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Hingeschaut: Monumental und doch feingliedrig

Eines der grössten Kunstwerke im öffentlichen Raum Zugs steht an zentraler Stelle auf dem Gelände der Kantonsschule. Mit seiner Formensprache durchbricht es die gradlinige Strenge der 1970er-Jahre-Architektur.

Andreas Faessler
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«Caribu» von Paul Suter dominiert den Hauptplatz der Kantonsschule Zug.

«Caribu» von Paul Suter dominiert den Hauptplatz der Kantonsschule Zug.

Bild: Stefan Kaiser (29. April 2020)

Was für ein Ungetüm. Das ist man im ersten Moment zu denken verleitet beim Anblick von «Caribu», der riesigen Eisenplastik am Treppenaufgang zum Platz der Kantonsschule Zug in der Luegeten. Doch dann bemerkt der Betrachter bald die Interaktion des Kunstwerkes mit der umgebenden Architektur: Es setzt mit seinen ausschwingenden Eisenelementen einen formalen Kontra-Akzent zur strengen Betonarchitektur aus der Mitte der 1970er-Jahre. «Caribu» ist das Werk des Aargauer Bildhauers Paul Suter (1926–2009), der sich vor allem mit seinen Monumentalplastiken im öffentlichen Raum der Schweiz und auch des europäischen Auslandes seinen Namen erarbeitet hat.

Gut Ding will Weile haben

«Caribu» ist eines von zwei schwergewichtigen Eisenkunstwerken, welche sich die Stadt Zug im Herbst 1994 gegönnt hat – kurz zuvor hatte sie «Turris» von Giuseppe Spagnulo («Hingeschaut» vom 22. Juni 2016) für das Hertiquartier erworben.

Mit «Caribu» ist die künstlerische Umgebungsgestaltung der Schulgebäude abgeschlossen worden. Der Standort der Suter-Eisenplastik war seit Fertigstellung der Kantonsschule für eine künstlerische Gestaltung freigehalten worden, um einen geeigneten Zeitpunkt abzuwarten und vor allem ein geeignetes Kunstwerk zu finden. Der Plan ist im Verlaufe der 1980er-Jahre etwas versandet, bis 1991 der damalige Zuger Baudirektor Paul Twerenbold einen neuen Impuls gegeben hat, wonach die Planung wieder aufgenommen und mit der Wahl von Suters Werk endlich umgesetzt worden ist.

Das gesamte Ausmass des Objekts ist am besten erkennbar, wenn man sich von Norden her nähert: Der «Schwanz» des Kunstwerks nämlich reicht bis auf die untere Ebene am Anfang des Treppenaufganges. Somit misst die absolute Höhe respektable neun Meter.

Erst die Installation, dann die «Taufe»

Insgesamt mutet «Caribu» an wie ein aus geraden und gebogenen Eisenbändern spontan in den Raum gezeichnetes Ganzes. Beim genauen Betrachten lassen sich konkrete Formen erkennen, auch wenn ein Mindestmass an Fantasie und Vorstellungskraft dabei nicht ganz unverzichtbar ist. Vielleicht ein Fabelwesen, ein Insekt – den Schulplatz scharf beobachtend, denn auf Seite dessen sind die Elemente so ineinander gefügt, dass sie die Form eines grossen einzelnen Auges annehmen.

Seinen Namen «Caribu» hat die Plastik erst nach ihrer Installation erhalten, dies in Anlehnung an die Form des C und des U, welche sich innerhalb der Konstruktion finden. Sinnig ist dieser Name aber gewiss auch in einem weiteren Aspekt: Tatsächlich könnte man, je nach Blickwinkel, in der Plastik auch das stilisierte Geweih eines Karibus – das nordamerikanische Rentier – erkennen.

So feingliedrig, beschwingt und luftig sich die durch Korrosion farblich geprägte Plastik gibt; sie wiegt stattliche sieben Tonnen. Die Eisenelemente nehmen eine grössere Fläche ein, als man denkt, und sind immerhin vier Zentimeter mächtig. So verfügen sie über die nötige Stärke, damit die teils weit ausschwingenden Elemente ohne weitere Verstrebungen auskommen.

Mit «Hingeschaut» gehen wir wöchentlich Fundstücken mit kulturellem Hintergrund und Zuger Bezug nach.

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