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Hünenberg: Sie schneidert die Trachten fürs Eidgenössische

Viele Zuger haben sich das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest (Esaf) seit Monaten rot im Kalender angestrichen. Dafür, dass die Ehrendamen eine traditionelle Tracht tragen, sorgt die Schneiderin Andrea Balmer mit ihrem Team.
Vanessa Varisco
Andrea Balmer ist erfahrene Trachtenschneiderin. (Bild: Stefan Kaiser (Hünenberg, 15. Januar 2019))

Andrea Balmer ist erfahrene Trachtenschneiderin. (Bild: Stefan Kaiser (Hünenberg, 15. Januar 2019))

Blaue Schürzen, feine Stickereien und filigrane Handschuhe – die Zuger Festtagstracht, in welcher die zwölf Ehrendamen des Esaf auftreten, zeichnet sich durch viele Details aus. Eine solche Tracht herzustellen, kostet vor allem eins: viel Zeit. Das hat Schneiderin Andrea Balmer aus Hünenberg in den letzten drei Jahren erlebt. Als Mitglied der Trachtenkommission und erfahrene Trachtenschneiderin hat sie sich früh beworben, um die Kleider der Ehrendamen anzufertigen.

«Am letzten Fest in Estavayer trugen die Ehrendamen Fantasiekostüme. Am Esaf in Zug sollten sie wieder in traditionellen Trachten auftreten», ist die dreifache Mutter der Meinung. Dem stimmte auch das Organisationskomitte in der Planungsphase vor drei Jahren zu. Es galt abzuwägen, ob die Kleider lieber gemietet oder neu genäht werden sollten. Man entschloss sich schliesslich für Letzteres; immerhin müssen die Trachten noch bis für weitere Schwinganlässe getragen werden können. Sie über eine so lange Zeit zu mieten, erschien wenig sinnvoll. Betriebe, die solche Trachten schneidern, gibt es im Kanton nur zwei. Alice Häseli in Baar hätte als Ein-Frau-Betrieb allerdings nicht die Kapazitäten gehabt, zwölf Trachten anzufertigen, weshalb das Atelier Balmer den Auftrag übernahm.

Bis zu 60 Stunden Arbeit pro Kleid

Vor zwei Jahren begann schliesslich die Arbeit an der Nähmaschine. Es war ein grosser Auftrag, den das Team bewältigen musste. «55 bis 60 Stunden Arbeit stecken in jedem der zwölf Kleider», weiss Andrea Balmer – zuzüglich der Stickarbeiten und der Herstellung der Handschuhe, welche aus feinem Garn geknüpft sind. Die Wollbordüren mussten teilweise speziell angefertigt werden. Der Stoff musste zum Plissieren ausserdem nach Basel geschickt werden; denn nur eine dort ansässige Firma übernimmt noch solche Arbeiten. Pro Kleid musste sie mit zwei bis drei Monaten Produktionszeit rechnen.

«Der Aufwand war sicherlich gross, aber die Freude daran, fürs Esaf Trachten zu nähen ist riesig», findet die Hünenbergerin und lächelt. Besonders, wenn die zwölf Ehrendamen zu den Anproben kamen, war das immer ein Erlebnis. «Dass sie die Entstehung der Trachten miterlebten und immer wieder staunten, wie sie ihnen auf den Körper geschneidert wurden, war etwas Besonderes.» Doch in der Massanfertigung bestehe auch die Schwierigkeit. «Für Trachten gibt es genaue Vorschriften, die individuell auf jede Ehrendame angepasst werden mussten.» Bereits vor dem Esaf haben die Ehrendamen Auftritte. Zehn Trachten waren schon im Einsatz, die ersten wurden vor anderthalb Jahren ausgeliefert. «Überrascht waren die Ehrendamen darüber, dass die Kleider trotz des vielen Stoffs leicht und bequem zu tragen waren», erzählt Balmer.

Schneiderin aus Leidenschaft

Das Schneidern wurde Andrea Balmer in die Wiege gelegt. Denn bis letztes Jahr betrieb ihre Mutter Irma Grüter während 40 Jahren «Couture Grüter» in Hünenberg, wo ihre Tochter 13 Jahre lang mitarbeitete und das Geschäft aufs neue Jahr hin übernahm. Neu heisst «Grüter Couture» nun «Atelier Balmer». «Gezögert den Betrieb zu übernehmen, habe ich nicht. Aber natürlich bedeutet die Leitung der Schneiderei mehr Verantwortung», stellt sie fest. Als Mutter von drei kleinen Kindern muss sie sich ausserdem die Zeit einteilen können. «An meine Aufgaben im Büro werde ich mich noch gewöhnen.» Denn ihren Beruf liebt sie vor allem wegen des Handwerks.

Vor acht Jahren hat sie in Luzern eine Weiterbildung gemacht zur Trachtenschneiderin. «Und das, obwohl ich eigentlich nicht in dieser Szene verkehrte», verrät sie. Da der Kanton Zug überschaubar ist, kennt sie inzwischen viele Leute und bekommt Aufträge für Änderungen. «Das Schönste ist aber stets, wenn ich eine komplett neue Tracht nähen darf.» Die Kundschaft im Atelier hat sich in den letzten Jahren verändert. «Früher haben sich vor allem Frauen jeweils im Frühling und Herbst einige Kleidungsstücke für die kommende Saison anfertigen lassen», berichtet Balmer. Heute ist das selten. Nun wollen Kunden öfter Kleider für spezielle Anlässe oder lassen ein abgetragenes Lieblingsstück ersetzen. Das grosse Geld verdiene man nicht mit diesem Beruf. «Aber das ist auch nicht das Ziel. Lieber freue ich mich jeden Tag auf meine Arbeit.»

Als Leiterin eines Lehrbetriebs stellt sie zudem fest, dass die Bewerbungen zurückgegangen sind. «Noch immer interessieren sich Leute für unseren Beruf, allerdings nicht so viele wie früher», weiss sie. Auch für Schnupperlehren bekommt sie nach wie vor Anfragen. Zurzeit beschäftigt das Atelier Balmer eine Lernende im dritten Lehrjahr. «Normalerweise haben wir zwei, aber wegen der Übernahme des Geschäfts wollte ich es dieses Jahr vorerst ruhiger angehen.» Es sei ein Beruf, der viel Leidenschaft erfordere. Private Ateliers, die Ausbildungen anbieten, gibt es in der Schweiz nur sehr wenige. Für Balmer ist es eine Herzensangelegenheit, den Beruf zu erhalten. «Genau wie für meine Mutter.»

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