Hochhaus als Arroganz

Zum Artikel «Veränderung erzeugt Angst», Neue ZZ vom 14. Februar. Kurt Signer, Baar

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Die Stellungnahme von Kees Christiaanse zum Hochhaus erweckt mein Interesse. Als Angehöriger der ETH Zürich kenne ich Sie natürlich. Ich weiss, dass Sie die Bauten der ETH am Höngger Berg in der Manier eines römischen Kastrums zur Science City verdichten möchten, ich weiss auch, was Sie zu Hause in Holland gebaut haben. Da ist kein einziges Hochhaus dabei. Dafür haben Sie alte Industrieanlagen am Wasser in wunderschöne Lofts und Wohnungen umgebaut. Aber die Holländer bauen ja sowieso nur bedingt Wohnhochhäuser. Trotzdem leben fast 13 Millionen Holländer meistens in Reiheneinfamilienhäusern in der Randstadt, die höchstens 10 Prozent der Fläche der Schweiz entspricht. Und sie leben sehr gut dort. Hochhäuser gibt es nur in holländischen Millionenstädten. Das können wir in der Schweiz gar nicht bieten.

Das globalisierte Lustprinzip
Festzuhalten ist die Aussage, dass die Gebäudehöhe keine Frage der Dichte ist. Unsere Bauordnungen legen Dichten fest. Wie die Bebauung dann aussieht, ein einziges Hochhaus oder eine verdichtete Flachbausiedlung, hängt von den lokalen, sozialen und ästhetischen Wertsystemen ab. Sie kennen San Gimignano in der Toskana, wo die Höhe der Geschlechtertürme nur die (soziale) Potenz der einzelnen Geschlechter ausdrückte. Inzwischen ist auch dieses Lustprinzip globalisiert worden. Der Schweizer Ingenieur Santiago Calatrava möchte einfach das höchste Haus der Welt bauen, aber schon ist er wieder überholt worden durch ein 1,3 Kilometer hohes Haus. Da geht es gar nicht mehr um Rendite oder um Städtebau. Das Hochhaus ist keine raumplanerische oder wirtschaftliche Notwendigkeit mehr, es wird zur Arroganz. Wie das auch bei dem erwähnten Hochhauskonzept von Zürich der Fall ist. Nach allen Erfahrungen, die wir bisher mit Wohnhochhäusern gemacht haben, wissen wir, dass wohnphysiologisch und -psychologisch das Wohnen in den hohen Etagen nicht empfehlenswert ist. Die Reportagen mit den Bewohnern der Hard-Türme in Zürich sind durchwegs negativ und von Wohnängsten geprägt. Energetisch erfordert der Bau eines Hochhauses pro Kopf Einwohner das Vielfache eines 3-geschossigen Baus bei gleicher Dichte mit der gleichen Bewohnerzahl. Mit zunehmender Höhe nimmt dieser Energieverschleiss unproportional zu. Also von Nachhaltigkeit keine Rede. Vor vielen Jahren schon hat Ihr Kollege an der ETH, Professor Werner Jaray, die sprunghaft ansteigenden Aufwendungen der Infrastruktur bei hohen Dichten und Hochhäusern nachgewiesen, und Christopher Alexander in Berkley warnte vor den Baumstrukturen, was ja ein Hochhaus immer ist.

Kurt Signer, Baar