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Hingeschaut: Ein Erzengel für acht Franken

Ausverkauf: Warum die spätgotische Figur des Zuger Kirchenpatrons heute im Landesmuseum steht.
Andreas Faessler
Der schlanke Erzengel aus der alten Zuger Michaelskirche befindet sich heute wohlbehütet in der Sammlung des Schweizerischen Nationalmuseums. Bild: Schweizerisches Nationalmuseum, LM-17680

Der schlanke Erzengel aus der alten Zuger Michaelskirche befindet sich heute wohlbehütet in der Sammlung des Schweizerischen Nationalmuseums. Bild: Schweizerisches Nationalmuseum, LM-17680

Das Jahr 1898 war ein Besonderes in der langen Kirchengeschichte der Stadt Zug: Man hatte sich nach langem Ringen entschieden, die spätmittelalterliche Pfarrkirche St.Michael auf dem Gelände des heutigen Friedhofes abzubrechen und mit einem Neubau etwas unterhalb zu ersetzen. Es herrschte anscheinend Aufbruchstimmung, zumal man sich offenbar von allem möglichst schnell verabschieden wollte, was an die alte Kirche erinnerte: Erst wurde die kostbare Altargruppe und die nicht minder prächtige Kanzel für einen geradezu lachhaften Preis an eine Konstanzer Pfarrei verhökert. Und dann wurde ein weiteres identitätsstiftendes Prunkstück des alten Gotteshauses – eine spätgotische Figur des Erzengels Michael – gemäss Aufzeichnungen an einen unbekannten Käufer für läppische acht Franken veräussert.

Anno 1929 kam der Engel in den Besitz eines Herrn Spillmann-Stocker aus Zug, möglicherweise handelte es sich dabei um den «Falken»-Wirt. Heute befindet sich diese einzigartige Statue nach weiterem Besitzerwechsel und durch glückliche Fügung in wohlbehüteter Hand: Sie gehört zur Sammlung des Nationalmuseums und ist im Zürcher Landesmuseum ausgestellt.

Nicht alles ist original

Die knapp anderthalb Meter grosse Figur des geflügelten Erzengels Michael aus Lindenholz stammt – so schätzen Historiker – aus der Zeit zwischen 1470 und 1490. Das Erscheinungsbild der schlanken spätgotischen Figur in vollem Harnisch und mit goldgelocktem Haar entspricht weitgehend der Michaels-Darstellung, wie sie traditionell auf Bildern des Jüngsten Gerichts jener Zeit erscheint: Die rechte Hand zum Schlag mit dem Schwert erhoben, die linke über dem Schenkel ruhend. Vermutlich hielt die Figur damit ursprünglich die Seelenwaage als Attribut. Diese ist verschollen.

Dass die Engelsfigur nicht zur Gänze dem Originalzustand des 15. Jahrhunderts entspricht, entzieht sich dem Auge des Laien. Tatsächlich aber sind die Flügel wie auch das Schwert später – vermutlich im 19. Jahrhundert – ersetzt worden.

Umplatziert um Zuge der Barockisierung

Wo genau die vollplastische Figur des Kirchenpatrons im alten Gotteshaus ihren Platz gehabt hatte, ist unklar. So mutmassen Historiker zum einen, dass der Heilige Michael einst prominent auf dem ursprünglichen spätgotischen Hochaltar gestanden hat oder aber zum anderen irgendwo an der Seite, beispielsweise bei einem Pfeiler.

Auf einer historischen Fotografie aus der Zeit kurz vor dem Abbruch der Michaelskirche ist eindeutig zu erkennen, dass die Statue im Sprengwerk auf der Bekrönung der bis tief in die Kuppel hineinragenden Orgel stand, hoch über dem Kirchenschiff. Dahin war der Engel wohl im Zuge der sukzessiven Barockisierung der Kirche platziert worden.

Künstler unbekannt

Die Urheberschaft der qualitätvollen Holzfigur lässt sich kaum eruieren, selbst eine Zuschreibung wäre zu gewagt, zumal zur Entstehungszeit in Zug aufgrund der Bauarbeiten an den Kirchen St.Michael und St.Oswald mehrere namhafte Bildhauer tätig waren. Immerhin lässt sich anhand der Machart im Vergleich zu anderen Zuger Kirchenskulpturen derselben Zeit erahnen, dass sich die Handwerker gegenseitig beeinflusst haben.

Mit «Hingeschaut» gehen wir wöchentlich Fundstücken mit kulturellem Hintergrund und Zuger Bezug nach.

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