HUG GEGEN MOROSOLI
Fehlt die Lokomotive, muss Ersatz her

Der Coronastillstand fordert uns. Dessen Bewältigung braucht immer neue Strategien.

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Rahel Hug

Um Sport zu treiben, brauche ich jemanden, der mich anleitet und motiviert. Joggen und Velofahren geht auch, sogar gerne, aber dafür ist es mir momentan schlicht zu kalt und rutschig draussen. So kam es, dass ich mich kürzlich für einen Fitnesskurs angemeldet habe. Eine Stunde lang, jeweils an einem Arbeitstag über den Mittag, auspowern und abschalten zusammen mit anderen, dazu laute Musik, in einem beheizten und mit Spiegel ausgestattetem Raum, wunderbar. Genau so macht mir das Trainieren Spass. Die Freude liess ich mir auch durch die Maskenpflicht nicht nehmen, denn die Wirkung der Übungen ist ja umso besser, wenn die Sauerstoffzufuhr etwas eingeschränkt ist.

Doch dann kam das Homeoffice und damit die erste Herausforderung: Lohnt es sich, für die Sportstunde über Mittag fast 40 Minuten Weg auf sich zu nehmen? Eher nicht, entschied ich und liess den Kurs ab und zu sausen. Und jetzt ist sowieso alles abgesagt. Somit bin ich definitiv zum ultimativen Sportmuffel geworden. Eine App, die mir Übungen diktiert? Video-Gymnastik über den Fernseher? Oder sich ganz einfach ohne Anleitung auf der Yogamatte in der eigenen Stube abmühen? Das alles ist nichts für mich. Die Sporthose trage ich momentan zwar mehr denn je – aber nur, weil sie im Homeoffice einfach so schrecklich bequem ist.

Marco Morosoli

Mein Bewegungsradius schrumpft mit der Office-from-Home-Pflicht erneut massiv. Einmal im Tag zieht es mich an die frische Luft. Das muss sein, reicht für mich sportlich aber noch nicht. Ich steige zu Hause in regelmässigen Abständen auf mein aufgeständertes Velo. Zu Hause bin ich viel disziplinierter als im Fitnesscenter. Die an meinem Schlafzimmer vorbeifahrenden Busse sind meine Uhr.

Ein toller Nebeneffekt dieser Betätigung: Radeln eignet sich optimal für den Frustabbau. Ich höre zum Radeln seit kurzem Musik. Ich kann so meine Ohrgeräusche, die nur ich höre, temporär vergessen. Mein musikalischer Horizont erweitert sich so ständig oder längst Vergessenes landet dank dem You-Tube-Algorithmus in der Liederliste.

Ich habe sogar mit Gitarren Frieden geschlossen, welche ich noch bis vor kurzem den auf ihnen Spielenden jeweils am liebsten über den Kopf gezogen hätte. Auf «Trouble» von Fleetwood Mac oder die Balladen von Demis Roussos müsste ich verzichten. Das will ich aber nicht mehr.

Täglich mache ich Turnübungen, welche ich mit Ideen aus verschiedenen Zeitungen zusammengestellt habe. Hinterher bin ich müde aber glücklich. Turnen in den eigenen vier Wänden geht immer, für jeden, auch für meine Kollegin. Hinterher gibt es immer eine Belohnung.