«Höhepunkt meines irdischen Daseins»

Gemeindepräsident Hotz besteigt als Andreas I. den Thron des Räbevaters. Lange Nächte sind programmiert.

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Räbevater Andreas. (Bild: Christof Borner-Keller/Neue ZZ)

Räbevater Andreas. (Bild: Christof Borner-Keller/Neue ZZ)

Samstagabend. Der mit bunten Ballons dekorierte Gemeindesaal ze alt fry Baar droht aus allen Nähten zu platzen, als Stefan Weber, Präsident der Fasnachtsgesellschaft, die Inthronisation von Andreas I. Hotz eröffnet. Mit den Worten: «Glaubt nicht alles, aber hinterfragt auch nicht alles», lässt er durchblicken, dass in den kommenden Stunden tüchtig geflunkert wird. Zeremonienmeister Urs Odermatt gibt dem noch amtierenden Räbevater Martin II. Neese unmissverständlich zu verstehen, dass seine Regentschaft nun endgültig abgelaufen ist. Schallendes Gelächter bricht aus, als Odermatt sagt: «Es braucht nicht noch mehr Baarer, die an ihrem Sessel kleben.»

Charmanter Zeremonienmeister
Neese versteht. Er bedankt sich poetisch für ein «wunderbares Amtsjahr» und verabschiedet sich, worauf Gemeindepräsident Andreas Hotz mit sichtlicher Freude und stolzgeschwellter Brust auf dem Thron des Räbevaters Platz nimmt. Der glänzend aufgelegte Zeremonienmeister Odermatt verrät mit Witz und Charme einige Sünden aus dem Leben des Gemeindeoberhaupts, ehe er ihm die Insignien des Räbevaters überreicht. Andreas I. Hotz verkündet daraufhin sein Motto «Hüt isch hüt, ond morn isch morn», ehe er sichtlich gerührt bemerkt: «Als Gemeindepräsident und Räbevater von Baar bekleide ich nun die zwei höchsten Ämter dieser Welt. Das ist der Höhepunkt meines irdischen Daseins.»

Grossartige Huldigungen
Insgesamt 19 Gruppen lassen es sich nicht nehmen, Räbevater Andreas I. Hotz und seiner Gemahlin Regula mit grossartigen Huldigungen die Ehre zu erweisen. Die ehrwürdige Gilde der Räbeväter wartet mit einer neuen Textversion des Liedes «Gilberte de Courgenay» auf, dessen Refrain «Das isch de Räbevater, de Baarer Hotzeplotz; er isch de Boss im ganze Land, de Räbevater Hotz. Das isch de Räbevater, de Baarer Hotzeplotz; er isch de Boss im ganze Land, de Andy Hotz» vom Publikum aus voller Kehle in den Saal geschmettert wird. Seine Familie überbringt dem Räbevater nützliche Utensilien, um die bevorstehenden langen Nächte unbeschadet überstehen zu können. Des Räbevaters Nachbarschaft von der Brugmatt bringt in der Kluft der Rittersleut den Zehnten. Auf Hotz TV 4 erküren die gemeindlichen Mitarbeiter ihren Chef in der Sendung «Andissimo» zum Sieger des Abends. Das Büropersonal von Hotz und Goldmann zitiert seinen Boss vors Jüngste Gericht. Der Eintritt in den Himmel wird Andreas I. erst gewährt, als er glaubwürdig versichert, in Baar trotz der Ämterkumulation keine Diktatur errichtet zu haben.

«Grüne» Freisinnige
Die vier Ehrendamen und der Sohn des Räbevaters verblüffen mit rockigen Liedern, die den Boss von seinem Thron reissen. Angeführt von Ständerat Rolf Schweiger und Regierungsrat Joachim Eder sorgen die liberalen Parteikollegen von Andreas I. für dezentes Schmunzeln, als sie mit Sonnenblumen in den Händen als «Grüne» auftreten. Remy Frick, der Zeremonius der Fasnachtsgesellschaft Faschall, Allenwinden, mit Ernst I. Andermatt und seinem Gefolge bringt den Saal mit subtilen Reimen und kecken Sprüchen zum Brodeln, ehe die Baarer Guggenmusig Belcantos auf eine wahrlich tolle Inthronisation das Sahnehäubchen setzt. Als sich Andreas I. unter sein Volk mischt, lässt sich erahnen, dass das Fest wohl bis in die frühen Morgenstunden andauern wird.

Regierungsrat Joachim Eder, der sich mit seiner Frau Rita vorzeitig auf den Heimweg begibt, zerstreut allfällige Ängste der Bevölkerung wegen der Ämterkumulierung. «Andreas Hotz wird seine Machtstellung nicht missbrauchen. Er wird sie gut zu meistern wissen, zumal das Amt des Räbevaters – das höchste Amt auf Erden – nur einmal und nur ein Jahr lang bekleidet werden kann.»

Martin Mühlebach