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HEILMITTEL: Noch mehr Konkurrenz für Apotheken

Rezeptfreie Heilmittel sind in Apotheken oft sehr teuer. Grund sind die hohen Betriebskosten. Das wollen Detailhändler nutzen: Die Migros will ihr Sortiment erweitern.
Bernard Marks
Verkaufsszene in der Apotheke des Zuger Kantonsspitals in Baar (Symbolbild). (Bild: Werner Schelber/Neue ZZ)

Verkaufsszene in der Apotheke des Zuger Kantonsspitals in Baar (Symbolbild). (Bild: Werner Schelber/Neue ZZ)

Bernard Marks

Frau H. aus Unterägeri* erlebte kürzlich eine Überraschung. Seit Jahren ist sie Dauerpatientin im Kantonsspital Baar. Bis vor kurzem erhielt sie ihre Medikamente jeweils auf der Station des behandelnden Arztes. «Das funktionierte perfekt – schnell und offenbar kostengünstig», erzählt sie. Für ihre Behandlung benötigt sie unter anderem das Heilmittel Magnesia S. Pellegrino. «Es wird von der Krankenkasse nicht übernommen und uns von der Kasse jeweils mit 7.35 Franken belastet», erzählt sie weiter.

Seitdem aber Frau H. das Heilmittel im Spital durch die Spitalapotheke erhält, verrechnet die Berufsgenossenschaft der Schweizer Apotheker (Ofac) 11.05 Franken. «Dieser Preis ist ohne irgendeine Zusatzleistung wie zum Beispiel eine Beratung und entspricht einer Preiserhöhung von rund 50 Prozent», resümiert Frau H. Dabei fragt sie sich nach dem Sinn dieser Preispolitik.

Keine Preisbindung

«Hierbei handelt es sich um einfaches Magnesiumpulver, das die Dickdarmtätigkeit sowie die Absonderung von Wasser und Mineralsalzen im Verdauungstrakt anregt», klärt der Kassen­experte von Comparis.ch, Felix Schneuwly, auf. Das Mittel sei weder rezept- noch kassenpflichtig.

Das Besondere daran: In diesem Bereich gibt es in der Schweiz keine staatlich festgesetzten Preise. «Deshalb ist die Gestaltung des Preises grundsätzlich dem Anbieter überlassen», sagt Schneuwly weiter. Das bestätigt auch der Direktor des Zuger Kantonsspitals, Matthias Winistörfer. «Es existiert für dieses Heilmittel kein Listenpreis, deshalb können wir den Preis nach eigenem Ermessen tiefer oder höher festlegen», erklärt Winistörfer.

Aufwand ist grösser

Der Grund für den hohen Preis bei der Spitalapotheke ist schnell gefunden: «Der Kunde zahlt in diesem Fall mehr als nur das reine Magnesiumpulver», sagt Schneuwly. Die Margen bei preisgünstigen, nicht kassenpflichtigen Mitteln seien gering. Zudem sei der Aufwand für die Lagerhaltung bei Drogerien oder Apotheken erheblich. Und zu guter Letzt sind hohe Personalkosten im Preis mit inbegriffen. Oft seien die Kosten weit höher als der Einkaufspreis des Heilmittels. So könne es vorkommen, dass solch ein Mittel in Drogerien oder Apotheken einen Preisaufschlag von 50 oder sogar 100 Prozent habe.

Detailhändler im Vorteil

Hinzu kommt: «Oft ist dabei gar keine Beratung durch Fachpersonal nötig», argumentiert Schneuwly. Oft werden Beratung und Konsu­menten- beziehungsweise Patientensicherheit als Vorwand für Regulierung und hohe Preise vorgeschoben.

«Der Spitalapotheker hätte der Kundin auch sagen können, dass es das Präparat in einem Supermarkt wesentlich günstiger gibt. Aber leider wird im Gesundheitswesen zu selten jemand fürs Sparen belohnt», meint Schneuwly abschliessend.

Dass es anders geht, zeigt sich im Detailhandel. Im Bereich Heilmittel mit wenig Beratungsbedarf haben vor allem die grossen Detailhändler Vorteile gegenüber Apotheken und Drogerien. Denn sie können günstigere Preise anbieten. «Zudem ist es ein attraktives Geschäft für Schweizer Detailhändler und ein Grund für Migros und Coop, ihr Geschäftsmodell in diesem Bereich auszubauen», sagt Schneuwly.

Coop ist bereits im Bereich Heilmittel engagiert. Jetzt tut sich auch etwas bei der Konkurrenz. «Derzeit ist die Migros nicht im Bereich Apotheken engagiert. Wir führen keine Apotheke und beliefern auch keine», sagt Mediensprecherin Monika Weibel auf Anfrage. Die Migros biete in ihren Filialen lediglich rezeptfreie Heilmittel an, die keinen Beratungsbedarf haben, erläutert Weibel weiter.

Die Heilmittelgesetzgebung in der Schweiz sei im Vergleich zum benachbarten Ausland restriktiver, entsprechend sei das Sortiment an Gesundheitsprodukten in der Migros aktuell auch kleiner als bei einem ausländischen Detailhändler.

Doch das könnte sich ändern. «Im Rahmen der Revision des Heilmittelgesetzes, welche unter anderem zum Ziel hat, die Selbstmedikation zu vereinfachen, hofft die Migros auf neue Produktkategorien, die frei verkäuflich werden», sagt Weibel. Dies könnte schon Anfang des kommenden Jahres der Fall sein. Nach der Verabschiedung durch das Parlament werden die notwendigen Bestimmungen erarbeitet; die Vernehmlassung zum Heilmittelverordnungspaket IV soll im Frühjahr 2017 eröffnet werden.

Keine amerikanischen Verhältnisse

«Die Migros strebt jedoch keine amerikanischen Verhältnisse an», sagt Weibel weiter. Das heisst, verkauft werden sollen nur selbstbedienungstaugliche Produkte. Allerdings könnten vor allem Apotheken mit Migros eine weitere Konkurrenz bekommen. Im Bereich rezeptpflichtiger Mittel sind dies bereits die Ärzte. Das dürfte viele Preise für Heilmittel in der Schweiz ins Rollen bringen.

* Name der Redaktion bekannt.

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