HÜNENBERG: «Ich habe grosses Glück»

100 Jahre alt und noch richtig vif: Alice Weibel durfte gestern einen besonderen Geburtstag feiern – in ihren eigenen vier Wänden, in denen sie nach wie vor lebt und den Haushalt allein führt.

Rahel Hug
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Die Jubilarin Alice Weibel nimmt Gratulationen von Bürgerrat Bruno Werder und Bürgerschreiberin Patricia Diermeier entgegen. (Bild: Stefan Kaiser (Hünenberg, 3. August 2017))

Die Jubilarin Alice Weibel nimmt Gratulationen von Bürgerrat Bruno Werder und Bürgerschreiberin Patricia Diermeier entgegen. (Bild: Stefan Kaiser (Hünenberg, 3. August 2017))

Rahel Hug

rahel.hug@zugerzeitung.ch

Schon die bunt geschmückte Eingangstür weist darauf hin, dass es an der Alten St.-Wolfgang-Strasse 10 in Hünenberg etwas zu feiern gibt. «100 Jahre Alice – Herzliche Gratulation» steht auf einem Banner zwischen vierblättrigen Kleeblättern und umrahmt von Ballonen. Im Innern des Hauses trifft man auf eine gemütliche Runde – und mittendrin nimmt die Jubilarin zufrieden Glückwünsche und Geschenke entgegen, vor ihr auf dem Tisch steht ein Glas Prosecco.

Dass Alice Weibel bereits 100 Jahre alt ist, sieht man ihr nicht an. Als Nichtmitglied der Familie und des einige Jahre jüngeren Bekanntenkreises fällt es einem sogar schwer, sie in der Gruppe auszumachen. Doch nicht nur ihr ­Erscheinungsbild lässt sie jünger wirken, als sie tatsächlich ist. ­Alice Weibel lebt seit dem Tod ihres Mannes im Jahr 1974 allein und kümmert sich nach wie vor selbstständig um den Haushalt in den eigenen vier Wänden. «Ich habe grosses Glück», sagt die zierliche Frau mit dem wachen Blick. «Manchmal kann ich es selber fast nicht glauben.» Vielleicht liege es an den Genen, schiebt sie nach. Ihre Mutter sei fast 103 Jahre, ihre Schwester 99 Jahre alt geworden.

Viele Stationen im Leben

Alice Weibel blickt auf bewegte 100 Lebensjahre zurück. Von Zürich, wo sie geboren wurde, zog es sie der Liebe wegen zunächst nach Vitznau, dann nach Cham, nach Rheinfelden und schliesslich nach Hünenberg, wo sie mit ihrem Mann – einem Hünenberger Korporationsbürger – und den drei Kindern 1953 das Haus an der Alten St. -Wolfgang-Strasse bezog. Ihr Gatte hatte damals die heutige Schreinerei Weibel übernommen. «Es war keine einfache Zeit für uns», blickt Alice Weibel zurück. «Wir mussten die veralteten Maschinen der Schreinerei ersetzen und gleichzeitig in unser Haus investieren.» So habe es zum Beispiel in der Toilette keine Spülung gegeben und in der Küche lediglich ein Loch im Boden, das als Kochstelle diente.

Diese Zeiten sind vorbei. Heute gibt es automatische Waschmaschinen, Staubsauger, Mixer – alles Dinge, die in Alice Weibels Jugend keine Selbstverständlichkeit oder gar noch nicht erfunden waren. «Die rasante technische Entwicklung und die ganze Digitalisierung, das hat mir schon Eindruck gemacht», stellt die Jubilarin fest.

Alice Weibel hat viel von der Welt gesehen. Ungarn, China, Russland und Amerika bereiste die vife Seniorin. «Als ich angefragt wurde, ob ich auf eine Reise des Schreinermeisterverbandes mitkommen wolle, sagte ich kurzerhand zu. Den Reisepass, der mir dafür ausgestellt wurde, habe ich danach bei jeder Gelegenheit genutzt», erzählt sie mit einem Schmunzeln. Nach Hünenberg kam sie immer wieder gern zurück. «In Russland etwa habe ich gesehen, wie die Leute für Brot und Milch anstehen mussten. Man merkt nach solchen Reisen, wie gut man es zu Hause hat. Ich fühle mich sehr wohl hier.» Alice Weibel hat das Dorf in den 1950er-Jahren erlebt, als es noch rund 1500 Einwohner zählte. Heute sind es fast 10 000. «Früher standen hier nur wenige Häuser und einige Höfe – rundherum war alles grün», sagt sie und lässt den Blick aus dem Küchenfenster schweifen.

Zweimal pro Woche wird gejasst

Zu den grossen Hobbys der Hünenbergerin gehört das Jassen. Zweimal pro Woche trifft sie sich mit Freundinnen auf einen Schieber, sei es im «Degen», im «Lindenpark» oder in der eigenen Stube. Alice Weibel hat elf Enkel und 15 Urenkel – das jüngste Urgrosskind kam am 1. Juni zur Welt. «Ich muss jeweils kurz überlegen, doch ich kenne alle beim Namen», erzählt sie lachend. Nachdem gestern zahl­reiche Bekannte aus dem Dorf zu Besuch kamen, wird Alice Weibel am Sonntag im Kreise ihrer Familie im «Raben» in Cham noch einmal feiern. Einen besonderen Geburtstagswunsch hat Alice Weibel nicht. Sie sagt: «Ich bin wunschlos glücklich.»