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Wo Lebensmittel in Baar 1 symbolischen Franken kosten

Seit 15 Jahren verteilt «Tischlein deck dich» im Kanton Lebensmittel an jene, die sich nur knapp über Wasser halten können. Von Anfang an dabei ist Yolanda Fässler. Sie schildert, wie sich die Situation entwickelt hat.
Carmen Rogenmoser
Yolanda Fässler, Leiterin der Abgabestelle in Baar. (Bild: Werner Schelbert (5. Juli 2018))

Yolanda Fässler, Leiterin der Abgabestelle in Baar. (Bild: Werner Schelbert (5. Juli 2018))

Ist die Gurke noch geniessbar? Ist das Brot zu hart? Sollen die Cola-Dosen schon diese Woche angeboten werden? Mit solchen Fragen beschäftigt sich Yolanda Fässler tagtäglich. Sie ist die Leiterin des Bereichs Recycling der Gemeinnützigen Gesellschaft Zug (GGZ), zu der auch «Tischlein deck dich: Lebensmittelrettung – Lebensmittelhilfe» gehört. Rund 120 Bezüger finden dienstags zwischen 17 und 18 Uhr jeweils den Weg an die Altgasse 46b in Baar.

Dort können sie für einen symbolischen Betrag von 1 Franken Lebensmittel beziehen. Von Armut betroffene Menschen erhalten so die Gelegenheit, qualitativ einwandfreie Lebensmittel, Frischwaren und Artikel des täglichen Bedarfs zu erhalten.

Seit 15 Jahren gibt es die Abgabestelle. Die 53-jährige Yolanda Fässler ist von Anfang mit dabei. «Der Blickwinkel auf Esswaren und deren Verwertbarkeit wird durch die Arbeit ein anderer», gibt sie zu. «Aber auch wir dürfen nur Lebensmittel abgeben, deren Ablaufdatum nicht überschritten ist», führt sie aus. Das stelle eine der grössten Herausforderungen dar.

17 Abgabestellen werden von Baar aus beliefert

Auf einem Schleichweg durch den Secondhandladen, vorbei an einer Werkstatt und einem Raum, in dem Kleider sortiert und gewaschen werden, führt die Bereichsleiterin in den Lagerraum. Kistenweise Schokoladenriegel und Paletten voller Dosengetränke stapeln sich. Seit 2012 führt GGZ@Work die Plattform Zentralschweiz für «Tischlein deck dich» und beliefert 17 Abgabestellen. «Die meisten Spenden kommen von Grossisten», erklärt sie. Es gibt aber auch lokale Unterstützer, Obst- und Gemüseproduzenten etwa oder Bäckereien. «Brot haben wir glücklicherweise immer genug», so Fässler. «Die Warenbeschaffung ist eine ständige Herausforderung. Wir müssen mit dem arbeiten, was wir bekommen.» So gibt es denn einmal Joghurt und in der nächsten Woche verschiedene Kekse. All das funktioniert nur dank grosszügigen Spenden.

Doch auch in Zeiten, wo Foodwaste und Recycling in aller Munde sind, ist es für die Organisation nicht leicht, an genügend Nahrungsmittel zu kommen. «Zwei Millionen Tonnen Lebensmittel werden in der Schweiz jährlich vernichtet. Das ist doch eine ungeheure Zahl.» Auch nach all den Jahren ist das für Yolanda Fässler, gelernte Servicefachangestellte und ehemalige Wirtin, fast nicht zu fassen.

Die Hälfte dieser Abfälle stammt aus privaten Haushalten. Aber auch von dieser Seite gibt es immer wieder Unterstützung. «In der Adventszeit etwa haben wir von einer Frau einen ganzen Sack Spaghetti geschenkt bekommen oder einmal erhielten wir zehn Liter Milch. Jemand hatte diese fälschlicherweise für laktosefrei gehalten.»

Die Baarer Abgabestelle ist eine der wenigen, die nicht nur durch Freiwillige betreut wird. Auch Klienten von GGZ@Work finden hier eine Beschäftigung. «Die Abgabestelle ist in den letzten fünfzehn Jahren enorm gewachsen», weiss die Leiterin. Am Anfang hätten sich wöchentlich 30 bis 40 Bezüger mit Waren eingedeckt, heute seien es fast vier Mal mehr. «Bei jedem Bezüger wissen wir, wie viele im Haushalt wohnen», erklärt Fässler.

So profitieren im Kanton durchschnittlich 234 Personen vom Angebot. «Wir versuchen, die Lebensmittel so gerecht wie möglich zu verteilen.» Grundnahrungsmittel wie Teigwaren, Mehl oder Salz findet man bei «Tischlein deck dich» in Baar praktisch nicht. Diese lassen sich für die Grossisten gut kalkulieren. Stattdessen landen bei der Abgabestelle viele Getränke und Süssigkeiten. «Das sind dann Sachen, die sich die Betroffenen sonst nicht leisten könnten.»

Lebensmittel gibt es nur mit einer Bezugskarte

Auf die Lebensmittel angewiesen sind vor allem «sogenannte Working Poor, Leute also, die trotz einer Arbeit nicht über die Runden kommen, oder Sozialhilfebezüger und Asylsuchende, die ebenfalls am Existenzminimum leben», erklärt Fässler. Um von «Tischlein deck dich» profitieren zu können, braucht es eine Bezugskarte, die von einer Sozialfachstelle abgestempelt werden muss. Lange nicht alle nehmen das Angebot an. «Die Hemmschwelle, die Karte zu verlangen und dann persönlich bei uns aufzutauchen, ist ziemlich gross.»

Yolanda Fässler berichtet mit grossem Eifer von ihrer Arbeit, immer wieder ertönt ihr ansteckendes Lachen oder sie macht eine witzige Bemerkung. Die Arbeit bei GGZ@Work sei nicht immer leicht, das gibt sie ohne Umschweife zu. «Ich musste lernen, abzuschalten.» Das 15-Jahr-Jubiläum der Baarer Abgabestelle wird nicht gross gefeiert.

Feierlichkeiten seien immer mit Ausgaben verbunden und das Geld wird lieber für die Betroffenen ausgegeben. «Ich habe aber eine Urkunde erhalten», freut sich Yolanda Fässler. «Ich habe das alles mit aufgebaut. Mein Herz hängt daran», gibt sie zu. Noch immer komme sie jeden Tag gerne zur Arbeit. «Ich mache etwas Sinnvolles. Hier bin ich am richtigen Ort.»

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