HÜNENBERG: Eine Sonntagspredigt sorgt für Wirbel

Wie politisch darf ein Pfarrer sein? Diese Frage wirft eine Predigt auf, in der am Wochenende ein Zuger Regierungsrat kritisiert wurde.

Drucken
Teilen

«Das lässt tief blicken. Das spricht von einer Müdigkeit, sich mit der Zeit und ihrer Unübersichtlichkeit ernsthaft und dauerhaft auseinanderzusetzen.» Mit diesen Worten greift Christian Kelter, Gemeindeleiter der Heilig-Geist-Pfarrei in Hünenberg, in seiner Predigt am vergangenen Wochenende einen Zuger Regierungsrat an. Genauer gesagt: Landammann Beat Villiger von der CVP. Hintergrund für die Predigt: Villigers enttäuschte Reaktion auf die Kritik der Grünen zur Wahl Glencores als Sponsor für die Tour de Suisse (wir berichteten).

Regierungsrat war informiert

«Da war ich dann zuerst erschrocken, dass ein Zuger Regierungsrat – wie diese Woche in der ‹Neuen Zuger Zeitung› berichtet – auf die Kritik, dass ein umstrittener Rohstoffhändler nun Sponsor einer Radsportveranstaltung wird, antwortet, er sei ‹enttäuscht darüber, dass ständig alles hinterfragt wird› (...), heisst es in der Predigt Kelters. «Das wäre nämlich das Ende, nicht mehr alles hinterfragen zu dürfen: Das wäre dann nicht nur eine Beleidigung für jeden denkenden Menschen, das wäre dann auch eine Beleidigung Gottes.» Denn, so Kelter weiter: «Wer, wenn nicht wir Christen, sollten denn das Leben immer wieder hinterfragen, korrigieren und ausrichten an dem, was wir vom Evangelium verstanden haben?»

Eine mutige Predigt. Oder doch nicht? Vreni Wicky, CVP-Politikerin und Kirchgängerin, spricht in einem Leserbrief von «linker politischer Indoktrination». Hat der Hünenberger Gemeindeleiter seine Kompetenz als Seelsorger missbraucht und die Trennung zwischen Staat und Kirche verletzt? «Über das Leben und den Glauben darf ich immer sprechen», ist Kelter überzeugt. «Und ich hatte bis auf eine negative nur positive Rückmeldungen von den Gemeindemitgliedern nach dem Gottesdienst», versichert er. Er sei in seiner Auslegung des Evangeliums zur Tempelausräumung durch Jesus und den daraus für die Gläubigen zu schliessenden ethischen Verhaltensweisen eben auf dieses negative Beispiel gestossen. «Ich habe aber vorher Beat Villiger über meine Predigt informiert und gefragt, ob dies so o. k. sei.» «Das darfst du machen», habe ihm der Landammann geantwortet.

«Weder schlimm noch irgendwas»

Zugs katholischer Dekan Alfredo Sacchi findet es «weder schlimm noch irgendwas», dass der Hünenberger Geistliche in seiner Predigt das «Kritische» so betonte. Zudem sei es super und fair, wenn Kelter den Zuger Regierungsrat im Vorfeld darüber informiert habe. «Ich persönlich hätte so etwas nicht in eine Predigt eingebaut», sagt Sacchi aber. Wobei er gleichzeitig einräumt, dass Pfarrer im Prinzip in allem, was sie predigten, «politisch sind, wenn sie Gläubigen etwas über christliche Verhaltensweisen und ethische Schlussfolgerungen erzählen wollen». Und schliesslich sage man ja auch schon etwas, wenn man nichts sage. Eine fast philosophische Betrachtung.

Pfarrern fehlts an der Kompetenz

Auch Zugs CVP-Politiker und Nationalrat Gerhard Pfister ist überzeugt, dass Pfarrer in der Predigt über Politik sprechen könnten. «Natürlich dürfen sie das», so der konservative Politiker. Allerdings fehle es Pfarrern andererseits eben an der politischen Kompetenz. Will heissen: Man dürfe aus den normativ-ethischen Vorgaben der Bibel keine «konkreten Handlungsanleitungen» für die Politik ableiten. «Man muss aufpassen, zu glauben, Christen seien a priori bessere und kompetentere Menschen. Es ist zwar wichtig, an was man glaubt, aber viel wichtiger ist es, was man konkret in der Politik macht», stellt Pfister klar. Und da ist für den Oberägerer beispielsweise der gesellschaftliche Wohlstand in der Schweiz Ausweis genug für eine christliche Politik. «Das C in unserem Parteinamen bedeutet nicht, dass wir die bessere Moral haben als andere, sondern dass wir uns zur christlichen Prägung und zur christlichen Kultur des Abendlands bekennen.» Aber was heisst das «C» konkret – im Fall Glencore etwa? «Ich werde mich als Politiker hüten, eine Firma moralisch zu beurteilen. Ausserdem unternimmt Glencore für das Wohl von Millionen von Minenarbeitern deutlich mehr – wenn man sie mit den Lebensbedingungen der 300 Millionen anderen, freien Minenarbeiter vergleicht.»

«Wenns ums Leben geht, dann ja»

Doch zurück zur Kanzel in der Kirche. Urs Stierli, Gemeindeleiter in der katholischen Pfarrei in Oberägeri, würde «grundsätzlich nicht über jedes aktuelle politische Ereignis» predigen. «Wenn es allerdings um das Leben und die Würde des Menschen geht, wie etwa um das Thema Sterbehilfe, würde ich darüber predigen», so Stierli. Für ihn ist es wichtig, dass Gläubige auch Gelegenheit haben, mit ihrem Seelsorger über Strittiges zu diskutieren. «Andererseits ist es halt auch wichtig, wie man etwas sagt.»

Das sieht auch Jürg Rother so. Gemäss dem engagierten Pfarrer der reformierten Kirche im Bezirk Ägeri hat sich der Hünenberger Gemeindeleiter «absolut sauber» verhalten. «Wenn er den Regierungsrat vorher informiert hat, muss dieser das aushalten», so der Reformierte. Er persönlich würde im Fall von politischer Kritik eher nicht «auf den Mann spielen». Dass Glaube und Kirche aber nur für die Privatsphäre gedacht seien, verneint er: «Religion ist klar etwas Öffentliches.»

Wolfgang Holz

Hinweis

Besagte Predigt ist online abrufbar: www.pfarrei-huenenberg.ch/pfarrei/predigten