Hingeschaut: Ein historischer Zuger Brunnen neu interpretiert

HINGESCHAUT: Seit über 450 Jahren existiert in der Ober Altstadt eine Wasserstelle. Nachdem der Brunnen lange aus dem Stadtbild verschwunden war, entstand er neu und ist heute eines der wenigen modernen Gestaltungselemente im Altstadtkern.

Andreas Faessler
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Die moderne Metallkonstruktion lehnt formal an das historische Brunnenhäuschen des Sodbrunnens in der Ober Altstadt an. (Bild: Stefan Kaiser, Zug, 5. April 2019)

Die moderne Metallkonstruktion lehnt formal an das historische Brunnenhäuschen des Sodbrunnens in der Ober Altstadt an. (Bild: Stefan Kaiser, Zug, 5. April 2019)

Innerhalb des weitestgehend homogen mittelalterlichen Erscheinungsbildes der Zuger Altstadt sind augenscheinlich nur sehr wenige moderne Akzente auszumachen, welche die historischen Gassenfluchten durchbrechen oder schlimmstenfalls stören. Eines dieser neuzeitlichen Objekte fällt uns ins Auge, wenn wir am südlichen Zugang beim Turm der Liebfrauenkirche in die Ober Altstadt blicken: Rechts am Gassenrand, direkt an die Sohle des erhöhten Gehsteiges angefügt, erhebt sich baldachinartig ein Türmchen aus Eisen und Blech. Schlanke Säulchen tragen das sechseckige Zeltdach – errichtet worden ist die filigran wirkende Konstruktion im Jahre 1990.

Plötzlich aus dem Stadtbild verschwunden

Erst beim zweiten Blick wird der Betrachter auf die Basis aufmerksam, auf welcher der Baldachin steht. Beim gemauerten Sockel handelt es sich um einen alten Sodbrunnen, dessen Ursprünge mindestens ins 16. Jahrhundert zu datieren sind. Die bekannte, historisch bedeutende Chronik von Johannes Stumpf (1500-1577) zeigt in ihrem Erstdruck von 1547 genau an dieser Stelle ein kleines Gebäude in Form eines Rundturms mit einem bekrönenden Fähnchen. Es ist zweifellos davon auszugehen, dass es sich um den schützenden Deckaufsatz des bereits vorhandenen Brunnens handelt. Als bemerkenswert ist anzusehen, dass es neben dem Brunnen auf dem Hirschenplatz der einzige in der Stumpf-Chronik abgebildete Brunnen in der Stadt Zug ist. Die über ein Jahrhundert später erschienene Chronik von Matthäus Merian (1593-1650) weist unseren Sodbrunnen ebenfalls recht prominent aus, was darauf schliessen lässt, dass er eine wichtige Funktion im Altstadtverbund wahrnahm.

Auf dem Zuger Stadtplan von Landtwing und Klausner von 1770 taucht er hingegen nicht mehr auf. Vermutlich wurde der Brunnen im Verlaufe des weiteren 17. oder 18. Jahrhunderts wegen der verbesserten Wasserversorgung der Stadt nicht mehr verwendet und gar zugeschüttet.

Als man in den 1980er-Jahren im Zuge von Arbeiten am Fernheizungsnetz den Bodenbelag in der Ober Altstadt öffnete, stiess man knapp eine halbe Armlänge unter der Oberfläche auf die einstige gemauerte Öffnung des Brunnens. Die archäologischen Untersuchungen haben ergeben, dass es sich möglicherweise um einen Lauf- und nicht um einen Sodbrunnen im klassischen Sinne gehandelt haben könnte. Dessen ungeachtet, entschied man, den wiederentdeckten Brunnen zu «reanimieren», sprich ihn als solchen nicht zu rekonstruieren, sondern in moderner Manier neu anzulegen. Das Zuger Architektenbüro Bucher, Hotz & Burkart wurde beauftragt, den Brunnen in Anlehnung an sein Erscheinungsbild in der Stumpf-Chronik neu zu gestalten. Auf einem zusätzlichen Ring aus Sandstein steht die elegante Metallkonstruktion als neuzeitlich interpretiertes Brunnenhäuschen. Der Treppenaufgang zum Hochgehsteig ist Teil der neu entstandenen Brunnenanlage und erschliesst diese.

Einen besonderen Gedankengang mussten die Architekten hinsichtlich Wasserführung tätigen. Davon ausgehend, dass es sich nicht um einen Lauf-, sondern tatsächlich um einen Sodbrunnen gehandelt hatte, wollten sie das Wasser sicht- und erreichbar machen und es nicht – wie bei Sodbrunnen üblich – in der Tiefe belassen. Sie fanden die Lösung, indem sie einen glänzenden Zylinder aus Chromstahl anfertigten, welcher im übertragenen Sinne – oder als eine Art Negativ des Brunneninneren – das unterirdisch liegende Wasser ans Tageslicht holt. Es fliesst in einem zarten Film über die Ränder der Zylinderwand entlang nach unten.

Mit «Hingeschaut» gehen wir wöchentlich Fundstücken mit kulturellem Hintergrund und Zuger Bezug nach.