«Hier auf der Strafbank scheppert es oft gewaltig»

Markus Keller (40) sitzt bei jedem EVZ-Match auf der Bank, wo die gegnerischen Spieler ihre Strafe absitzen. Er sitzt sozusagen immer in der ersten Reihe. Doch er darf sich nicht zu stark aufs Eis konzentrieren. Andere Dinge stehen in seinem Fokus.

Marco Morosoli
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Der Hut sitzt: Markus Keller. (Bild: Stefan Kaiser / Neue ZZ)

Der Hut sitzt: Markus Keller. (Bild: Stefan Kaiser / Neue ZZ)

Markus Keller (40) sitzt bei jedem EVZ-Match auf der Bank, wo die gegnerischen Spieler ihre Strafe absitzen. Er sitzt sozusagen immer in der ersten Reihe. Doch er darf sich nicht zu stark aufs Eis konzentrieren. Andere Dinge stehen in seinem Fokus.

Markus Keller, seit wann sitzen Sie an EVZ-Spielen auf der Strafbank?

Markus Keller: Ich habe in der EVZ-Meistersaison (1997/98, Anm. d. Red.) dort Platz genommen. Mein Vorgänger Heinz Schryber hatte die Betreuung der Hintertorkamera übernommen. Er hat mich gefragt, ob ich Lust hätte, die Strafbank zu betreuen. Ich habe sofort zugesagt. Und ich habe mein Ja von damals bisher nicht bereut.

Ist es denn dort nicht einsam?

Keller: Ob ich den Match auf der Tribüne oder auf der Strafbank anschaue, spielt für mich keine Rolle. Klar bekommst du die Emotionen direkt am Eisfeld ungefilterter mit als oben in den Rängen. Hier auf der Strafbank scheppert es oft gewaltig. Und es ist auch sehr laut. In der Pause treffe ich dann die anderen Funktionäre, die in der Zeitnehmerkabine im Einsatz sind, beim Kaffee. Alle sind schon lange dabei. Wir sind ein eingespieltes Team. So gesehen ist es wie bei einem normalen Besuch des EVZ-Spiels. Mit dem Unterschied, dass wir während des Spiels eine Aufgabe haben.

Umschreiben Sie Ihre Aufgabe.

Keller: Ich mache die Türe zur Strafbank auf und zu. Da habe ich durchaus eine grosse Verantwortung. Bis jetzt ist mir noch keiner zu früh entwischt. Ich bin aber keine Reizfigur. Das sind die Schiedsrichter und die Spieler der gegnerischen Mannschaft.

Spieler, die zu Ihnen auf die Bank kommen, sind meistens stark aufgewühlt. Welches negative Erlebnis ist bei Ihnen haften geblieben?

Keller: Ich hatte mal ein Rencontre mit dem Kloten-Flyers-Stürmer Viktor Stancescu. Er hatte das Gefühl, ich hätte die Türe zur Strafbank zu schnell geschlossen. Ich habe ihm daraufhin zu verstehen gegeben, dass ich mit dieser Aktion ja eher ihn geschützt habe. Dann und wann musste ich auch den Kopf einziehen. Aber bis jetzt ist mir nichts Gravierendes passiert. Und ich sitze ja immerhin schon fast 15 Jahre auf der Strafbank. Ich kann sagen, dass die Spieler sich auf der Strafbank gesittet aufführen.

Und über was können Sie heute noch schmunzeln?

Keller: Als vor zwei Jahren der EVZ gegen Davos spielte, sassen einmal gleichzeitig sechs Spieler der Bündner auf der Strafbank. Da wurde es eng. Die Stimmung war aber irgendwie gelöst. Sie haben sich Witze erzählt.

Suchen Sie das Gespräch mit den Akteuren, die zu Ihnen verbannt werden?

Keller: Ich rede prinzipiell nicht mit den Spielern. Ich mache jedenfalls nie den Anfang zu einer Konversation. Kommen Spieler bei mir vorbei, die ich aus EVZ-Zeiten kenne, wechsle ich ab und zu ein paar Sätze. Der ZSC-Lions-Verteidiger Matthias Seger ist übrigens einer, der mir immer «hoi» sagt, wenn er bei mir Platz nimmt. Er ist einer der höflichsten Spieler.

Gedroht hat Ihnen auch noch niemand?

Keller: Bisher nicht. Die Akteure wissen, dass Sie mir nichts antun dürfen. Halten Sie sich nicht daran, drohen Ihnen Strafen. Ich muss auch festhalten, dass die meisten meiner Klienten anständig sind. Ich weiss mittlerweile auch, wann ich mich zurücknehmen muss. Dann stehe ich in der Ecke und warte, bis sich die Situation ein wenig beruhigt hat. Diese Zurückhaltung lohnt sich. Ich juble auch bei Toren der Zuger nicht. Betrachte den Match nüchtern.

Wieso sitzen Sie nicht auf der Seite, wo die EVZ-Spieler ihre Strafe absitzen?

Keller: Ich könnte das, aber ich will es nicht.

Wie lange sind Sie jeweils in der Bossard-Arena?

Keller: Ich komme kurz vor 18 Uhr in der Arena an. Meistens mache ich mich kurz nach 23 Uhr auf den Heimweg.

Das ist eine lange Präsenzzeit. Der Match dauert ja nur etwas mehr als zwei Stunden. Haben Sie denn noch eine andere Aufgabe?

Keller: Ich hole die Schiedsrichter in einer Tiefgarage in der Stadt Zug ab und bringe sie später wieder dorthin zurück. So ergeben sich zwischen den Unparteiischen und den Fans keine Reibungsflächen mehr. Zudem organisiere ich für die Spielleiter etwas zu essen. Brauchen ihre Schlittschuhe einen neuen Schliff, besorge ich ihnen auch diesen.

Wie erleben Sie die Schiedsrichter?

Keller: Alle Schiedsrichter, die ich kenne, sind sehr umgängliche Menschen. Ich kann über keinen etwas Negatives sagen. Es sind alles gute Typen.

Braucht es als «Strafbänkler» eine Ausbildung?

Keller: Nein. Es ist aber sicher von Vorteil, wenn man die Eishockey­regeln kennt. ich spiele selber seit Jahren Eishockey in einer Plauschmannschaft und weiss aus langjähriger Erfahrung, wie ich mich verhalten muss. Wird es einmal kompliziert, erhalte ich von einer Person im Zeitnehmerhäuschen einen Zettel, welchen Spieler ich zuerst aufs Eis schicken darf.

Bekommen Sie für Ihre Einsätze eine Entschädigung?

Keller: Ich arbeite ehrenamtlich. Ich bekomme vom EVZ gratis eine Sitzplatzkarte. Da ich diese ja nicht selber gebrauchen kann, gebe ich sie manchmal an einen Kollegen weiter.