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HÜNENBERG: Zwei Zuger Herzen schlagen für Afrika

Vreny und Richard Balmer leisten seit 40 Jahren Freiwilligenarbeit beim Aufbau von Schul- und landwirtschaftlichen Projekten in Tansania. Für den Bau einer Mädchenschule erhielten sie dieses Jahr von der Gemeinde einen Beitrag von 6000 Franken.
Richard Balmer beteiligte sich massgebend am Aufbau mehrerer Landwirtschaftsbetriebe und Schulen in Tansania. Seine Frau Vreny kümmerte sich als Familienhelferin um Mütter und ihre Kinder. (Bild: PD)

Richard Balmer beteiligte sich massgebend am Aufbau mehrerer Landwirtschaftsbetriebe und Schulen in Tansania. Seine Frau Vreny kümmerte sich als Familienhelferin um Mütter und ihre Kinder. (Bild: PD)

Cornelia Bisch

cornelia.bisch@zugerzeitung.ch

Es dauerte mehrere Wochen, bis Vreny Balmer in ihrer neuen Heimat Tansania, in die sie 1974 als junge, frischgebackene Ehefrau ihrem Mann Richard gefolgt war, endlich ein frisches Ei in die Hände bekam. Es war ihr aufgefallen, dass die einheimischen Hausfrauen immer einen Topf mit Wasser im Eingang stehen hatten. Der Zweck dieses Behälters erschloss sich ihr jedoch erst, als sie einige Brocken Kisuaheli gelernt hatte. «Wenn die Kinder an die Tür kamen, um Eier vom Hof zu verkaufen, legten die Frauen sie ins Wasser und kauften nur jene, die auf den Grund des Behälters sanken», erzählt die pensionierte Hünenbergerin lachend. Schwammen die Eier, waren sie nicht mehr zu gebrauchen. Die Kinder hatten schnell bemerkt, dass der Wassereimer bei Balmers fehlte, und verkauften der weissen Frau ausschliesslich die übrig gebliebenen Eier, mit oder ohne Kücken.

Solcherlei Eingewöhnungsschwierigkeiten gab es einige im kleinen Dorf Sofi im Distrikt Mahenge. Für Richard Balmer war es bereits der zweite mehrjährige freiwillige Einsatz im Vertrag mit der Hilfsorganisation Interteam Schweiz. Er sprach fliessend Kisuaheli und kümmerte sich vor allem um seine landwirtschaftlichen Projekte, während seine Frau versuchte, in ihrer neuen Umgebung klarzukommen. «Er hat mir viel zugemutet», stellt sie nüchtern fest. «Es war hart für mich, und manchmal gab es Tränen.» Vreny Balmer blieb die Fremde, bis ihr erstes Kind Thomas zur Welt kam. «Plötzlich hatte ich einen Berührungspunkt mit den Frauen vom Dorf», erzählt sie. Als sie mit dem Säugling zurückkehrte, war sie Mama Thomas und fortan festes Mitglied der Dorfgemeinschaft. «Das bedeutete, dass nicht nur mein Mann und ich ein Kind bekommen hatten, sondern das ganze Dorf.» Ihr kleines Haus wurde 24 Stunden am Tag belagert von Besuchern und Gratulanten, eine enorme Belastung für die junge Mutter. «Aber sie wären auch für uns durchs Feuer gegangen», betont sie. Vreny Balmer arbeitete danach als Familienhelferin, Ernährungs- und Mütterberaterin und versuchte, den Frauen und Kindern mit einfachsten Mitteln das Leben zu erleichtern.

Derweil baute Richard Balmer als ausgebildeter Landwirt und Tropenagrotechniker mit Lehrerpatent in einer Missionsstation im Wirkungsgebiet der Kapuziner und Baldegger Schwestern eine landwirtschaftliche Schule auf. In dieser wurden einerseits junge Berufsleute ausgebildet, der Betrieb versorgte aber auch die gesamte Missionsstation, inklusive Schule und Spital, mit Lebensmitteln.

Erst beobachten, dann handeln

«Als ich zum ersten Mal nach Tansania kam, brauchte ich ein Jahr Zeit, um mich einzuleben und zu beobachten», erzählt Balmer. Er studierte die Arbeitsweise der Einheimischen, ihre Traditionen, ihren Glauben und die Sprache. «Ich sprach kein Englisch, also lernte ich direkt Kisua­heli», sagt er schlicht. Nach diesem Jahr versuchte er, langsam und massvoll Neuerungen vorzuschlagen, mehr Effizienz in die Arbeitsabläufe zu bringen und neue Produkte anzupflanzen. «Ich pflanzte Tausende von Laub-, Orangenbäumen und Bananenstauden», erzählt er. «Sie gediehen prächtig, brachten Abwechslung auf die Speisekarte und sicherten die Lebensgrundlage der Dorfgemeinschaft.»

Als ihr Sohn zweieinhalb Jahre alt war, beschloss die kleine Familie, in die Schweiz zurückzukehren. «Unsere Vertragszeit ging dem Ende entgegen», erzählt Vreny Balmer. «Es fiel uns nicht leicht. Aber wir entschieden im Interesse der Familie.» Geld hatten die beiden in Afrika keines verdient. Ihr Mann fand eine Stelle auf dem Versuchsgut der ETH Chamau in Hünenberg, wo die bald fünfköpfige Familie einige Jahre lebte. Später war er als Hauswart an der Oberstufenschule in Hünenberg tätig. Tansania war aber nicht vergessen. Wann immer möglich, bereisten Richard und Vreny Balmer das afrikanische Land und halfen aus, wo immer Not herrschte. In zahlreichen Schulprojekten in Hünenberg berichtete der Hauswart über seine Arbeit in Tansania, sammelte Geld und nahm Freiwillige mit auf Einsätze. «Die Flugtickets bezahlten wir immer selbst. Sämtliche Spenden kamen den Projekten vollumfänglich zugute.»

Internatsschule für 200 Mädchen

Für seinen unermüdlichen Einsatz erhielt Richard Balmer 2009 den Anerkennungspreis der Gemeinde Hünenberg, die seine Projekte immer wieder grosszügig unterstützt.

Im Jahr 2000 wurde Richard Balmer von den afrikanischen Kapuzinerinnen in Maua am Fusse des Kilimanjaro angefragt, ob er beim Aufbau einer Mädchenschule mithelfen wolle. Die Regierung hatte den Schwestern in Mivumoni fruchtbares Land dafür zur Verfügung gestellt. «Ziel war es, die perspektivlose Landjugend gut auszubilden, sodass sie nicht in die Städte abwandern und in die Kriminalität abrutschen würde.» 50 Prozent der Bevölkerung Tansanias sei unter 18 Jahre alt, sagt Balmer.

Gemeinsam mit den Schwestern vor Ort und grosser Unterstützung aus der Schweiz baute er in seinen Ferien und nach der Pensionierung ein Bewässerungssystem, einen grossen landwirtschaftlichen Betrieb und eine Internatsschule für 200 Sekundarschülerinnen auf. «Damit das Schulgeld tiefgehalten werden kann, sind die Mädchen in die praktischen Arbeiten im Schulgarten und auf den Feldern eingebunden», so Balmer.

Im Januar feierte er gemeinsam mit einer kleinen Delegation aus Hünenberg sowie den Schwestern, Lehrpersonen, Schülerinnen, Regierungsvertretern und Ehrengast Bischof Anthony Banzi die Einweihung der Schule. «Natürlich gibt es trotzdem noch viel zu tun.» Solange sie gesund bleiben, werden Vreny und Richard Balmer weiterhin mit anpacken, dies aber in der Gewissheit, dass es nun auch ohne sie weitergeht.

Vreny Balmer kümmerte sich als Familienhelferin um Mütter und ihre Kinder.

Vreny Balmer kümmerte sich als Familienhelferin um Mütter und ihre Kinder.

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