HOCHWASSER: Als der ganz grosse Regen kam

Verregnete Tage liegen hinter uns. Doch vor neun Jahren kam es noch viel schlimmer: Pro Quadratmeter stürzten damals innert kurzer Zeit 235 Liter Wasser vom Himmel. Entsprechend katastrophal sah es danach auch in unserer Region aus. Die Behörden haben aus der Katastrophe Lehren gezogen. Und gehandelt.

Christian Peter Meier
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«Ein Kanton steht unter Wasser»: Diese Schlagzeile wählte unsere Zeitung für die Ausgabe vom 23. August 2005 und kombinierte sie mit dieser Überschwemmungsszene aus Neuägeri. (Archivbilder Neue ZZ/Alexandra Wey)

«Ein Kanton steht unter Wasser»: Diese Schlagzeile wählte unsere Zeitung für die Ausgabe vom 23. August 2005 und kombinierte sie mit dieser Überschwemmungsszene aus Neuägeri. (Archivbilder Neue ZZ/Alexandra Wey)

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Das «Jahrhunderthochwasser» von 2005 mag andere Gebiete in der Schweiz und im restlichen nördlichen Alpenraum noch stärker getroffen haben. Doch auch in Zug führte die Naturkatastrophe zu massiven Schäden. Vor allem das Ägerital wurde arg in Mitleidenschaft gezogen. Die Schäden und die Lehren daraus haben seither im ganzen Kanton zu zahlreichen Massnahmen und Investitionen geführt. So mancher Bach erhielt wieder mehr Raum – für den Fall der Fälle. Und noch ist dieser Prozess längst nicht abgeschlossen (siehe Box).

«Norbert» brachte schwere Wolken

Es war ein Tief namens Norbert, das zu der Katastrophe führte. Norbert hing über der Adria und führte zwischen dem 20. und 23. August 2005 via Balkan, Österreich und Süddeutschland grosse Wassermengen an die Alpen heran. Hier entluden sich die Wolken. Es schüttete wie aus Kübeln. Von Freitag bis Montagabend fielen in Zug 235 Liter Wasser pro Quadratmeter. Schon eine Woche zuvor hatte eine ähnliche Wetterlage zu starken Regenfällen geführt und damit quasi den Grundstein zur späteren Katastrophe gelegt. Trotzdem trat das Hochwasser einigermassen unvermittelt auf. «Feuchte Luft liegt am Wochenende über der Schweiz. Regenschauer treten am Nachmittag oft auf», liess sich Meteorologe Jürg Kurmann am 20. August auf der Wetterseite unserer Zeitung zitieren. Von Panik oder auch nur Beunruhigung keine Spur.

Doch an jenem 20. August ging es dann eben los. Schon an diesem ersten Tag der Katastrophe – einem Samstag – gingen bei der Zuger Polizei 90 Schadensmeldungen ein. Keller und Garagen standen unter Wasser. Vorerst war vor allem Rotkreuz stark betroffen. Strassen mussten gesperrt werden. «Das abfliessende Wasser zog den Lebensmittelladen eines Grossverteilers in Mitleidenschaft», berichtete unsere Zeitung. Zahlreiche Bäche waren in den Talgemeinden über die Ufer getreten. Entsprechend standen die Feuerwehren von Risch, Hünenberg, Cham, Steinhausen, Baar und Zug mit einem Grossaufgebot im Dauereinsatz.

«Eine Katastrophe»

Doch es sollte noch schlimmer kommen. Am Sonntagabend begannen sich die Schadensmeldungen weiter zu häufen, und am Montag stand der halbe Kanton unter Wasser. «Was zuerst aussah wie eine garstige Wetterlaune, hat sich in eine Katastrophe verwandelt», stellte die damalige Chefredaktorin Gabrielle Keller fest. «Zwar dürfen wir dankbar sein, dass die Unwetter hier – im Gegensatz zum Entlebuch – bisher keine Menschenleben gefordert haben. Das ist nicht selbstverständlich angesichts der monumentalen Wassermengen, die Häuser, Scheunen, Wiesen, Fruchtbäume und Felder unter sich weggerissen haben. Die Schäden sind unermesslich, der Schrecken der Einwohner sitzt tief.»

190 Unterägerer evakuiert

Dramatische Worte für eine in der Tat dramatische Situation. In allen Zuger Gemeinden hatten mittlerweile übertretende Bäche und Erdrutsche für Zerstörung und Verwüstung gesorgt. Besonders arg war das Ägerital betroffen – ausgerechnet. Hatte doch schon zwei Jahre zuvor ein Unwetter Ober- und Unterägeri heimgesucht und dort Millionenschäden verursacht. Jetzt präsentierte sich die Lage allerdings noch fataler: Die Kantonsstrasse zwischen Zug und Oberägeri war an mehreren Orten verschüttet. Allein in Unterägeri zählte man 20 Erdrutsche. Der See war massiv über die Ufer getreten. Im Dorf mussten 190 Personen, darunter 57 Patienten der Klinik Adelheid, evakuiert werden. Eine Turnhalle der Schulanlage Acher wurde durch einen der Hangrutsche zerstört, zahlreiche Privathäuser nahmen Schaden. In Oberägeri wurde die Lagerhalle der Albisser Bau AG total zerstört. Mitten in Neuägeri wiederum stand das Wasser fast einen Meter hoch.

Rund um die Uhr im Einsatz

Zum Glück normalisierte sich die Lage im Kanton Zug innert vergleichsweise kurzer Zeit – nicht nur, weil der Regen stoppte, sondern auch dank der professionellen Bewältigung der Krise durch die Einsatzkräfte. Die Feuerwehren und Zivilschutzorganisationen standen rund um die Uhr im Einsatz. Die Zugerinnen und Zuger blieben denn auch ziemlich cool, wohl auch im Wissen, dass es andere noch härter getroffen hatte. Der Neuägerer Gartenbauer Karl Löhri brachte es vor seinem überschwemmten Geschäft folgendermassen auf den Punkt: «Ich habe im Fernsehen die Bilder vom Entlebuch gesehen. Da sind wir ja noch glimpflich davongekommen. Jetzt erwartet uns einfach eine Unmenge Arbeit.»

Der Zugersee verringert das Hochwasserrisiko

Nach den sich häufenden Überschwemmungskatastrophen der vergangenen Jahrzehnte hat auch der Kanton Zug viel Energie und Geld in den Ausbau des Hochwasserschutzes gesteckt. Dies, obwohl unser Kanton im nationalen Vergleich ein eher geringes und eher lokales Hochwasserrisiko zu tragen hat. Gemäss dem Zuger Baudirektor Heinz Tännler puffern der Zugersee und in geringem Umfang auch der Ägerisee die Abflüsse und wirken so als Rückhaltebecken. Überdies gibt es im Kanton nur eine beschränkte Anzahl von grossen Fliessgewässern mit entsprechend grossen Einzugsgebieten. «Die Reuss als grösster Fluss im Kanton Zug ist durch den Vierwaldstättersee bereits leicht vorreguliert. Selbstverständlich darf dabei der Zufluss der Kleinen Emme nicht vergessen gehen», schreibt Tännler. Darum sei die Baudirektion seit Jahren darum bemüht, die Reussdammsanierung auf der gesamten Strecke zum Abschluss zu bringen. «Dabei sind wir auf gutem Weg», so Tännler.

Lokale Schäden sind häufiger

Wahrscheinlicher sind in Zug allerdings Schäden, die sich aufgrund starker lokaler Regengüsse ergeben können. Es sind dann gemäss der Baudirektion kleinere und mittlere Fliessgewässer, die über die Ufer treten. Dabei sei das Schadenpotenzial volkswirtschaftlich betrachtet zwar geringer, weil die Schäden meist örtlich begrenzt auftreten. «Trotzdem sind sie für die Betroffenen äusserst unangenehm. Nicht zuletzt aus diesem Grund schenkt die Baudirektion beim Hochwasserschutz auch diesen mittleren und kleineren Fliessgewässern grosse Beachtung.»

Zahlreiche Projekte

Tännler und seine Fachleute sind überzeugt, dass die grössten Gefahren in diesem Bereich erkannt und viele Massnahmen bereits umgesetzt wurden. Neben der Reussdammsanierung hat bekanntlich die Lorze diverse Erneuerungen erfahren. So wurde der Fluss in zwei Bereichen aufgeweitet sowie durch eine Auenwaldlandschaft ergänzt. Bei folgenden Gewässern ist derzeit ein Hochwasserschutzprojekt geplant oder in Ausführung:

Littibach, Baar: Das rund 5 Millionen Franken teure Projekt wird diesen Herbst abgeschlossen.
Höllbach, Neuheim: Die Sanierung beginnt diesen Herbst. Die voraussichtlichen Kosten betragen 0,5 Millionen Franken.

Lutisbach, Ober- und Unterägeri: Das Bewilligungsverfahren läuft. Die Realisierung in Etappen erfolgt ab diesem Herbst. Die beiden Gemeinden beteiligen sich an den Kosten von 4 Millionen Franken.

Hinterburgbach, Neuheim: Das Vorprojekt steht. Die Ausführung ist ab 2016 vorgesehen.

Reussdammsanierung Reusshalde bis Zollhaus: Die Planung mit einer Begleitgruppe läuft. Es werden derzeit Varianten studiert.

Lorze–Letzi Zug: Derzeit wird in Absprache mit den SBB projektiert.
Kantonsstrassendurchlässe in den Ägerisee: Es laufen Kapazitätsberechnungen. Teilweise sind bereits konkrete Projekte vorhanden.