«Hingeschaut»: Überbleibsel eines «Insektenbefalls»

Fünf überdimensionale Ameisen am Unterägerer Gemeindehaus erinnern an eine künstlerische Intervention. Ihr Schöpfer sucht das Schöne in denjenigen Kreaturen, welche beim Menschen mehrheitlich Abneigung hervorrufen.

Andreas Faessler
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Als wollten sie das Gemeindehaus von Unterägeri befallen: Fünf Ameisen von Jörg Rohner sind geblieben von der Freiluftausstellung mit dem Thema Insekten im Jahre 2011.

Als wollten sie das Gemeindehaus von Unterägeri befallen: Fünf Ameisen von Jörg Rohner sind geblieben von der Freiluftausstellung mit dem Thema Insekten im Jahre 2011.

Bilder: Matthias Jurt (16 Januar 2019)

Eine originelle Idee spielte vor Jahren auf künstlerische Weise mit einer der Urängsten des Menschen, der Angst vor allem, was krabbelt, pikst und sticht, sprich vor Insekten und allerlei Ungeziefer: Im Frühsommer 2011 startete in Unterägeri eine Freiluftausstellung, für welche drei Künstlerinnen und Künstler plastische Beiträge lieferten. Sie installierten an mehreren Orten im Dorf überdimensionale Insektenskulpturen, hauptsächlich aus Metall, einige auch aus Holz. Eines der augenfälligsten Objekte war die Monstermücke vor der Ägerihalle von Sonja Knapp, die einen wesentlichen Teil ihres Schaffens den Insekten widmet. Riesenkäfer von derselben Künstlerin sorgten indes auch im Birkenwäldli für Aufsehen. Weiteres Getier tummelte sich an diversen anderen Standorten im Dorf.

Ein paar Ameisen sind geblieben

Die Insektenskulpturen in Unterägeri sorgten den Sommer über für Aufsehen – allerdings nicht nur für positiv konnotiertes: Wiederholt hatten stumpfsinnige Vandalen mehrere Objekte der Freiluftausstellung beschädigt, worauf die Aktion früher als geplant abgebrochen werden musste, ganz zum Bedauern der Organisatoren.

Dennoch sind ein paar der überdimensionierten Viecher im Dorf verblieben: Als hätte der Kammerjäger nicht ganze Arbeit geleistet, krabbeln bis heute fünf Riesenameisen die Fassade des Unterägerer Gemeindehauses auf der Seite zur Höfnerstrasse empor – als kleiner Konvoi. Sie bestehen aus Bronze und stammen von Jörg Rohner aus Sins. Als Goldschmied und Künstler fertigt er Insektenskulpturen aus Metall an, die eine Grösse von bis zu fünf Metern annehmen können. Für Rohner sind Insekten alles andere als kleine krabbelnde Dinge mit Ekelfaktor, sondern sie sind für ihn pure Faszination.

Ihre Schönheit, die sich insbesondere durch ihre Filigranität sowie Formenvielfalt und Dynamik zeigt, will er unterstreichen, indem er ihnen zur Überdimensionalität verhilft und so ihre Ästhetik sichtbar macht. Nicht zuletzt ergreift Jörg Rohner damit ein Plädoyer für die artenreichste Klasse der Tierwelt, welcher die Menschheit – getrieben von der eingangs erwähnten Urangst – häufig mit Ekel und Abscheu begegnet.

Tierchen mit starker Symbolik

Die fünf Ameisen an der Hausfassade in Unterägeri hat die Gemeinde 2011 im Nachgang zur Freiluftausstellung von Jörg Rohner angekauft. Sie sind Zeugnis der einstigen «friedlichen Invasion», die leider aus unschönen Gründen nicht so lange gedauert hat wie ursprünglich geplant. Immerhin dürften die fünf Tierchen in der Höhe des ersten Obergeschosses sicher vor Vandalenakten sein.

Die Ameise steht in abendländischen Kreisen übrigens symbolisch für den sprichwörtlichen Fleiss, aber auch für Disziplin, Klugheit und gute Organisation. Eigenschaften und Stärken, die in einem Gemeindehaus bestimmt nicht fehl am Platz sind.

Mit «Hingeschaut» gehen wir wöchentlich Fundstücken mit kulturellem Hintergrund und ­Zuger Bezug nach.