HINGESCHAUT: Der «verschlimmbesserte» Calvaert

Das Hochaltarblatt in der ehemaligen Klosterkirche St.Anna in Zug soll von einem bedeutenden flämischen Meister stammen. Das Gemälde ist jedoch wiederholt überarbeitet worden – nicht unbedingt zu seinem Vorteil.

Andreas Faessler
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Das mutmassliche Calvaert-Gemälde ist mehrmals überarbeitet und verändert worden. Dennoch ist das Kunstwerk ein Blickfang in der ehemaligen Kapuziner-Klosterkirche St. Anna.

Das mutmassliche Calvaert-Gemälde ist mehrmals überarbeitet und verändert worden. Dennoch ist das Kunstwerk ein Blickfang in der ehemaligen Kapuziner-Klosterkirche St. Anna.

Bild: Stefan Kaiser (Zug, 13. Februar 2020)

Bettelorden wie die Kapuziner sind der Bescheidenheit verpflichtet. Diesem Grundsatz folgend, präsentieren sich auch ihre Klosterbauten vergleichsweise schlicht und zurückhaltend. So ist denn auch die ehemalige Kapuziner-Klosterkirche St. Anna am erhöhten Rande der Zuger Altstadt entsprechend einfach gestaltet – als Hallenkirche ohne überbordenden Prunk. Dafür birgt sie aber einige wertvolle Kunstwerke, so etwa eine Kreuzigungsszene des Zuger Künstlers Jakob Warttis (1570-1646) und weitere qualitätvolle Gemälde.

Als Glanzstück der Kirche aber könnte man das Hochaltargemälde bezeichnen, welches aus der Hand des bedeutenden flämischen Renaissancemalers Denys Calvaert (1540-1619) stammen soll. Es zeigt die Grablegung Christi. Ob es sich im Ursprung tatsächlich um einen echten Calvaert handelt, ist heute jedoch fraglich, wie wir gleich erfahren werden. Eines ist sicher: Sollte es ein Original sein, dann dürfte das Gemälde einiges an seiner ursprünglichen Aura eingebüsst haben, nachdem es wiederholt verändert worden war. Wie es dazu kam, ist beim verdienten Kunsthistoriker und Begründer der Kunstdenkmäler-Inventarisation Linus Birchler (1893-1967) nachzulesen.

Einflussreicher Meister der Bologneser Schule

Demnach war die ursprüngliche Kirche des 1597 vollendeten Kapuzinerklosters in Zug mit nur einem Altar ausgestattet. Ammann Beat Zurlauben (1571-1629) stiftete das Altargemälde und wählte dafür ein Werk vom bereits erwähnten Maler Denys Calvaert. Dieser war seit Abschluss seiner Malerausbildung in Antwerpen in Italien tätig. In Bologna und Rom liess sich Denys Calvaert – er wurde von den Italienern «Il Fiammingo», der Flämische, genannt – bei namhaften Meistern seiner Zeit weiterbilden. Schliesslich gründete er in Bologna eine einflussreiche Malerakademie, wo unter anderem keine Geringeren als Guido Reni oder Domenico «Domenichino» Zampieri zu seinen Studenten zählten.

Obschon Calvaerts Einfluss auf die Entwicklung der Bologneser Schule durch den immer bedeutender werdenden Malerclan der Caracci sank, waren Calvaerts Gemälde weit über die Grenzen Italiens hinaus gefragt. So auch bei Ammann Zurlauben, der 1597 bei Calvaert in Bologna für 50 Kronen eine «Grablegung Christi» mit Maria Magdalena und Josef von Arimathäa als Hauptfiguren bestellte und damit den Hochaltar der Zuger Kapuziner-Klosterkirche versah.

Erweitert, ergänzt...

Im Jahre 1675 wurde die gesamte Klosteranlage abgebrochen und neu errichtet. Der Hochaltar in der neuen Kirche war nun deutlich grösser. Den bisherigen Hochaltar versetzte man in den inneren Chorraum und behängte ihn mit der Kreuzigungsgruppe von Jakob Warttis.

Natürlich sollte das Prunkstück aus Bologna auch in der vergrösserten Kirche das Allerheiligste krönen. Da das Bild aber für den neuen Hochaltar zu klein im Format war, wurde die Leinwand passend gemacht und auf 240 mal 160 Zentimeter vergrössert. Der Zuger Maler Caspar Letter Junior (1637-1703) wurde damit beauftragt, die angefügten Leinwandstreifen zu bemalen. So soll er gemäss Linus Birchler Calvaerts Grablegungsgruppe mit der Figur des hl. Franziskus erweitert haben, welche heute allerdings wieder verschwunden ist – durch wen ist unklar.

Bereits mit Caspar Letters Aus- und Überarbeitung erfuhr «Fiammingos» Werk einen empfindlichen Eingriff. Eine noch folgenreichere Änderung nahm im Jahre 1862 der bekannte Nidwaldner Kirchenmaler Melchior Paul von Deschwanden (1811-1881) vor, dessen nazarenischer Malstil sich von demjenigen der Bologneser Schule des 17. Jahrhunderts um Welten unterscheidet. Deschwanden restaurierte das Gemälde und ergänzte es mit einer Engelgruppe in der oberen linken Ecke. Eine entsprechende Inschrift mit Signatur zeugt davon.

...und dann noch über-restauriert

Ein weiteres Mal wurde das Calvaert-Gemälde im Jahre 1905 «verdorben» (Zitat Birchler), als ein gewisser Professor Roland, seinerzeit Vorsitzender der Deutschen Künstlerzunft in Rom, eine Komplettrestaurierung vornahm, welche aus heutiger Sicht wohl etwas arg gut gemeint war. Zwar reparierte er Risse und Pigmentausbrüche soweit vorbildlich, aber er dürfte Farbgebung, Schärfung und Schattierungen so weit manipuliert haben, dass das Gemälde seit dieser letzten Prozedur wohl nur noch wenig mit der ursprünglichen Fassung von Denys Calvaert zu tun hat.

Linus Birchler stellt gar in Frage, ob es sich beim Gemälde überhaupt noch um dasjenige handelt, welches Ammann Zurlauben einst aus Bologna entgegengenommen hat, oder ob es gar eine Kopie oder Nachahmung ist. Denn das mutmassliche Calvaert-Gemälde in Zug unterscheide sich nach all den Überarbeitungen in Stil, Farbe und Komposition zu sehr von anderen gesicherten wie auch zugeschriebenen Werken desselben Meisters. Linus Birchler weiss zwar zu berichten, dass angeblich noch im 19. Jahrhundert auf dem Grabdeckel die Signatur «Calva» zu lesen gewesen sein soll, verbürgt ist es jedoch nicht. Für weitere Unsicherheit sorgt überdies ein Gemälde in der Altdorfer Pfarrkirche, welches demjenigen in Zug verdächtig ähnlich sieht.

Stimmungsvolle Einheit

Trotz allen Vorbehaltes hinsichtlich Authentizität des Zuger Calvaert-Gemäldes lässt sich dem Werk seine Schönheit und Wirkung auf den Betrachter nicht absprechen. Es bildet mit der Altararchitektur eine stimmungsvolle Einheit. Und würde man es genau wissen wollen, so liesse sich mit modernen Forschungsmethoden viel mehr über das Gemälde erfahren als noch vor einem halben Jahrhundert.

Aktuell wird die Klosterkirche St. Anna einer Renovation unterzogen, die von der Bürgergemeinde im vergangenen Mai beschlossen worden ist. Dabei wird auch das Hochaltarblatt gereinigt und aufgefrischt. Die Arbeiten sollen Anfang April abgeschlossen sein.

Mit «Hingeschaut» gehen wir wöchentlich Fundstücken mit kulturellem Hintergrund und Zuger Bezug nach.

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