Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Herr Bürgi und die Hilfe aus «diesem Internet»

Dem letzten Milchmann im Kanton Zug bleiben nach Abzug aller festen Ausgaben 1000 Franken im Monat zum Leben – Tendenz fallend. Jetzt erfährt er Unterstützung aus einem ihm fremden Umfeld.
Raphael Biermayr
Seit einem Vierteljahrhundert ist Anton Bürgi im Kanton als Milchmann unterwegs. (Bild: Werner Schelbert (Zug, 13. September 2018))

Seit einem Vierteljahrhundert ist Anton Bürgi im Kanton als Milchmann unterwegs. (Bild: Werner Schelbert (Zug, 13. September 2018))

Plötzlich leuchtete auf dem Handydisplay von Anton Bürgi eine unbekannte Nummer auf, bald darauf eine andere. Es waren potenzielle Neukunden, 30 an der Zahl. «Ein Lichtblick», sagt Bürgi. Ein Hoffnungsschimmer für den letzten Milchmann im Kanton, dass er über das 25-Jahr-Jubiläum hinaus existieren kann.

Der 64-Jährige ist im schweizerdeutschen Wortsinn vergiftet, was seine Arbeit anbelangt. Er geniesst den Umgang mit den Kunden und die Verantwortung ihnen gegenüber; den geregelten, immer gleichen Tagesablauf von 4 bis 12 Uhr; das Gefühl, gebraucht und gefordert zu werden. Letzteres gilt für ihn auch zu Hause in Baar: Bürgi betreut seinen Sohn und dessen Freundin, die geistig eingeschränkt sind.

Nach dem Motto: «Irgendwie geht’s»

Der verwitwete Vater erhält dafür Unterstützung der IV. So verdiene er durchschnittlich rund 3800 Franken monatlich. Zum Leben blieben ihm rund 1000 Franken. «Allein die Wohnung kostet 2800 Franken», sagt er so offen, wie er über alles redet. So zu leben, sei fast unmöglich. «Welcher Tubel macht das schon?», fragt Bürgi halb ernst, «aber irgendwie geht’s ja doch», weiss er aus all den Jahren. Es ist falsch zu behaupten, dass er sich dabei wohl fühlt. Aber er ist hörbar stolz darauf, die Hürden stets zu meistern.

Doch den Schwund des Kundenkreises kann der Milchmann nicht ignorieren. Vor sechs Jahren erschien in unserer Zeitung schon einmal ein Artikel über Bürgi, den letzten seiner Art. Damals sprach er von 500 festen Kunden, heute seien es noch 240. Damals wünschte er sich, dass sein Arbeitsleben mit 74 Jahren enden würde. Mittlerweile hat er diese Zahl auf 70 korrigiert. Überzeugt, dass er diesen Wunsch wahr machen kann, ist er nicht, aber hoffnungsvoll.

Diese Hoffnung wird durch eingangs erwähnte Anrufe genährt. Deren Ursprung ist ein Facebook-Aufruf – ausgerechnet: Anton Bürgi hatte nie einen Computer. Den brauchte er schliesslich weder früher zum Käsen noch später zum Ausliefern von Milch, Eiern und weiterem. Er führt händisch ein Milchbüechli. Dass er nun Hilfe «aus diesem Internet» wie er sagt, erfährt, hat er einem Kunden zu verdanken, der die Lage Bürgis auf der Plattform «Zuger helfen Zugern» verbreitete. Der Eintrag hat zahlreiche Kommentare ausgelöst. Abgesehen von Hinweisen auf eine vegane Lebensweise, sind sie erwartungsgemäss wohlwollend. Gemäss Bürgi hätten 5 der 30 Anrufer sofort zugesagt, die restlichen hätten seine Preisliste sehen wollen. Er verlange 10 Rappen mehr für den günstigsten Liter Milch von Coop respektive 25 Rappen für den der Migros. «Das ist nichts, wenn man sich das einmal vorstellt», sagt Bürgi. «Und ich verlange ja keinen Mindestbetrag für den Hauslieferdienst.»

Die grosse Ein-Mann-Show

Und doch würden einige wegen des Preises auf das Angebot verzichten. Andere, weil nach dem Auszug der Kinder kaum mehr Milch getrunken würde. Dennoch geht es immer weiter, muss es immer weiter gehen für Bürgi. «Solange die Gesundheit mitmacht», wirft er ein. «Es ist ein anstrengender Job, man hebt viel und häufig schwer.» Zwei Bandscheibenvorfälle hat er schon hinter sich. Bald wird er sich einer Operation am Handgelenk unterziehen müssen – zum Glück aus seiner Sicht lediglich ambulant. Denn so kann er seine Liefertouren aufrechterhalten. Wenn Bürgi ausfällt, gibt es keinen, der seine Arbeit macht. Zweimal habe er vom RAV Unterstützung erhalten, junge Männer. «Beide haben bald aufgehört – es war ihnen zu streng», behauptet Bürgi.

Und so wird er weiterhin in seinem Lieferwagen unterwegs sein im Kanton Zug, auf den nächsten Strohhalm hoffend, nach dem er greifen kann. Wie kürzlich, als er Kunden eines Bauern übernehmen konnte, der die Eierlieferungen einstellte. Und wie aktuell, da er über Facebook Hilfe erfährt. 40 Neukunden erhofft sich Anton Bürgi davon. «Vielleicht mehr», sagt er, «ich weiss aber nicht, wie lang das im Internet steht.»

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.