Kolumne

Helden in vier Wänden

Der Redaktor Raphael Biermayr beschreibt, wie sich die Massnahmen gegen die Ausbreitung des Corona-Virus auf seinen Alltag auswirken.

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Raphael Biermayr.

Raphael Biermayr.

Lz

Solidarität zwischen Kinderlosen und Eltern ist in der Regel eine Einbahnstrasse. Rücksichtnahme hat von Ersteren zu erfolgen, sei es bei der Arbeit (die Kinder sind halt krank, müssen halt pünktlich von der Kita abgeholt werden, verlangen halt nach unaufschiebbaren Organisationshandlungen während der Arbeitszeit et cetera pp.), im Restaurant (die Kinder kennen halt noch keine Tischmanieren), beim Reisen (die Kinder müssen halt weinen) oder selbst beim geplanten Überqueren der Strasse bei Rot (die Kinder brauchen halt Vorbilder für vorbildliches Verhalten). Hierbei handelt es sich um eine gesellschaftliche Übereinkunft, die in Frage zu stellen verpönt ist – sie ist ein Naturgesetz. Für deren Einhaltung fordern Eltern Verständnis ein oder anders: Solidarität.

Auch in der aktuellen Situation zeichnete sich diese Einbahnstrasse schnell ab. Doch wer in diesen Tagen manchen Eltern zuhört, muss zur Feststellung gelangen, dass sie zu den grossen Helden zählen. Das war kürzlich beispielsweise in der Schlange vor dem Eingang zu einer Migros auszumachen. Der grosszügige Sicherheitsabstand zwischen Personen ermöglicht es nämlich, den deshalb lauten Gesprächen der Umstehenden wohl oder übel folgen zu können. So erklärte eine Frau einerseits, dass sie die Zutaten für einen Thonsalat einkaufen wolle. Andererseits, dass ihr Mann und sie nach einer Woche schulfrei ohne Ferien am Anschlag seien.

Abgesehen vom heimischen Schulunterricht ist die Bekämpfung der Langeweile anscheinend die grösste Herausforderung dieser Tage. Das Homeoffice mag bei der Familienorganisation nützlich sein – für das Nervenkostüm ist es das nicht. So sehnen sich manche hinter vorgehaltener Hand nach der Arbeitsstätte. Dort gibt es neben Ruhe erst noch genügend WC-Papier!

Es stimmt: Wenn man sich vorstellt, wie all das Gelärm und das Gequengel der Kinder sich innerhalb von vier Wänden anstelle der Öffentlichkeit entlädt, muss man dieses Sich-Zusammenreissen der Eltern als enormen Solidaritätsbeitrag anerkennen.