HINGESCHAUT: Und das ewige Licht leuchte ihnen... 

In christlichen Breitengraden lässt man für die Toten Lichter brennen. Auf Friedhöfen übernehmen sogenannte «Totenleuchten» diese Aufgabe. 

Andreas Faessler
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Die gotische Lichtsäule im ehemaligen Beinhaus auf dem Friedhof St. Michael ist von bemerkenswerter Machart.

Die gotische Lichtsäule im ehemaligen Beinhaus auf dem Friedhof St. Michael ist von bemerkenswerter Machart.

Bild: Stefan Kaiser (Zug, 14. Februar 2020)

Der Tod ist ein – vielleicht gar das grösste – Mysterium der Menschheit. Wer hinüber gegangen ist, der wird in vielen Kulturen in hohen Ehren gehalten. Es wird für ihn gebetet, auf dass seine Seele im Jenseits Heil erfahren und die ewige Ruhe finden möge. Die römisch-katholische Kirche begeht mit Allerseelen, dem Tag nach Allerheiligen, einen eigens den Toten gewidmeten Feiertag, an welchem die Heimgegangenen mit Blumen und Lichtern ins Zentrum der Andacht gerückt werden.

Freilich wird das Totengedenken nicht nur an diesem Tag, sondern das ganze Jahr über gepflegt. Seit Jahrhunderten bis heute ist es Brauch, für die armen Seelen ein Lichtlein brennen zu lassen. Sei es zu Hause oder auf den Gräbern – jeder kennt die gängigen Grabkerzen, meist mit rotem oder ockerfarbenen Zylinder aus Kunststoff und Blechhaube.

Man erhält sie heutzutage fast in jedem Supermarkt. Das Licht für die Verstorbenen ist seit jeher fester Bestandteil der liturgischen Totenmesse, wo es heisst: Requiem aeternam dona eis, Domine, et lux aeterna luceat eis / Herr, gib ihnen die ewige Ruhe, und das ewige Licht leuchte ihnen.

Klein und unscheinbar oder prächtig gestaltet

In Regionen, wo die Volksfrömmigkeit historisch stark gewachsen ist – beispielsweise in Österreich oder Bayern –, trifft man noch heute auf sogenannte Lichtsäulen, oft auch Totenleuchten genannt, welche den Verstorbenen kollektiv und segensreich ins Dunkel des Jenseits zünden. Manche sind von beeindruckender Grösse und prächtig gestaltet mit gotischem oder barockem Zierwerk, manche unauffällig und einfach, doch alle dienen ein- und demselben Zweck. Solche Totenleuchten stehen meist auf einem Gottesacker in der Nähe einer Kirche – oder sind gar Teil des Kirchengebäudes selbst.

Ein erwähnenswertes Exempel einer kleinen, unscheinbaren, bis heute genutzten Totenleuchte an einer Kirchenmauer findet sich an der Hauptfassade des Wiener Stephansdomes, vollkommen unauffällig in einem Mauerwinkel platziert. Von kaum einem der Tausenden Menschen, die täglich daran vorbeieilen, wahrgenommen, schimmert rund um die Uhr das diffuse Licht eines Kerzleins seitlich durch die kleine verglaste Luke. Weiss mans nicht, so würde mans niemals bemerken. Mancherorts wird die Funktion einer Totenleuchte auch von Friedhofskreuzen übernommen, so beispielsweise in Oberlunkhofen (AG).

Ein Licht für die Toten von Zug

Ein schönes Exemplar einer Totenleuchte im Kanton Zug steht im ehemaligen Beinhaus aus dem frühen 16. Jahrhundert auf dem Friedhof St. Michael. Es ist platziert im Inneren der spätgotischen Kapelle am Pfeiler zwischen den beiden spitzbogigen Zutritten. Die knapp 210 Zentimeter hohe Lichtsäule dürfte wie die Kapelle im Jahre 1513 errichtet worden sein – wohl von einem Steinmetz, der auch am Bau des Beinhauses beteiligt gewesen war.

Die gotische Säule war ursprünglich an der Wand gegenüber aufgestellt. Sie ist aus Sandstein gefertigt und von bemerkenswerter Machart, insbesondere deshalb, weil der verantwortlich zeichnende Steinmetz es fertigbringt, dass der quadratische Sockel elegant in eine runde, gewundene Säule übergeht, indem der ein prismatisch gegliedertes Zwischenstück mit dem Grundriss eines achtzackigen Sterns zurecht haut, aus dem schliesslich der runde Schaft hervorgeht.

Das Lichthäuschen mit Bleifenster-Öffnungen aus neuer Zeit auf drei Seiten ist kastenförmig und trägt ein Satteldach. Durchbrüche im Dach sorgen für den Hitzeabzug.

Modernisierter Betrieb

Noch immer erfüllt die Totenleuchte im Beinhaus St. Michael ihre Aufgabe und taucht die Halle nachts in einen dunkelgelblichen, stimmungsvollen, wenn auch leicht unheimlichen Schimmer. Der Betrieb erfolgt heute elektrifiziert: Anstelle einer Kerze brennt im Lichtkasten eine kleine Glühlampe.

Mit «Hingeschaut» gehen wir wöchentlich Fundstücken mit kulturellem Hintergrund und Zuger Bezug nach.

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Andreas Faessler