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HÜNENBERG: «Christsein ist keine Privatsache»

Die katholische Pfarrei Heilig Geist feiert ab heute ihr 40-jähriges Bestehen. Diakon und Gemeindeleiter Christian Kelter (46) erklärt, wie wichtig es ist, eine lebendige Kirche vorzuleben.
Gemeindeleiter Christian Kelter hat auch ein Herz für Fussball: Im Büro des Deutschen hängt ein Trikot des 1. FC Köln. (Bild Werner Schelbert)

Gemeindeleiter Christian Kelter hat auch ein Herz für Fussball: Im Büro des Deutschen hängt ein Trikot des 1. FC Köln. (Bild Werner Schelbert)

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Herr Kelter, mal ehrlich: Ist Ihre Kirche sonntags voll?

Christian Kelter: Ich bin eigentlich zufrieden mit dem Kirchenbesuch. In die beiden Messen am Samstag und Sonntag kommen zusammen etwa 400 bis 500 Gläubige. Das ist nicht schlecht. Die Kirche hat 600 Sitzplätze.

Das bedeutet doch aber unterm Strich, dass die Kirche zweimal nur mehr als halb voll ist. Oder halb leer...

Kelter: Das ist richtig. Aber wir haben in den letzten Jahren gute Erfahrungen gemacht mit den Weggottesdiensten, die jeweils einmal im Monat stattfinden und zu denen regelmässig zahlreiche Menschen kommen.

Weggottesdienste?

Kelter: Zu den Weggottesdiensten kommen Menschen, die gerade besonders intensiv auf dem Weg mit Gott sind. Weil sie sich auf ein Sakrament vorbereiten oder es schon empfangen haben. Also Erstkommunionkinder und ihre Familien, Firmlinge, Hochzeitspaare, Eltern, deren Kind getauft wurde ... Diese Gottesdienste sind sehr beliebt. Sie sind lebendig, und es hat sich schon eine Art Stammpublikum gebildet. Daneben schauen Leute auch einfach so mal rein.

Wie ich sehe, sind Sie ein leidenschaftlicher Fussballfan hinter Ihnen in Ihrem Büro hängt ein Trikot des 1. FC Köln. Warum sind Stadien immer voller und Kirchen immer leerer?

Kelter: Sport ist etwas, was die Herzen der Menschen berührt. Was Emotionen auslöst. Im Idealfall passiert das auch in der Kirche. Allerdings wird die Kirche hierzulande vielleicht als zu verkopft, zu institutionalisiert und zu unbeweglich wahrgenommen. Zu viele denken deshalb leider, dass der Glaube für ihr Leben nicht relevant ist. Wir in Hünenberg versuchen jedenfalls in unseren Gottesdiensten, Menschen im Herzen zu berühren.

Und Ihre Predigten sind ja auch nicht langweilig da Sie sich nicht scheuen, die lokale Politik zu kritisieren. Kommt das bei den Gläubigen an?

Kelter: Bei 99 Prozent der Gläubigen kommt das an. Übrigens auch bei Politikern. Die ermutigen mich oft, dass wir als Kirche mehr sagen sollen. Predigten sind ja wichtig, vielleicht eine Art Gradmesser für den Gottesdienst, für die Frage, ob die Botschaft auch ins eigene Leben eindringen kann. Tja, und die Bibel spielt eben nicht nur am Sonntag. Ihre Botschaft hat eine Relevanz für jeden Tag, für den ganz normalen Alltag. Christsein ist keine Privatsache, und Christentum dient nicht der persönlichen Wellness zu Hause. Wenn Christen sich mit ihrer Botschaft nicht ins konkrete Leben einmischen: Für was hat Jesus sie uns dann gegeben? Dann braucht es auch keine Institution Kirche mehr.

Sie scheinen in Hünenberg zweifellos den Ton der Gemeindemitglieder getroffen zu haben. Schliesslich sind Sie schon fast zehn Jahre hier. Was bedeutet es für die Gemeinde, das 40-Jahr-Jubiläum feiern zu können?

Kelter: Ich fühle mich hier wirklich sehr wohl. Man kennt sich, man grüsst sich auf der Strasse. Hünenberg ist eine junge Gemeinde auch altersmässig. Noch immer werden hier jährlich mehr Kinder getauft als Beerdigungen stattfinden. Früher mussten die Hünenberger nach Cham in die Kirche gehen – es gab lediglich die Filialkirche St. Wolfgang, wo hin und wieder Gottesdienste gefeiert wurden. Mit der neuen Pfarrei Heilig Geist und der Fertigstellung der Kirche 1975 können die Hünenberger nun ihren Glauben dort auch leben, wo sie wohnen. Das ist sehr wichtig. Wobei sich natürlich auch die Gemeinde fundamental verändert hat. Es sind nicht mehr nur allein die Bauern, die vor 50 bis 80 Jahren hier den Ton angegeben haben und heute immer noch hier leben. Zug ist ein globales Pflaster, ganz andere Menschen leben hier, das Leben ist bunter geworden.

Was bedeutet das für die Seelsorge?

Kelter: Das christliche Leben hat einen wichtigen Stellenwert um Menschen zu beheimaten, auch geistig. Wir prägen als Pfarrei das Dorfleben. Man darf auch nicht vergessen, dass die Gottesdienste noch immer zu den bestbesuchten Veranstaltungen an den Wochenenden hier gehören. Wir wollen beim Jubiläum, das unter dem Motto «Kirche in Bewegung» steht, über Pfingsten deshalb einerseits einen festlichen Gottesdienst unter Mitwirkung des Kirchenchors feiern, andererseits mit Theater und Musik für Jung und Alt viel Zeit zur Geselligkeit und zur Begegnung bieten. Wir wollen Menschen in Bewegung bringen. Wir wollen das feiern, was wir sind!

An welche Highlights in der Gemeinde können Sie sich erinnern?

Kelter: Wie viel Zeit haben Sie? Im Ernst: In unserer Kirche steht in diesem Monat eine grosse Himmelsleiter. Dass sich Himmel und Erde berühren, darum geht es uns. Immer wenn das passiert, dann ist das für mich ein Highlight. Wenn ich zum Beispiel im Gottesdienst ermutige, dass wir bereit sein müssen, Fremde aufzunehmen und sich im Anschluss spontan 25 Personen melden, mit mir eine Gruppe zu bilden, die alle Flüchtlinge in Hünenberg willkommen heisst und ihnen hilft, sich zu integrieren. Dann ist das für mich so ein Highlight, wo sich Himmel und Erde berühren.

Das hört sich schön an, aber die Kirche sorgt durch ihre Dogmen bei modernen Menschen immer wieder für Konflikte. Wie stehen Sie denn zum Papst und zum Zölibat?

Kelter: Ich denke, in Europa sollte der Zölibat ohne Wenn und Aber freigestellt werden. Was den Papst betrifft, ist dieser zwar mein oberster Dienstherr, aber in der realen Seelsorge sind die Hierarchien viel flacher. Ich fühle mich bei meiner Arbeit in Hünenberg frei und keineswegs gegängelt. Gleichzeitig empfinde ich Papst Franziskus als Hoffnungs- und Sympathieträger in der katholischen Kirche. Er ist jemand, der den Konsens sucht, und er hat bereits viel ins Rollen gebracht, was nicht mehr umkehrbar ist.

Und wie sehen Sie Ihre Rolle als Gemeindeleiter? Sind Sie noch der klassische Dorfpfarrer?

Kelter: Ich muss jeden Tag daran hart arbeiten, damit ich als Diakon und Gemeindeleiter glaubwürdig bin und bleibe. Im Sinne der Bibel, und das heisst auch im Umgang mit meinem Team und anderen Menschen. Dabei sagen Taten immer mehr als Worte. Ich bin nicht der Superchef und möchte das auch nicht sein, sondern will auch Schwächen zeigen und andere motivieren, Dinge zu tun, die sie besser können als ich. Ich mag diese abgehobene Pfarrerrolle eigentlich nicht. Ich sehe mich auch nicht als moralische Instanz oder gar als Richter: Meine Aufgabe besteht darin, Menschen mit Gott in Berührung zu bringen. Und klar fühle ich mich dabei als öffentliche Person. Ich gehe gerne zu den Menschen. Auch über die Pfarreigrenzen hinaus. Kirchliches Leben ist längst schon global.

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