HÜNENBERG: «Mir ist der kommerzielle Erfolg egal»

Sechs Bücher in acht Jahren: eine Bilanz, die sich sehen lassen kann. In seinem jüngsten Roman taucht Carlo von Ah (73) in die Kriegswirren Indochinas ein.

Interview Wolfgang Holz
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Carlo von Ah fand erst als Pensionär zum Bücherschreiben. (Bild Romano Cuonz)

Carlo von Ah fand erst als Pensionär zum Bücherschreiben. (Bild Romano Cuonz)

Carlo von Ah, Sie sind für viele Zuger vor allem ein Begriff in Sachen Krimis. Neuerdings haben Sie ein anderes Faible entwickelt. Wie kommt das?

Carlo von Ah: Also ich habe ja schon meine Krimis nicht nur auf Pulverdampf, Blut und Killer gestylt. Schon immer habe ich gleichzeitig versucht, meinen Lesern eine zeitgeschichtliche Botschaft zu vermitteln. In die Psyche meiner Protagonisten einzutauchen. Damit etwas aus einer bestimmten Zeit an die Oberfläche kommt. Doch in der jüngsten Vergangenheit ist mir die Lust am Krimischreiben etwas abhandengekommen. Wenn ich so sehe, was da heute alles an Krimis auf den Markt kommt, habe ich den Eindruck, dass dieses Genre ein bisschen zur «Schmuddelecke» der Literatur geworden ist …

… weil Krimis aufgrund des roten Fadens der Handlung halt auch zum einfacheren Gewerbe des Schreibens zählen …

von Ah: … zum vermeintlich einfacheren Gewerbe. Nein, ich habe seit meinem vorletzten Buch «Der letzte Schnitt», in dem es um die letzte Hinrichtung 1940 in der Schweiz durch die Guillotine geht, mehr Gefallen am historischen Roman gefunden. Dieser spielt ja in Sarnen und in Zug. Beim Wälzen in den trockenen Akten, unter anderem im Zuger Staatsarchiv, habe ich mich hineinversetzt in die schwierige Situation der Personen, die darüber zu entscheiden hatten, ob die Hinrichtung überhaupt noch durchgeführt werden soll – zu einem Zeitpunkt, als die Aufhebung der Todesstrafe bereits beschlossene Sache war.

Wie geraten Sie nun plötzlich mit Ihrem neuesten Buch «Durch Dschungel und Intrigen – Ein Innerschweizer in Indochinas Kriegswirren» auf die Fährte des Sarners Oberst Hans Imfeld? Dieser wurde ja am Ende seiner kolonialen Militärkarriere von einem Attentäter im Auftrag von Ho Chi Minh in Saigon 1947 ermordet. Eine irre Geschichte.

von Ah: Ich kannte zwei der drei Imfeld-Brüder aus Obwalden persönlich. Alle drei waren irgendwie verrückte Vögel. Anton, der Mittlere der drei, war ein Abenteurer, der unter anderem im Kongo lebte, eine Laotin geheiratet hatte und den mein Vater zu uns nach Hause einlud, wenn er mal wieder von seinen Grosswildjagden auf Stippvisite in die Heimat zurückkehrte. Carlo war Steuerverwalter in Sarnen und während des Weltkriegs beim IKRK tätig. Hans, den Ältesten, kannte ich zwar nicht, erlebte aber als Neunjähriger seinen Begräbniszug über den Brünig mit. Über einige Fotos im Nachlass meines Vaters bin ich schliesslich wieder auf ihn aufmerksam geworden.

Aber wie konnten Sie das Leben dieser schillernden Person in Indochina so detailliert nachzeichnen?

von Ah: Ich kramte im Obwaldner Staatsarchiv und stiess auf drei Kisten mit bislang noch nie ausgewertetem Material. Dieses hatte Bruder Carlo wohl vor seinem Tod übergeben. In den Kisten fanden sich neben Zeitungsausschnitten von der Ermordung Imfelds auch vier Tagebücher des Obersts, der in die französische Kolonialarmee eingetreten war und für die er 1938 nach Aufenthalten in Tunesien und Syrien nach Indochina ging. Dort flüchtete er nach der Niederlage Frankreichs gegen die Japaner mit mehreren Kampfgefährten durch den Dschungel. Just in diesem Moment setzen die Einträge in den Tagebüchern ein, die rund 800 Seiten umfassen, die Imfeld aber in einer Geheimschrift abgefasst hat.

Und Sie konnten diese tatsächlich entziffern?!

von Ah: Ja, es handelte sich um eine spezielle deutsche Stenografie-Schreibweise, die ich nach langem Herumprobieren und dank meinen Stenografie-Kenntnissen zu entschlüsseln vermochte. Wobei Imfeld phonetisches Französisch schrieb – zum Beispiel «beaucoup» als «bocu». Neben der mühseligen Dekodierung dieses Tagebuchs recherchierte ich in Büchern aus Antiquariaten in Paris und in New York weitere geschichtliche Details über diese Epoche, um möglichst genau herauszufinden, in welcher Zeit der Obwaldner Militär wirklich gelebt hatte. In Genf spürte ich die Nichte mit einem wahren Schatz an Dokumenten, Fotos und den originalen Medaillen von Hans Imfeld auf. Und in Paris habe ich den langjährigen Kampfgefährten Jean Ber­thier, der nun 93 Jahre alt ist, getroffen. Das war wirklich eine sehr spezielle Begegnung.

Wow! Da war das Recherchieren ja fast spannender als das letztendliche Schreiben des Romans?

von Ah: Es war beides spannend. Im Januar dieses Jahres bin ich übrigens nach einer letztjährigen Reise nach Laos noch nach Vietnam gereist, um mir die Schauplätze mit eigenen Augen anzuschauen. Das war sehr eindrücklich, und man trifft dort wirklich auf unglaubliche Schicksale. Wobei die jüngeren Leute sich in Vietnam gar nicht mehr an den Krieg erinnern können oder wollen und sagen: «We dont know, we are a new generation.» Und an jedem Kiosk kann man noch immer mit Dollars bezahlen. Ein faszinierendes Land.

Kommen wir mal zurück nach Zug und Hünenberg. Wie haben Sie eigentlich als Mann der Wirtschaft, als studierter Ingenieur und Ökonom, aus der Welt der Zahlen überhaupt die Welt der Buchstaben lieben gelernt?

von Ah: Ich bin schon von jung auf ein unglaublich intensiver Leser gewesen. Ich habe ein Riesenspektrum an Gebieten, die mich interessieren. Auch im naturwissenschaftlichen Bereich. Ich schaue mir zum Beispiel mit einem Teleskop auch den Sternenhimmel an und vertiefe mich in die damit verbundenen Wissenschaftsgebiete.

Gut. Aber das prädestiniert einen ja noch nicht zur Leidenschaft und vor allem zur Könnerschaft des eigenen Schreibens.

von Ah: Als ich einmal in den Ferien einen sogenannten Bestseller gelesen habe, den ich als billigen Schrott empfand, stach mich der Gedanke, selber einen Roman zu schreiben. Und zwar besser. Ich wollte wissen, ob ich überhaupt eine Geschichte mit 200 Seiten zu erzählen vermag. Es ging. Schliesslich habe ich immer mehr Spass daran gefunden zu schreiben, nicht zuletzt aufgrund positiver Rückmeldungen von Lesern.

Dabei – das ist ja das eigentlich Erstaunliche an Ihrem literarischen Palmarès – schreiben Sie ja noch gar nicht so lange?

von Ah: Ich habe erst nach meinem Übergang in den Ruhestand mit 65 begonnen zu schreiben. Inzwischen sind es in acht Jahren sechs Bücher geworden …

… eine sehr beachtliche Leistung.

von Ah: Ja, ich bin sehr zufrieden mit dieser Bilanz. Wobei mir der kommerzielle Erfolg eigentlich ziemlich egal ist. Ich lebe von der Begeisterung meiner Leser. Seit ich schreibe, gehe ich auch ganz anders durch die Welt.

Wie meinen Sie das?

von Ah: Ich beobachte gerne Menschen und könnte zum Beispiel stundenlang in einem Strassencafé sitzen und Passanten zuschauen. Ich gehe auch gerne auf den Friedhof des Dorfs meiner Jugend, weil für mich ein Friedhof lebt – vor lauter Geschichten, die da zu entdecken sind. Ich glaube, dass ich früher sterbe, als mir der Stoff für Bücher ausgehen wird. Ich sehe es auch so, dass ich – wie jeder Mensch – mit einem ganzen Spektrum von Talenten auf die Welt gekommen bin, im Beruf nur einen kleinen Teil davon kultiviert habe und mir jetzt die Musse geschenkt ist, noch Brachliegendes zu entwickeln. Aber das ist etwas, das andere im fortgeschrittenen Alter auch machen können.

Könnten Sie sich auch mal vorstellen, einen historischen Roman über Zug zu schreiben?

von Ah: Im Buch «Der letzte Schnitt» kommt wie gesagt auch Zug vor. Grundsätzlich würde ich keine Biografien über lebende Personen schreiben – da ist die Gefahr der Kommerzialisierung dann zu gross. Auch würde ich mich nicht gerne instrumentalisieren lassen und keine Liebesdienerei betreiben. Aber wenn ich auf eine interessante Zuger Persönlichkeit stossen würde, könnte ich mir so etwas allenfalls vorstellen. Schliesslich ist es immer sehr spannend, wenn sich Geschichte in Personen einer bestimmten Epoche widerspiegelt. Generell interessieren mich die Schicksale sogenannter Normalbürger aber mehr als hochdekorierte Personen.

Das hört sich so an, als hätten Sie das nächste Buch schon im Kopf? Können Sie uns wenigstens das Thema verraten?

von Ah: Es könnte wieder eine verrückte Soldatengeschichte sein. Von einem Schweizer, einem Nachfahren von Bruder Klaus von der Flüe, der die napoleonischen Kriege mitgemacht hat und als einer der wenigen Schweizer den Russlandfeldzug überlebt hat. Aber da bin ich erst am Recherchieren. Es könnte aber auch eine der anderen Geschichten sein, die in meinem Kopf gären.

Hinweis

Das neueste Buch von Carlo von Ah, «Durch Dschungel und Intrigen – Ein Innerschweizer in Indochinas Kriegswirren», ist im Verlag Martin Wallimann erschienen (ISBN 978-3-905969-30-6) und kostet 29 Franken.