalten. Autor des 100-seitigen Werks ist Klaus Bilang-Iten, der Schwager des heutigen Firmeninhabers Rolf Iten.

«Die Firma hat eine enorme Entwicklung durchgemacht», erklärt Iten. «Es gibt Mitarbeiter aus der Gründerzeit, welche das Unternehmen fast ihr ganzes Arbeitsleben lang unterstützt haben und heute noch leben.» Ihnen will er ein Buch der Firmengeschichte, die teilweise auch ihre persönliche widerspiegelt, in die Hand drücken können aus Dankbarkeit für ihre Treue. «Das war der Hauptgrund für die Realisierung des Buches.» Da der Sekundarlehrer, Publizist und Kommunikationsfachmann Klaus Bilang vor drei Jahren pensioniert wurde, nahm er sich der Sache an, durchforstete das Firmenarchiv, interviewte langjährige ehemalige Mitarbeiter und grub so manche erstaunliche oder amüsante Geschichte aus, die er, aufgelockert durch Zitate und Bilder, in seinem Buch zusammenfasste. Fürs Layout stand ihm der Fachmann Marco Knobel zur Seite, und plötzlich «erhielt das Buch ein Gesicht», erzählt Bilang.

Es porträtiert aber auch das Unternehmen, wie es heute aufgestellt ist, mit seinen 14 Mitarbeitern und der modernen Technik, die angewandt wird. «Das Buch soll auch ein Dankeschön für treue Kunden sein.»

Legendär: Die Verschiebung des Urner Teufelssteins

Der Firmengründer Josef Iten startete mit einem kleinen Baugeschäft und erstellte Ställe, Wohnhäuser sowie das Schulhaus Hofmatt in Oberägeri. Mit der Verschiebung des Wohnhauses Buechwäldli in Morgarten betrat der mutige, innovative Unternehmer Neuland, das ihn interessierte und faszinierte.

Die Verschiebung von Gebäuden wurde für den Betrieb zum zweiten Standbein. «Sehr prestigeträchtig und für das Ansehen der Firma von unschätzbarem Wert waren sicher die Verschiebungen des Teufelssteins in Uri und der Kirche von St-Blaise nahe Neuenburg», erzählt Klaus Bilang in seinem Buch. Er schildert darin die zwölf spektakulärsten Aktionen der Firmengeschichte. «Eine richtige Sensation war die Verschiebung des denkmalgeschützten Industrie­gebäudes der Maschinenfabrik Oerlikon (MFO) im Jahr 2012», so der Autor. Mit rund 6200 Tonnen Gewicht sei es das schwerste Objekt überhaupt gewesen, welches das Unternehmen je bewegt habe. «Die Sendung ‹Schweiz aktuell› hat die Aktion während einer Woche begleitet und live berichtet.»

«Die Sendung ‹Schweiz aktuell› hat die Aktion während einer Woche begleitet und live berichtet.»

Die dreimalige Verschiebung des Restaurants Degen in Hünenberg hingegen – heute steht das Haus im Freilichtmuseum Ballenberg – fällt eher in die Sparte Anekdoten. «Der damalige Wirt machte daraus eine richtige Chilbi mit Festzelt und allem Drum und Dran. Das ganze Dorf war auf den Beinen.»

An der grundlegenden Technik habe sich nicht viel verändert: «Das Objekt wird unterfangen und auf zwei Stahlträger gestellt, zwischen denen Stahlrollen liegen.» Als Antrieb habe Josef Iten mechanische Fusswinden oder hydraulische Pressen gewählt, je nach Gewicht des Objekts, und die Fahrt konnte losgehen.

Der Patron kochte für ihn

Der Firmengründer wird als cleverer, risikofreudiger Mensch und Unternehmer beschrieben. In den Boomjahren zwischen 1970 und 1980 standen bis zu 80 Leute auf seiner Lohnliste. Er habe seine Mitarbeiter immer respektiert, auf ihre Erfahrung vertraut und sie vor wichtigen Entscheidungen konsultiert. «Diese Bereitschaft, Ideen aufzunehmen, erlaubte es ihm, seine Technik weiterzu­entwickeln», schreibt der Autor. Eine Erinnerung des Baggerführers Babtist Iten demonstriert diese Haltung: «Der Tisch in der Baubaracke war weiss gedeckt mit Tellern und Gläsern wie im Restaurant. Der Chef persönlich kochte auf dem Holzkochherd: Koteletten gab’s und eine Kirschtorte.»

Eindrücklich sind auch die Erzählungen von Hermann Meier, der das Unternehmen von seiner Gründung an während 42 Jahren begleitet hat. 1991 trat der diplomierte Bauingenieur und Sohn des Firmengründers Rolf Iten in den Betrieb ein und wandelte ihn in eine AG um. Die Firma entwickelte sich zum spezialisierten Betrieb mit den vier Schwerpunkten Verschiebe- und Hebetechnik, Stahlbau, Bau und Verkauf von Immobilien sowie anspruchsvollen Serviceleistungen im Bau. Rund 500 Objekte hat die Firma bisher an einen neuen Standort verschoben.

Mittlerweile sind Verschiebungen kostspieliger, der Wert der Häuser ist geringer geworden. Noch immer aber gibt es denkmalgeschützte Objekte, für deren Erhalt die Firma Iten AG hinzugezogen wird. Oder sie unterstützt mit modernster Technik Gebäude an Extrem­lagen wie die Bergstation Riederalp, welche vom schwindenden Aletschgletscher buchstäblich weggedrückt wird.

«Man muss manchmal zurückblicken, um zu erkennen, wohin man gehen will», ist Rolf Iten überzeugt. Auch deshalb ist das Buchprojekt bedeutsam für ihn. «Der Blick in beide Richtungen ist wichtig.»

Hinweis:
Das Buch ist für 42 Franken in den Buchhandlungen Balmer in Zug und Tau in Schwyz erhältlich.